Full text: Hessenland (6.1892)

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sehr günstigen Zeugniß des Dr. Reinhard Jung 
in arm *) auch das vorlegen, welches ihm die 
Serlinische Wittib bei seinem Abgang ans dem 
Geschäft selbst ausgestellt hatte. Darin heißt es: 
„daß Boss sich während sechs Jahre solcher Ge 
stalt verhalten habe, wie es einem ehrliebenden 
treuen Schreiber gebührt und wohl ansteht." 
Sein Austritt erfolge, weil er „seine fortune 
anders versuchen wolle." Bösi geht nun in 
einer Klage, die er gegen die Wittwe wegen 
Verleumdung und Schädigung seines Gewerbes 
richtet, auf die von ihr gemachten Anschul 
digungen näher ein, um deren Unrichtigkeit nach 
zuweisen. Nach seiner Darstellung waren früher 
die Verhältnisse Serlin's sehr schlecht gewesen. 
Er selbst habe wegen seiner „habitualischen Trun 
kenheit" seinen Geschäften nicht vorstehen können. 
Bei seinem tödtlichen Abtritt sei seiner hinter 
lassenen Frauen von ihm anbefohlen worden: 
„daß sie ihre Affairen zuvörderst Gott und dann 
ihm, Böfs, anvertrauen solle." Mit allem 
Fleiß habe er sich der Geschäfte angenommen 
und solchen Erfolg gehabt, „daß die Serlinin 
dadurch von dem ihr so nah gestandenen Bettel 
stab in einen solchen Stand gesetzt worden ist, 
daß sie nunmehr mit ihren Kindern zu männig- 
liches Verwundern sowohl in Tastet und seidenen 
Kleidern mit güldenen Ketten und kostbaren 
Ringen aufziehen, als auch in ihrem Haus mit 
den herrlichsten Speisen sich erlustigen könne." 
Ihr hochstrafbarer Haß rühre zum Theil daher: 
„tret! ich ihrem Zumuthen nach sie zu heirathen, 
abgeschlagen." Nicht er habe sich einer Untreue 
schuldig gemacht, im Gegentheil sein Erspartes 
zur Erhaltung des Hauswesens hergeliehen und 
sei schließlich noch kurz vor dem Verlassen der 
Wohnung um eine Summe Geldes und Effekten 
bestohlen worden. Die Serlinin wolle „wie jene 
böse Kuh, die Weide allein zu fressen suchen." 
Und deßhalb sei es erforderlich, daß sie an 
gehalten werde, ihre Verlüumdungen „zur noth 
wendigen Defension und Rettung meiner Ehre, 
guten Leumunds und Reputation in ihren Hals 
und losen Busen, daraus sie solche gespeiet zu 
verschlucken und zu verdauen zur Rettung meiner 
Unschuld hierdurch zu retorquiren und zurück 
zuschicken." 
Mit der umfangreichen Klag- und Verthei 
digungsschrift begiebt sich nun Bösi eines Tages 
mit seinem Anwalt Notarius publ. Caes. An 
dreas Schunk nach Frankfurt in das Haus der 
*) Aus einer nachträglich aufgefundenen Notiz habe ich 
ersehen, das; es sich um Reinhard Jungmann hierbei han 
delt, einem jüngeren Bruder des Jacob I., der als Chur- 
mainzischer und Hessen-Homburgischer Rath in Frankfurt 
angestellt war. Hiernach ist Anmerkung 2, S. 247, 
Nr. 19 d. Zeitschr. zu berichtigen. 
Serlinin, um ihr dieselbe zu insinuiren. Die 
Wittwe machte allerhand Ausflüchte und Zu 
geständnisse „es sei nicht so schlimm gemeint 
gewesen", nimmt die Akte aber an sich. Nach 
dem die beiden Hanauer ihr Mittagsmahl in 
der Gastwirthschaft „zum Krachbein" eingenom 
men und im Begriff sind, die Rückfahrt anzu 
treten, spielt sich noch eine ergötzliche Scene auf 
der Straße ab. Es erscheint "der Anwalt der 
Serlinin in Begleitung zweier Zeugen und will die 
KlagschriftBöff zurückstellen. Dieser verweigert die 
Annahme, darauf wirft der Anwalt das Papier 
in den Wagen, deren Insassen es wieder heraus 
werfen , und so wiederholt sich das Ballspiel 
mehrmals, bis die Schrift auf der Gasse liegen 
bleibt und die Hanauer rasch abfahren. 
Einen empfindlichen Schlag führten die 
Frankfurter Gegner Böff's dadurch gegen ihn, 
daß sie die Post veranlaßten, die Beförderung 
des Mercurius, sowie der an ihn adrcssirten 
Packete zu verzögern, ja zu verweigern. Bösi 
beschwert sich darüber alsbald bei seinem Landes 
herrn, der sich beim Fürsten Thuen und Taxis, 
dem kaiserlichen Generalpostmeister, verwendet. 
Auch mußte jener Klage führen, daß wenn 
die Frankfurter Post seine Briefschaften befördere, 
sie ihm ein höheres Porto abnehme, als dem 
übrigen Publikum, vier statt drei Batzen. 
Während sich dieser Streit noch durch einen 
weitläufigen Schriftwechsel hinzieht, greift Böfs 
j entschlossen zu dem nächsten Mittel, sich von den 
Chikanen frei zu machen. Er bittet den Grafen 
von Hanau um das Privilegium, eine Kalesche 
selbst nach Frankfurt fahren zu dürfen. Das 
wird ihm auch schon unter dem 1. August 1679 
gewährt, „täglich eine herrschaftliche Hof- und 
Postkutsche mit zwei oder drei Pferden bespannt 
nach Frankfurt zu senden." Sie ^ darf das 
gräfliche Wappen führen, und verpflichtet sich 
Böfs gegen ein billiges Entgelt auch Personen, 
dagegen die gräflichen Briefschaften portofrei 
mitzunehmen. Von der gewöhnlichen Schatzung 
wird er ganz befreit. 
Nnterdeß wird der Kampf zwischen den Frank 
furter und Hanauer Behörden um das Recht, 
den Mercurius in der freien Reichsstadt ver 
treiben zu dürfen, noch Jahre lang in immer 
erbitterterer Weise fortgeführt und bis an den 
Wiener Hof gebracht. Dreimal gelingt es der 
Serlinischen Wittib kaiserliche Mandate zu er 
zielen, die dem Frankfurter Magistrat aufgeben, 
sie in ihrem Privileg zu schützen. Hierauf ge 
stützt , geht dieser immer schärfer vor, und läßt 
sogar Hanauer Zeitungsboten verhaften. Aber 
auch die Hanauer Regierung nimmt sich Böff's 
auf das kräftigste an, sodaß man aus dem Ton 
der gewechselten Noten annehmen könnte, es
	        

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