Full text: Hessenland (6.1892)

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der Name einer Muse vorgesetzt — weit über 
das erlaubte Maß ausgedehnt hat. Dort 
schildert er die Pfingstwoche in Kesselstadt, 
namentlich das Leben am zweiten Pfingstfesttage 
in der Aue, auf Wilhelmshöhe u. s. w. mit 
argen Uebertreibungen. Damit sich der Leser 
selbst überzeugen kann, lassen wir hier die 
Schilderung des Besuchs der berühmten Gemälde- 
Gallerie an diesem Tage folgen, die sich damals 
noch in dem früheren, von dem Stifter, dem 
Landgrafen Wilhelm VIII. erbauten, mit dem 
Bellevueschlosse in unmittelbarer Verbindung 
stehenden Galleriegebäude befand: „Mit dem 
Glockenschlag zwölf wird die Bilder-Gallerie er 
öffnet, aus einer Reihe prachtvoller Säle be 
stehend. An dem Eingänge des ersten harrt ein 
in Gold starrender Livroebedienter. „Nr. 1", 
ruft er aus, „die Jtaliäner!" Ihr tretet 
ein; wenn Ihr so glücklich gewesen seid, 
auf Kosten Eurer Rippen und Leichdörner, von 
der Menschenwelle gerade auf die Schwelle des 
Hauses geschleudert zu werden, ehe der Thür 
steher die hohen Pforten vor dem allzugefähr 
lichen Schwall wieder zuwarf. Ein hoher Saal 
empfängt Euch; aber die Bilder sucht Ihr ver 
gebens, denn kaum seid Ihr eingetreten, so fliegt 
schon die zweite Thür auf und ein in Silber 
starrender Livroediener ruft aus: „Nr. 2. 
Niederländer". Zu gleicher Zeit wird Nr. I, 
„die Jtaliäner", rücksichtslos geschlossen, obgleich 
Beispiele vorgekommen, daß einem kunstsinnigen 
Fräulein der Schleier von der zugeqnetschten 
Thüre zerrissen, ja Einer der wißbegierigen 
Gardisten, die besonders zahlreich sich einzustellen 
pflegen, zwischen Thür und Angel ganz zermalmt 
wurde. Ihr tretet in Nr. 2 ein; da öffnet sich 
Nr. 3. Ein in rother Broderie starrender 
Livreediener ruft: „Nr. 3. Altdeutsche Schule!" 
Athemlos springt Ihr aus den Niederlanden 
nach Altgermanien, ein Mensch in gelber Stickerei 
fängt Euch wie einen Federball; „Nr. 4. Neu- 
Franzosen" ruft er und wirft Euch einem fünften 
zu, bis Ihr am anderen Ende des Gebäudes 
mit Nr. 10 von einem Menschen in blauer 
Stickerei glücklich zur Hauptthür hinaus und 
wieder unter Gottes freien, mit eisernen Staketen 
durchschnittenen Himmel geschleudert werdet. 
Ihr seufzet tief auf, und es schlägt, indem der 
letzte Kunstfreund die steinerne Treppe hinunter 
fliegt, präzis ein Uhr. „Jn's graue Kabinet!" 
schreit die Menge, Ihr folgt, werdet durch 
Antiken, Vasen, Statuen, durch Herkulanum und 
Pompeji, Japan und China, Aegypten und 
Indien glücklich transportirt, um mit deni 
Glockenschlage zwei an der Schwelle des Speise 
saales abgesetzt zu werden." 
Daß Franz Dingelstedt wegen seiner „neuen 
Argonauten" vielfache Anfeindungen erfahren 
würde, war leicht vorauszusehen. Niemand 
würde es aber für möglich gehalten haben, daß 
der Verfasser des komischen Romans, in dem 
mau Alles, ausgelassenen Humor, kecken Witz, 
satirische Schärfe, nur keine Blasphemie entdecken 
wird, wegen der letzteren zur Rechenschaft gezogen 
und disziplinarisch gemaßregelt werden sollte. 
Und doch verhält es sich so. Wie Julius Rodcn- 
berg berichtet, findet sich in dem Nachlasse Dingel- 
stedt's ein Auszug aus dem Protokolle kurfürst 
licher Regierung der Provinz Fulda ck. ck. 20. Sep 
tember 1839, folgenden Inhalts: 
Beschluß Kurf. Ministeriums des Innern vom 12. d. M. 
Den von dem Gymnasiallehrer Franz Dingelslädt (sic!) 
dahier unter dem Titel „Die neuen Argonauten" heraus 
gegebenen Roman betr.: 
„Beschluß. Dem Herrn Gymnasiallehrer Dingelstedt 
dahier wird zur Vollziehung höheren Auftrages nicht 
nur eine ernste Zurechtweisung ertheilt, sondern der 
selbe auch zugleich in eine Ordnungsstrafe von zw anzig 
Thalern genommen, weil die Profanirung h-iliger 
Schristworte nicht gerechtfertigt erachtet worden sey, 
diese unziemende Handlung aber dem Berufe eines 
Jugendlehrers eben so sehr widerstreite, als auch die für 
sei» Amt nöthige Achtung und das erforderliche Ver 
trauen beeinträchtigt werden, daher das disziplinarische 
Einschreiten gegen ihn nicht habe unigangen werden 
können. 
Und dabei blieb es. Vergeblich stellte sich 
Dingelstedt dem ihn verhörenden Polizei-Direktor 
gegenüber auf den ästhetischen Standpunkt; ver 
geblich remonstrirte er in schuldiger Ehrerbietung 
bei einem hohen Ministerium; umsonst wandte 
sich der Gemaßregelte in einem Immediatgesuche 
an den Landesherrn, die Antwort, die er erhielt, 
bestand darin, daß ihm in Hessen die Führung 
des Doktortitels, den er sich in Jena geholt 
hatte, als im Auslande erworben, höheren Ortes 
untersagt wurde. 
Am 30. September 1838 war Franz Dingel 
stedt aus Kassel geschieden, um sich als „Zobel- 
fänger" nach Fulda in die Verbannung zu be 
geben und dort ein noch ungebundeneres Leben 
zu führen, aber auch durch neue glänzende 
poetische Schöpfungen seinen Ruf als Dichter zu 
mehren und Ruhm und Ehre einzuernten. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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