Full text: Hessenland (6.1892)

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schöne Beute haben sie lange nicht mit nach 
Haus gebracht; sie wird den kleinen Geschwistern 
Körbchen und Ketten davon machen, es bleiben 
doch noch genug zum Verkauf.— — 
Aber da was leuchtet da im Grase? Jst's 
ein Geldstück, o, das käm ihr grade recht! Jetzt 
hält sie's in der Hand, eine schwarze, lederne 
Geldtasche, deren blanken Verschlußknopf sie in 
der Sonne blinken sah. „Gefunden, o, was ich 
gefunden habe," jubelt sie, aber die andern alle, 
die ebenfalls eifrig mit Suchen beschäftigt sind, 
achten nicht auf sie. 
Da kommen rasche Schritte den Weg entlang. 
Das Mädchen hört's und wendet sich nach dem 
Geräusch um. Es ist der jüngere der beiden 
Herren, die vorher an ihnen vorbei gegangen 
sind. Halb unbewußt läßt sie ihren Fund in 
die Tasche gleiten. 
Jetzt spricht der Herr die Kinder an: 
„Hört, ihr Kleinen, habt ihr nichts gefunden?" 
Die stehen da und schaun ihn dumm verlegen 
an, nur die eine große, blonde, sucht achtlos 
weiter. 
„Wir haben vorher hier ein Portemonnaie 
verloren, wenn einer von euch es findet, erhält 
er eine gute Belohnung." 
Wieder sucht sein Auge den Boden, er geht 
ein paar Schritt auf und ab. „Hier muß es 
doch gewesen sein, Onkel beschrieb mir genau die 
Stelle, wo er sein Taschentuch zog. Und ihr 
habt nichts gesehn?" 
Ne, erwiedert der große Junge, mä hon nix 
gesehn. 
„Marie! wo is' ds Marie gebliewen? Marie, 
der Schweizer kimmt!" 
Ja, dahinten kommt der Schweizer, der Auf 
seher des Parkes. 
Es ist verboten, auf den Rasen zu laufen, 
verboten, mit Stöcken und Steinen nach den 
Kastanien zu schlagen, die Kinder wissen das 
genau und wenden sich nun eilig zur Flucht. 
„Wo is ds Marie?" 
Der junge Mann geht auf den Parkwächter 
zu und klagt ihm seinen Verlust. 
„Glauben Sie, daß eins der Kinder das 
Portemonnaie an sich genommen hat?" 
„Ich weiß es nicht, und ich möchte nicht gern 
die Kleinen unschuldig anklagen, aber cs ist am 
wahrscheinlichsten, daß die Geldtasche hier an 
diesem Platz zu Boden fiel, und die Kinder 
waren vorher schon hier." 
„Nun, auf jeden Fall nehme ich sie in's Ver 
hör. Nachher erstatte ich Ihnen Bericht. Ich 
komme später nach der Bellevue. Wollen Sie 
mich da erwarten?" 
Mit seinen langen Beinen ist er hinter den 
Kindern her, die mit dem Wägelchen , und den 
vielen unbeholfenen Beinchen, die noch nebenher 
trotten, nicht so schnell vorwärts kommen. Der 
andre eilt zurück zu der Ruhebank, wo sein Be 
gleiter sich niedergelassen hat und schlägt dann 
mit diesem den Heimweg ein. 
Und Marie, die hübsche, blonde Marie, die 
sich mit ihrem Fund in's Gebüsch geschlichen 
hat? 
Da steht sie athemlos mit klopfenden Pulsen und 
hält, die Hand in der Tasche, das Portemonnaie 
fest umklammert. Ihren Fund? Jst's noch ein 
Fund oder ist's Diebstahl? Warum hat sie ihn 
nicht dem jungen Mann vor die Füße geworfen? 
Ihre Gefährten sind davon gegangen, sie hat's 
gesehen, die Schwester fuhr den kleinen Bruder. 
Was wird die Mutter sagen, wenn sie ohne 
die große Marie anlangen, und was, wenn sie, 
so ganz allein, hinterherkommt? Vielleicht, wenn 
sie jetzt aus dem Buschwerk hinaus eilt und den 
Weg entlang rennt, holt sie die andern noch 
ein. — Sie geht ein paar Schritte auf die Lich 
tung zu. Hier kann sie die ganze Allee über 
blicken. Da — weit hinten, sieht sie die Kinder, 
der Schweizer spricht mit ihnen. O, vielleicht 
hält er die für die Diebe. Wahrhaftig, jetzt 
sieht er den ganzen Wagen nach, Gott sei Dank, 
daß er da nichts findet. Aber sie, sie — glutrot 
steigt es ihr ins Gesicht. 
Soll sie vorgehen und sagen sie habe das eben 
erst gefunden? — Ach niemand würde ihr glau 
ben, und sie schämt sich so. 
Jetzt steigen die beiden Herrn den Berg hin 
auf. Ganz nah an ihr vorbei, aber das dichte 
Buschwerk deckt sie. Wie mühselig wird dem 
Alten der Aufstieg, wie langsam geht's vorwärts. 
Und sie eilt tiefer ins Gebüsch, immer tiefer, und 
klimmt dabei höher, immer höher. Fast hat sie 
den Gipfel erreicht, der Helle Kies der Promenade 
schimmert durch das Strauchwerk. Lebhaft ist's 
da oben, unzählige Spaziergänger wogen auf 
und ab. Ach, wenn sie auch da oben wäre. 
Unter den vielen Menschen würde sie sich ver 
lieren, Niemand würde auf sie achten. — Aber 
wenn sie auch glücklich nach Hause gelangte, wie 
soll sie dann ihrer Mutter und dem strengen 
Vater gegenüberstehn? Ach, sie sind immer ehr 
lich gewesen, die Eltern und die Geschwister 
immer! Und sie, und sie? Fortschleudern will sie 
den Fund und durch das Gesträuch hindurch 
brechen — aber, wenn man sie nun da oben 
schon erwartet? 
Da stehn sie gewiß, die Herren und der 
Schweizer, um sie in's Verhör zu nehmen. Jetzt 
könnte sie nicht mehr leugnen, und sie bliebe 
dann, auch wenn sie es nicht mehr in Händen 
halte, doch die Diebin!
	        

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