Full text: Hessenland (6.1892)

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hier zunächst bes chäftigen, war das Ländchen 
persönliches Eigenthum des Statthalters Wilhelm, 
dem es sein Bruder schon 1735 im Voraus ab 
getreten hatte. 
Diese Sonderstellung, die auch noch während 
der ganzen Regierung Friedrich's II. blieb, indem 
der spätere erste Kursürst ziemlich unabhängig 
in Hanau residirte, brachte dem Lande jedenfalls 
den Segen, daß mit einer besonderen Liebe und 
Aufmerksamkeit über sein Wohlergehen gewacht 
wurde. 
So sehen wir denn auch, daß Wilhelm VIII., 
sobald er in den Besitz des Ländchens ge 
kommen war, sich bemühte, die damals allent 
halben in Aufnahme kommende Seidenzucht auch 
hier zu fördern. Noch im Jahre 1736 ließ inan 
die ersteil 2300 Maulbeerbäume aus Frankreich 
kommen und im Hanauischen anpflanzen. Der 
Kammerjunker Du Plessis, später der Hof- 
marschall von Forstner hatten die Oberleitung 
der ganzen Einrichtung. „Die Wartung der 
Seidenwürmer und die Behandlung des Ge- 
spinnstes geschah in der Behausung eines ge 
wissen Aunand und theils in der Remise zu 
Kesselstadt bei Hanau unter der Aufsicht eines j 
Fabrikanten Namens Tessonier." ') Obgleich 
nun diese beiden Namen darauf hindeuten, daß 
es französische Hugenotten gewesen sind, die 
diesen Erwerbszweig vorzugsweise pflegten, und 
man vermuthen könnte, daß sie ihn auch im 
letzten Viertel des 17. Jahrhunderts über den 
Rhein gebracht hätten, so bleibt die Ehre, die 
erste Seidenspinnerei gegründet zu haben, doch 
einem Deutschen. Obwohl Seidenwaaren schon 
vor 1720 in Hanau beliebt waren und daselbst 
durch einen gewissen Denis Nolhac vertrieben 
wurden, handelte es sich bis 1727 immer nur 
um französische Waare. Erst in diesem Jahre 
erschienJohann Christian Schreiber '), ge 
bürtig von Langensalza in Thüringen, bei 
Nolhac und erbot sich, ihm die benöthigten 
Zeuge in Hanau selbst anfertigen zu lassen. Mit 
großen Schwierigkeiten hatte Schreiber zu 
kämpfen, bis Schlosser und Tischler nach seinen 
Angaben alle nothwendigen Maschinen hergestellt 
hatten. Dann begann die zweite Schwierigkeit, 
die Arbeiter anzulernen. Die Lehrmeister fanden 
sich nicht im Lande, man mußte suchen, sie von 
auswärts zu gewinnen. Doch kam er endlich 
soweit, eine eigene Fabrik anzulegen, zu der ihm 
das Privilegium unter dem 15. August 1732 
ertheilt wurde a ). 
In welcher Weise man nun in damaliger 
Zeit verfuhr, um eine Industrie in's Land zu 
’) Nach Hanauisches Magazin von 1783. 
2 ) Urkunde im Marburg er Staatsarchiv. 
locken oder sie einem bestimmten Orte zu geben, 
zeigt uns ein Aktenstück aus jener Zeit. In 
Herbergen, au Landungsstellen der Boote auf 
Rhein und Main und ähnlichen Orten wurde 
ein „Avertissement" angeheftet, das sicherlich 
manchem fahrenden Gesellen und manchem unter 
nehmungslustigen Heimathslosen in die Augen 
fallen mußte. Ein solches vom 5. Januar 1753 
beginnt mit den Worten: 
„Dem Publico wird hiermit zu wissen ge 
macht, daß des regierenden Herrn Fürsten zu 
Löwenstein-Wertheim hochfürstliche Durchlaucht 
gnädigst resolvieret haben, in dcro am Main 
zur Handelschaft sehr bequem gelegenen Orte 
Klein-Heubach, ohnweit Miltenburg, allerlei 
Fabrikanten gnädigst aufzunehmen, und den 
selben, die sich in gedachtes (so!) Ort begeben 
wollen, beträchtliche Freiheiten und Vortheile 
zu cvncedieren." 
Daran schließt sich daun eine sorgfältige 
Schilderung der günstigen Lage von Klcin- 
Heubach sowie eine genaue Angabe der zu er 
wartenden Freiheiten. 
Was dem Einen recht war, war dem Anderen 
billig: die Landesherren suchten einander in 
Versprechungen von Freiheiten zu überbieten, 
und bei dem bunten Aussehen der damaligen 
Landkarte von Deutschland kam es daun zu 
allerhand Uuzuträglichkeiteu. Schon das war 
eine mißliche Folge, daß über die allenthalben 
angebotenen Immunitäten sich sehr bald in den 
Köpfen eine ganz falsche Vorstellung festsetzte. 
Während sie doch nichts weiter waren als eine 
Form der staatlichen Unterstützung von Industrie 
zweigen, die auch heute noch gewährt wird 
(Rumänien z. B., das vor vier Jahren etliche 
Zementfabriken anlegte, gewährte den Unter 
nehmern zollfreien Eingang sämmtlicher Maschinen 
aus Deutschland), sah man sie bald als eine 
rein persönliche Belohnung und Auszeichnung 
au, die gar nichts mit ihrem ursprünglichen 
Zweck zu thun hatte. Wir haben beispielsweise 
gerade aus Hanau Akten, daß die steinreiche 
Wittwe eines Seidenfabrikanten, die fortan von 
ihren Renten leben will, unverfroren um Weitcr- 
gewähruug der Abgabeufreiheit einkommt, was 
naturgemäß abschlägig beschicden wurde. 
Es kamen aber noch andere Dinge vor, 
welche den Fortgang der Industrie ernsthafter 
bedrohten , und über einen solchen für die da 
malige Zeit sehr bezeichnenden Vorgang soll noch 
nach dem in Marburg liegenden Aktenmaterial 
berichtet werden. 
Im Jahre 1753 geriethen die Seidenfabrikanten 
Hanaus in nicht geringe Aufregung, als rasch 
hinter einander eine Reihe ihrer tüchtigsten Ar 
beiter ihre Entlassung nachsuchten, um nach Berlin
	        

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