Full text: Hessenland (6.1892)

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Da war's, an einem September-Nachmittag, 
ich saß an meinem Tischchen neben dem offenen 
Fenster, durch welches mir der Abendwind den 
Duft der Herbstblumen aus dem Garten unten 
am Bach herauftrug. Die röthliche Sonne schien 
auf das Bild an der Wand, welches, das Märchen 
vom Dornröschen darstellend, als eine der liebsten 
Erinnerungen meiner Jugend mir noch heute 
werth ist. Ueber die Weiden hinweg und zwischen 
den hohen Pappeln hindurch konnt' ich fern im 
letzten Tagslicht die Weser sehen und die blauen 
Berge dahinter. Die Stunde war mir günstig 
— mühelos fügte sich Vers an Vers zur Nibe 
lungenstrophe, meine ganze Seele war in Dorn 
röschens Schloß. 
Auf einmal poltert es die Treppe herauf und 
herein stürmt Stech, mit einem Packet unter dem 
Arm. Als ich ihn sehe, weiß ich sofort Alles. 
Aber ich will mich nicht unterbrechen lassen, und 
er kennt mich darin. Mir gegenüber setzt er 
sich auf das bescheidene Sopha, das Packet zur 
Seite. Nicht lange jedoch erträgt er diesen Zu 
stand, und plötzlich fühl' ich es um mich herum 
sausen, an meinem Kopf vorüber, auf den Tisch 
hernieder, auf das Papier vor mir, bis Alles 
mit kleinen, zierlichen, weißen Heften bedeckt ist, 
wie mit Schneeflocken im Winter. Nun bin ich 
meines Glückes sicher; aber diese Sicherheit ist 
so süß, daß sie die Berührung mit der Wirklich 
keit der Dinge scheut. Stech aber, ungeduldiger 
als ich, springt auf, hält mir eines der Hefte 
dicht vor die Augen und ruft: „Da sieh's." 
Und da sah ich's: „Für Schleswig-Holstein! 
Geharnischte Sonette. Der ganze Ertrag ist für 
Schleswig-Holstein bestimmt. Hamburg, Hoff- 
mann 8c Campe, 1850." 
Noch jetzt, indem ich dieses schreibe, durchzuckt's 
mich mit dem Gefühle von damals — einem 
Gefühle, so zusammengesetzt aus stürmischer 
Wonne, Stolz, Dankbarkeit und Wehmuth, wie 
man es eben nur einmal empftnden kann, wenn 
man sein erstes Buch, und wär's auch nur ein 
Büchlein, gedruckt sieht. 
Und hier könnte die Geschichte desselben enden, 
aber sie hat noch ein Nachspiel. Wird man es 
dem Alten, der auf den Jüngling zurückblickt 
wie auf einen Fremden, wird man es mir ver 
zeihen, wenn ich sage, daß die Sonette zu jener 
Zeit wirklich einiges Aussehen machten? Vielleicht 
war es die Anonymität, die dazu beitrug. 
Man rieth auf den Verfasser, und Namen wurden 
genannt, die damals zu den besten gehörten. 
Wir, Stech und ich, rieben uns im stillen Ein- 
verständniß die Hände, bis eines Tages ein 
Blatt aus Hamburg kam, welches, o Schrecken!, 
als den Dichter der Sonette — Friedrich Ruhn 
in Rinteln bezeichnete. Julius Campe hatte 
das Schweigen gebrochen und das Geheimniß 
verrathen, aber doch nur das halbe; denn er 
wußte selber nicht mehr. Als die Nachricht sich 
in Rinteln verbreitete, wurde das ganze ruchbar; 
denn Jeder kannte mein Verhältniß zu Stech, 
und Jeder sagte sich sogleich, wer der wahre 
Verfasser sein müsse. Mir aber brannte das 
Licht auf dem Nagel, und in der Noth und 
Angst meines Herzens schrieb ich an Campe die 
volle Wahrheit, daß er durch mich dupirt worden 
sei, daß ich noch Gymnasiast, und ich beschwor 
ihn, mich nicht unglücklich zu machen durch Ver 
öffentlichung meines Namens. 
Inzwischen aber war die Wirkung in Rinteln 
auf Lehrer und Schüler die entgegengesetzte der 
jenigen, die ich erwartet oder gefürchtet hatte. 
Die Lehrer drückten vorläufig ein Auge zu, und 
die Schüler vernahmen es mit inniger Genug 
thuung, daß einer ihrer Commilitonen etwas 
zu Stande gebracht habe, wovon alle Zeitungen 
sprachen. Sie waren nicht mehr die, welche sich 
über mein erstes dichterisches Mißgeschick lustig 
gemacht, aber auch ich war ein Anderer geworden; 
wir waren um ein paar Jahre älter und durch 
die Schule jenes Mannes gegangen, der uns alle 
auf eine höhere Stufe der Charakterbildung 
emporgehoben hatte. Niemals werde ich den 
Abend vergessen, wo diese Jugendkameraden sich 
unter meinem Fenster aufstellten und unter Stech's 
Führung ein Lied zu singen begannen, das er 
selber componirt. Mein Herz schlug höher, als 
ich die Worte erkannte: 
„Ein heller Ruf geht durch die deutschen Lande...“ 
Es war das erste meiner Sonette; die Dänen, 
an denen ich mich einst poetisch versündigt, gaben 
mir nun diese volle Revanche. 
Ungetrübte Freude rief das Erscheinen des 
Sonettenheftes in meinem Elternhause hervor. 
Der Vater verehrte mir das erste Kistchen Cigarren, 
und meine Mutter, die so tapfer und treu zu 
dem Sohne gestanden in den Tagen des Zweifels, 
welch' ein Triumph für sie —, welch' ein denk 
würdiger Besuch bei Julius Campe, dem Verleger 
und Freund Heinrich Heine's! Doch auch der 
Beifall der Lehrer äußerte sich nun, und was sie 
dem Schüler nicht sagen mochten, das sagten sie 
mit aller Wärme dem Abiturienten. In der 
von Gervinus begründeten und herausgegebenen 
„Deutschen Zeitung" zu Frankfurt a. M., — 
ich glaube, mein späterer Freund Heinrich Kruse 
redigirte sie damals —, erschien ein Paragraph, 
der den Rinteler Gymnasiasten gleichsam in die 
literarisch-politische Welt einführte und mit einem 
herzlichen „Madie nova virtute!“ schloß. Einer 
meiner früheren Ordinarien war der Verfasser. 
Und ich hatte die Heidelberger Universität noch 
nicht bezogen, so war auch die Veröffentlichung
	        

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