Full text: Hessenland (6.1892)

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die Kasseler politische Literatur, unterlassen es 
aber nicht, hier einen Passus wiederzugeben, in 
dem sich so recht seine damalige trübe Stimmung 
wiederspicgelt, die ihn sogar zu einem nichts 
weniger als gerechtfertigten Urtheile verleitet: 
„Wer da kommt, der zieht weg, und wer 
bleiben muß, der seufzt und sehnt sich so lange, 
bis er in dieser stagnirenden Gleichgültigkeit, 
dieser bleiernen Indolenz thatlos untergeht. 
Prometheus war ein Glücklicher und Tantalus 
ein Gott gegen einen Dichter in Hessen-Kassel, 
jener hatte doch wenigstens einen reellen bestimm 
ten Schmerz, und dieser ein Schaugericht; allein 
ein hiesiger Poet hat gar nichts, gilt gar nichts 
und ist, wenn man einmal einen mythischen 
Vergleich haben will, höchstens dem Sisyphus 
vergleichbar. — 
„Ich bin wehmüthig geworden, wie ich das 
geschrieben habe. Denn draußen ist's Herbst und 
Abend und drinnen ist mir herbstlich und abend 
lich zu Sinne. Wenn ich nicht in Kassel wäre, 
ich schrieb ein schönes Gedicht und gab' es den 
Winden, daß sie es forttrügen in jene dämmernde 
Ferne, jene duftige Höhe und Weite, wohin mein 
Sinn steht. So aber kann ich höchstens einen 
Abendgang machen zu dem Grabe Johannes von 
Müller's, der mit seiner Schweizer-Historie und 
seiner Staatsraths-Carrwre hier friedlich unter 
den anderen Todten liegt, nicht einmal so ge 
schmückt wie sie; seinen Hügel deckt der einfache 
Stein*). Die Todten sind in Kassel größer 
und weniger eitel als die Lebendigen." 
Ob wohl Franz Dingelstedt wenige Monate 
später, als er sich in Kassel eingelebt und Wohl 
gefallen an dem Leben und Treiben der hessischen 
Hauptstadt gefunden hatte, ebenso geschrieben 
haben würde? Wir bezweifeln es. 
Besser als die schöne Literatur kommen bei 
Dingelstedt die Geschichtsschreibung und die Rechts 
wissenschaft weg. Hierüber läßt er sich wie folgt 
vernehmen: 
„Die Erinnerung an Johannes von Müller 
führt mich auf die natürlichste Weise auf die 
hiesige Geschichtsschreibung, auf derem Felde 
allerdings erfreulichere Früchte gedeihen als auf 
demjenigen der Poesie. Rommel ist fortwährend 
für vaterländische Historie thätig und steht an 
der Spitze eines historischeil Vereins, der jetzt 
ein eigenes Blatt herausgiebt. — Auch für 
Rechtswissenschaft und Statistik geschieht bei uns 
inimer mehr, wie für schöne Literatur. Darin 
treten schriftstellerisch auf: Pfeiffer, die Gebrüder 
Murhard, Bickell, Hahndorf u. a. Seit einiger 
*) Das schöne Grabdenkmal, welches der König Ludwig I. 
von Bayern dem berühmten Historiker errichten ließ, war 
damals noch nicht vorhanden. Es stammt erst aus dem 
Zahre 1852, wenn wir nicht irren. 
Zeit erscheint sogar ein eigenes, juristisches 
Journal: „Der Rechtsfreund". Denn alles, was 
einen praktischen Zweck hat, „wobei etwas heraus 
kommt", findet in Kassel Anklang und Unter 
stützung — aber Gedichte, Novellen, Kritik, 
die blühen ja im Auslande genug." 
Dingelstedt schließt diesen Abschnitt nach einem 
kurzen Rückblick auf das religiöse Leben mit den 
für ihn selbst am meisten charakteristischen 
Worten: 
„Alles muß ck'noeorck sein bei uns. Voll 
ständige Ruhe, Ruhe des Grabes. 
„Schlafe wohl, du kalte schöne Stadt. Träume 
von That und Leben und sei wach im Schlum 
mer, wie du schläfst im Wachen!" 
Der dritte Abschnitt der „Bilder aus Hessen- 
Kaffel" ist der „Kunst" gewidmet. Wir über 
gehen denselben, da Wesentliches über ihn nicht 
zu berichten ist, und wenden uns der vierten 
Abtheilung zu, in welcher Dingelstedt es unter 
nimmt „die geselligen Zustände Kassels mit 
einigen Wandzeichnungen obenhin zu silhouettiren. 
Da dieser Abschnitt schon größeres Interesse 
bietet, so geben wir nachstehend die Hauptstellen 
wieder: 
„Anno dreißig — ich muß überall auf diese 
Periode, wie auf ein goldenes, mythisches Zeit 
alter zurückkommen — soll es hier in Kassel sehr 
hoch und bunt hergegangen sein. Damals waren 
alle Gemüther um einen Ton höher gestimmt, 
die allgemeine Freude schwebte auf Kothurnus- 
Schritten in der ganzen Stadt umher, und man 
sah den alten Kassel'schen Himmel gar nicht mehr 
vor lauter Baßgeigen, die daran hingen. Gegen 
wärtig ist der ausgetretene Strom hübsch be 
dachtsam in seine polizeilichen Ufer zurückgekehrt, 
und die Bälle, Landpartien, Gesellschaften und 
Vergnügungen kommen wieder in regelmäßiger 
Reihenfolge, gehörig vorbereitet und systematisch 
genossen. Aber die schroffsten und peinlichsten 
Schranken der Stände sind doch durch jene Be 
wegungen glücklich und nachhaltend niedergerissen. 
Die Elemente haben sich allerdings, so weit als 
solches thunlich, vereinigt; allein eben in dieser 
Vereinigung sind sie noch nicht recht wohl und 
warm geworden, es ist nichts Verschmolzenes, 
sondern nur ein Zusammengewürfeltes, keine Ver 
bindung, sondern ein Aneinanderrücken, das 
doch für beide Theile hemmend und fremdhaltend 
wirken muß. Man sitzt in bunten Gruppen 
neben einander und meidet jeden Schein eines 
Absonderns und Zurückziehens; dagegen lagert 
auch eine allgemeine Unbehaglichkeit, eine-nuf- 
fällige Stille über solchen öffentlichen Versamm 
lungsörtern. Ein leichtes, gefälliges Bewegen, 
wie im heiteren Süden, ein Begegnen und 
Durcheinanderwogen, eine anständig laute Heiter
	        

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