Full text: Hessenland (6.1892)

für Geschichte der ältesten Heilung in Kesten 
und ihres Kegrünöers. 
Von I. «ebelkhsu. 
s ie politische Tagespresse im Bereich des ehe 
maligen Kurfürstenthums hat, mit einer 
-, einzigen Ausnahme, niemals eine über die 
Grenzen des engeren Vaterlandes hinausgehende 
Bedeutung besessen. Nach kurzem Aufschwünge 
in den bewegten Zeiten der dreißiger Jahre, die 
eine Parteipresse überhaupt erst ermöglichten, 
1848, 1859 und 1866, sind die neu entstandenen 
Zeitungen unter dem Druck der Verhältnisse 
entweder bald wieder eingegangen oder leben als 
Lokalblätter weiter. Die einzige Ausnahme, mit 
deren freilich lückenhafter Geschichte wir^ uns, 
soweit es das erhaltene Aktenmaterial zuläßt, im 
Folgenden beschäftigen wollen, ist die Hanauer 
Zeitung. Sie kann auf eine mehr als zwei 
hundertjährige Geschichte zurückblicken, von einer 
kurzen Unterbrechung während des Bestehens des 
ephemeren Großherzogthums Frankfurt ab 
gesehen. Gegründet als ein großes politisches 
Blatt im damaligen Sinne, ist sie unter mehr 
fach wechselndem Namen doch dem Schicksal ihrer 
Kolleginnen nicht entgangen und führt ihr Dasein 
als Lokalblatt fort. Neben ihr kann sich, soweit 
mir bekannt, wohl nur das Frankfurter Journal 
und vielleicht eine Nürnberger und Hamburger 
Zeitung eines längeren ununterbrochenen Lebens 
in Deutschland rühmen. 
Zweihundert Jahre aber sind ein ehr 
würdiges Alter, wenn man die verhältniß- 
mäßige Jugend des ganzen Literaturzweiges 
berücksichtigt. Denn der Ursprung der Zeitungen 
im engeren Sinn, d. h. solcher, die ledig 
lich politische Nachrichten verbreiteten, reicht 
nur bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts.') 
Zuerst waren es gelegentliche schriftliche Mit 
theilungen, die besonders in befreundeten Fürsten 
kreisen von Hand zu Hand gingen. Nach 1580 
zeigt sich eine gewisse Regelmäßigkeit in den 
Berichten, sie fließen von bestimmten Plätzen 
aus wie Prag, Nürnberg, Leipzig, — andere 
verschweigen den Ort ihrer Herkunft —, und 
werden daun auch nummerirt. In einzelnen 
Bibliotheken, z. B. zu Weimar und Leipzig, sind 
ganze Bände solcher schriftlichen Zeitungen er 
halten. Für uns ist es von Interesse zu hören, 
daß auch der gelehrte Landgraf Moritz Werth 
auf den Empfang dieser Zeitungen legte. Er 
') Bei dieser Darstellung solge ich größtentheils dem 
Werk Opel's: „Die Anfänge der deutschen Zeitungspresse 
1600—1650." 
unterhielt und bezahlte deshalb Agenten in 
Leipzig und Frankfurt, die ihm die Blätter 
durch die Post zusenden mußten. Solche Agenten 
waren meist Postmeister, wie sich denn überhaupt 
ein engeres Verhältniß der Zeitungen zu der 
Post als zum Buchhandel entwickelt hat, sodaß 
die Leiter bis zu unserm Jahrhundert häufig 
Postbeamte waren. Wir werden noch sehen, daß 
dies auch bei der Hanauer Zeitung mehrfach 
vorkommt. 
Es ist der politischen Presse nicht leicht ge 
worden, die Stellung zu erringen, die sie heut' 
im öffentlichen Leben einniinmt, wo sie sich selbst 
gern als sechste Großmacht bezeichnet. Die Ent 
wickelung ist eine sehr langsame, es vergeht bei 
nahe ein Jahrhundert, ehe man zum Druck der 
Zeitungen schreitet. Mißtrauen, Uebelwollen 
und Verfolgungen begegnen ihnen auf Schritt 
und Tritt und müssen überwunden werden. 
Wann und wo die erste Zeitung gedruckt worden 
ist, läßt sich nicht mehr feststellen, die bis jetzt 
bekannte älteste deutsche erschien zu Straßburg 
1609. Es folgen Frankfurt 1615, die dasige 
nach 1866 mit dem Bundestag selig entschlafene 
Oberpostamtszeitung 1617 unter Leitung des 
Postmeisters Joh. von der Birghden, dann 
Berlin, Magdeburg, Nürnberg, Augsburg, 
Hildesheim, Hamburg, Leipzig, München?) Zu 
den ältesten Zeitungen zählen auch die Wiener. 
Sie alle erschienen wöchentlich ein-, auch zweimal 
in kleinem — Oktav — Format auf schlechtes 
Papier gedruckt und bringen Korrespondenzen 
aus den Haupt- und sonst bedeutenden Städten 
Europas. Die ini 17. Jahrhundert tonangebenden 
Staaten, wie Spanien, Frankreich, die Nieder 
lande, England, sind selbstverständlich dabei be 
sonders berücksichtigt, doch fehlen auch gelegent 
liche Nachrichten aus Rußland, Italien, selbst 
der Türkei, nicht. Von einer bestimmten Partei 
nahme kann man im Allgemeinen nicht reden, 
wenn auch während des Dreißigjährigen Krieges 
eine solche hier und da hervortritt, jenachdem 
Protestanten oder Katholiken am Erscheinungsort 
die Oberhand hatten. Vor Allem aber mußten 
') Ließe sich die Existenz des nach Schwarzkops von 
1618 bis 1630 zu Fulda erschienenen .Postreuter" nach 
weisen, so würde dies Blatt zu den ältesten deutschen 
Zeitungen gehören. Das ist bis jetzt jedoch nach keiner 
Richtung gelungen. Vergl. S. 228 der Nr. 17 vom 1. 
September v. I. dieser Zeitschrift.
	        

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