Full text: Hessenland (6.1892)

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die meisten der Zeitungen Rücksicht auf den 
Wiener Hof nehmen, da sie mit kaiserlichem 
Privilegium erschienen. Zwei Hanpthülfsmittcl 
kr heutigen Presse fehlten gänzlich: der Leit 
artikel und die Inserate. Für den ersteren kann 
man die zu Zeiten massenhaft erscheinenden 
Flugblätter, in denen der Parteistandpunkt zur 
Geltung kam, gewissermaßen als einen Ersatz 
betrachten. Für die Inserate und amtlichen 
Bekanntmachungen wurden besondere, meist 
wöchentlich erscheinende Blätter im Laufe des 
vorigen Jahrhunderts hergestellt. Die Nach 
richten suchten sich die Herausgeber der Zeitungen 
auf alle mögliche Weise zu verschaffen, in den 
Hauptorten durch Agenten, deren Anonymität 
man streng zu wahren suchte, durch Mittheilungen 
der spärlichen Reisenden, durch Aushorchen der 
Umgebung von Staatsmännern, Generälen, Ge 
sandten und nicht zum wenigsten durch Nach 
druck aus anderen Blättern französischen, hol 
ländischen oder deutschen Ursprungs, die die 
Zeitungsschreiber durch die Post bezogen — wie 
heute auch noch. Letztere selbst standen in keinem 
besonderen Ansehn. Bei der Art ihrer Quellen 
ist es nicht zu verwundern, daß gar vieles Un 
richtige mit unterlief. Daher erfreuten sich die 
Zeitungen auch keineswegs des allgemeinen Bei 
falls der Gebildeten. Schon der große Satyriker 
Fischart goß die Schale seines beißenden Spottes 
über die damals noch geschriebenen „Novellen" 
und „das leichtgläubige Volk mit seinem Zeitungs 
kitzel" aus. Nicht weniger abfällig urtheilt 
Mvscherosch in seinen „Gesichten Philanders von 
Sittewald". Er spricht von „fuchsschwänzigen 
Historienmachern und Zeitungsschreibern, die 
hart neben dem Privet oder Sekret des Luzifer, 
eineni stinkenden Quartier, aus Furcht und 
Haß, aus Liebe auch, dasjenige schreiben, dessen 
sich die Kinder in den Schulen zu reseriren 
schämen und scheuen sollten." Und noch beinahe 
hundert Jahre später, 1734, fällt Zedler in 
seinem großen Sammelwerk ein recht absprechendes 
Urtheil über den Inhalt der Zeitungen. Er 
wünscht strenge Censur, denn „man kriegt täglich 
Blätter in die Hände, welche mit nichtswürdigen 
Kleinigkeiten oder mit Nachrichten angefüllt sind, 
woraus sich kein Mensch etwas nehmen kaun, 
z. B. von Krankheiten großer Herrn, die höchstens 
in einem Schnupfen bestehen, daß die Karosse 
des Herrn N. N. umfiel, er aber unbeschädigt 
blieb, Madame N. wolle sich von ihrem Manne 
scheiden lassen und in ein Kloster gehen, die 
Prinzessin von Modena sei in der Messe, her 
nach bei einer Prozession und Abends in der 
opera gewesen, die Nonnen des Klosters ch. 
wollten eine baufällige Wand repariren lassen 
und dergleichen mehr. Wenn nun solche Dinge 
von so weniger Erheblichkeit heute in Frankfurter, 
Hanauer und Nürnberger Blättern ständen und 
in etlichen Wochen in sechs anderen Zeitungen 
nochmals abgeschmiert und den geneigten Lesern 
vorgelegt würden, so sei das sehr verdrießlich. 
Das ganze Unheil komme aber daher, daß man 
alle Tage oder wenigstens viermal die Woche 
Zeitungen liefern wolle, ohne zu wissen, was 
man hineinsetzen solle." Solche Klagen könnte 
man theilweise auch heute noch erheben, aber 
wie würde der Inhalt unserer Tagesblütter zu 
sammenschrumpfen, wollte man alles Unwesentliche 
daraus entfernen. Ueber parteiische Mittheilungen 
urtheilt Zedler weniger streng. Er meint, es sei zu 
weilen gut, Verluste zu verringern oder zu verhehlen. 
Dergleichen Betrug nenne man „Staatsstreiche" 
— arcana imperii — und das sei ein ordent 
liches Verfahren der politischen Klugheit. Frei 
lich verkennt er auch nicht die Gefahren, die aus 
falschen Darstellungen für die künftige Geschichts 
schreibung erwachsen. Von den Zeitungsschreibern 
hat Zedler ebenfalls eine geringe Meinung. 
Aber trotz alledem kommt er zu dem Schluß 
„daß man die Unterdrückung der Zeituugsblätter 
als eine Finsterniß ansehen würde." Eine weit 
günstigere Beurtheilung des Werthes der 
Zeitungen und der Theilnahme des Volkes daran 
finden wir in Stieler's Büchlein (1695) 
„Zeitungslust und Nutz". Der Verfasser billigt 
es „daß die Prediger auf dem Lande mit ihren 
Schulmeistern und Schultheißen die Zeitungen 
halten und hernach daraus bei der Hochzeit, 
Kindtaufe oder Kirchweihe ein vernünftiges 
Urtheil hören lassen. Er empfiehlt die Lektüre 
der Zeitungen sogar den Frauen. „Es sei jetzt 
einmal nicht mehr die Zeit der alten Welt, wo 
das Weibsvolk gleich den Schnecken Jahr aus 
Jahr ein im Hause bleibet und arbeitet, sondern 
eine mehrere Freiheit erlanget hat in Gesell 
schaften zu kommen und politische oder Tugend 
gespräche zu halten." Wenn auch Stielcr die 
Unzuverlässigkeit der Zeitungen und besonders 
ihre Sprachmengerei tadelt — dieses letztere zu 
charakterisiren hat er seinem Werkchen ein Ver 
zeichniß der gewöhnlichsten Fremdworte bei 
gefügt , das nur einen einzigen Jahrgang be 
rücksichtigend 187 Druckseiten füllt, —- so zieht er 
doch die Summe seiner Betrachtungen in folgen 
den Worten: „Gewiß, die Novellen sind eine 
Eröffnung des Buchs der ganzen Welt, in 
welches ein Jeder sehen und mit wenig Kosten 
darin lesen kann." 
Ja, Stieler war weitblickender, als die meisten 
seiner Zeitgenossen, das „Buch der ganzen Welt" 
ist zu einem riesenhaften, stets wachsenden 
Folianten angeschwollen und zu einem Lebens- 
bcdürfniß geworden, wie das tägliche Brot.
	        

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