Full text: Hessenland (6.1892)

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auszuwandern. Man forschte dein Grunde dieser 
Erscheinung nach und fand, daß von einigen 
früher nach Berlin verzogenen Arbeitern Briefe an 
gelangt, in den Hanauer Fabriken verlesen worden 
wären und durch ihren Inhalt die Entlassungs- 
gesuchc hervorgerufen hätten. Man kam auch den 
Umtrieben eines gewissen in Frankfurt wohnhaften 
Barons von Freytag auf die Spur, der, wie es 
schien, im Auftrag des Königs von Preußen die 
Arbeiter nach Berlin zu locken suchte. 
Diese Dinge beeilte man sich der Regierung 
mitzutheilen. Den Verdacht, Paß Friedrich der 
Große seine Hand mit im Spiele haben könnte, 
wies dieselbe vollständig zurück: einen solchen 
Gedanken ließen die ausgezeichneten, herzlich 
freundschaftlichen Beziehungen des Königs zu dem 
Landgrafen nicht zu. Baron von Freytag, von 
dem man überhaupt eine sehr wenig vortheilhafte 
Meinung hatte, werde, meinte man, wohl im 
eigenen Interesse derartig gegen das zehnte Gebot 
handeln. Wie dem aber auch wäre, man beschloß, 
die weiteren Auswanderungen von Arbeitern nach 
Berlin zu verhiudern, zunächst dadurch, daß 
man sie warnte, den ihnen vermuthlich von 
dorther geniachten Versprechungen zu trauen. 
Man verwies dabei auf ein frisch in der Er 
innerung der Hanauer lebendes Beispiel, das in 
mehr als einer Beziehung lehrreich ist: zeigt es 
doch, daß man Menschenhandel auch damals 
vcrurtheilte, und liefert so in seiner Art einen 
Beweis dafür, daß nach der allgemeinen Vorstellung 
die Soldatenvermiethungen an fremde Mächte 
nicht unter diesen Namen fielen. Die warnenden 
Worte der Regierung lauten: 
„Das bekannte Exempel mit dem annoch hier 
in Hast sitzenden Hamburgischcn Emissario, so 
zu einem unerlaubten Menschenhandel nacher 
Süd-Carolina gebraucht gewesen, giebt hiervon 
ein klares Beispiel (nämlich von der Unzuver 
lässigkeit derartiger lockender Versprechungen) und 
zeiget das an dortige Regierung communicierte 
in sämmtliche hessische Landen ergangene gedruckte 
Ausschreiben, was hierunter für Betriegereien 
vorgegangen, wie die verführten Unterthanen, 
welche kein beträchtliches Vermögen mitgebracht, 
die vorschießenden Transport- und Reisekosten in 
einer langwürigen Sclaverei abverdienen müssen." 
Den Auswanderern nach Berlin werde cs 
nicht besser gehen. Die meisten seien gezwungen, 
das angebotene Reisegeld, das ihnen unterwegs 
in Leipzig ausgezahlt wurde, anzunehmen. Da- i 
durch geriethen sie vollständig in die Hand der 
Fabrikanten, müßten mit jedem ihnen gebotenen 
Lohnsätze zufrieden sein und mühselig das Reise 
geld abverdienen. 
Außerdem, daß man diese Verwarnung in den 
Fabriken mittheilen ließ, griff man zu dem ent- ! 
schieden kräftigeren und damals auch garnicht 
ungewöhnlichen Mittel, die beunruhigenden Briese 
einfach aufgreifen zu lassen. 
Den Akten über diesen Vorfall liegen einige 
solcher Briefe bei, die übrigens ohne jede Ge 
waltmaßregel von dem Empfänger, einem alten 
Hanauer Bürger, der nicht einmal selber lesen 
noch schreiben konnte, abgeliefert worden sind. 
Sie sind von Berliner Seidenarbeitern ge 
schrieben, zum Theil überraschend durch Hand 
schrift und Stil, zum Theil so, wie wir sie von 
einem Arbeiter erwarten. Gerade der un 
orthographischste der Briefe rührt aber durch 
seinen Ton und giebt uns einen hübschen Einblick 
in die Verhältnisse dieser einfachen Leute. Er 
beginnt: 
„Herrtz Bill geliebte Eltern. 
Dero ihrr werthes schreiben habe den 14 8br. 
(Oktober) richtig erhalten, und daraus ersehen, 
das sie anoch bei gutter gesundheit sei», welches 
mich hertzlich erfreut, habe auch ersehen, das sie 
zwei schweine geschlagtet, daran ich vernehme, 
das Sie gottlob noch gutte Nahrung haben, 
ihm Haußstand, hertzliebe Elter», sie haben uns 
vill fegen und vergnügen und alles Wohlsein 
zum neuen Jahr gewünschet, wovor ich mich 
kindlich bedange, Es hätte meine schuldigkeit 
zuvor erfordert, aber ich war dazumal mit 
meiner Frau im Unglück, das ich unmöglich 
getönt habe." 
Daran schließt sich nach einer ziemlich aus 
führlichen Beschreibung der Krankheit seiner Frau 
eine Aufforderung, ihm seinen jüngern Bruder 
Ludwig zu schicken, auch sonst vielleicht Leute ans 
Hanau auf Berlin hinzuweisen, ivv es Arbeit 
genug, aber zu wenig Gesellen gebe. Letzteres 
bestätigen auch die anderen Briefe: es lägen 
so viele Bestellungen vor, daß man gern mehr 
Webestühle aufstellen möchte, wenn man nur Ge 
sellen bekäme. 
Wie weit es den Maßnahmen der Regierung 
gelungen ist, einer unbesonnenen Auswanderung 
vorzubeugen, können wir nicht sagen. Schwerer 
als diese aber schädigten die Jahre des sieben 
jährigen Krieges die Seidenindustrie. Furcht 
bar hausten die Franzosen im Lande. Die 
Maulbeerbäume wurden niedergehauen oder ver 
kamen aus Mangel an Pflege, unerschwinglich 
waren die dem Lande auferlegten Kontributionen. 
Abgesehen davon, daß es Jahre lang die fran 
zösischen Truppen ernähren mußte, wurden 
750 000 tivrss Kontribution von ihm gefordert, 
und als bei Ankündigung des Todes des Land 
grafen Wilhelm VIII. und des Uebergangs der 
Regierung an seine Schwiegertochter Maria ein 
Formversehen vorgefallen war, noch weitere 
200000 Thaler „Strafe" diktirt. Verhängniß-
	        

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