Full text: Hessenland (6.1892)

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Der Feind, welcher sich überall setzen wallte, 
wurde genöthigt, die Frankfurter und Hanauer 
Straße zu verlassen. 
Wir haben 6000 Gefangene gemacht und 
mehrere Kanonen genommen. Der Feind hatte 
sechs todte oder verwundete Generäle. Sein 
Verlust mag sich ungefähr auf 10 000 Todte, 
Blessirte und Gefangene belaufen. Der unsrige 
beträgt nicht über 400 bis 500 an Todten und 
Blessirten. Von unserer Seite waren nur 5000 
Tirailleurs, 4 Bataillone von der alten Garde, 
ungefähr 80 Eskadrons Kavallerie und 120 
Kanonen im Gefecht. 
Den 31. Morgens zog sich der Feind gegen 
Aschaffenburg zurück. Der Kaiser setzte seine 
Bewegungen fort, und um 3 Uhr Nachmittags 
waren Se. Majestät in Frankfurt. 
Die in dieser Schlacht und in den von Wachau 
und Leipzig genommenen Fahnen wurden nach 
Paris abgeschickt. 
Den 31. Abends war das große Haupt- 
quartier in Frankfurt. 
>Le Keiömzucht in Kanau im vorigen Jahrhundert. 
Von Di'. «Lrich Meyer. 
^vethe erzählt in „Dichtung und Wahrheit": 
„Eine besondere Liebhaberei meines Vaters 
machte uns Kindern viel Unbequemlichkeit. Es 
war nämlich die Seidenzncht, von deren Vortheil, 
wenn sie weiter verbreitet würde, er einen großen 
Begriff hatte. Einige Bekanntschaften in H a n a u, 
wo man die Zucht der Würmer sehr sorgfältig 
betrieb, gaben ihm die nächste Veranlassung. 
Von dorther wurden ihm zu rechter Zeit die 
Eier gesendet; und sobald die Maulbeerbäume 
genügsames Laub zeigten, ließ man sie aus 
schlüpfen und wartete der kaum sichtbaren Ge 
schöpfe mit großer Sorgfalt. In einem Mansard- 
zimmer waren Tische und Gestelle mit Brettern 
aufgeschlagen, um ihnen mehr Raum und Unter 
halt zu bereiten: denn sie wuchsen schnell und 
waren nach der letzten Häutung so heißhungrig, 
daß man kaum Blätter genug herbei schaffen 
konnte, sie zu nähren, ja, sie mußten Tag und 
Nacht gefüttert werden, weil eben alles darauf 
ankommt, daß sie der Nahrung ja nicht zu einer 
Zeit ermangeln, wo die große und wundersame 
Veränderung in ihnen vorgehen soll. War die 
Witterung günstig, so konnte man freilich dieses 
Geschäft als eine lustige Unterhaltung ansehen; 
trat aber Kälte ein, daß die Maulbeerbäume 
litten, so machte es große Noth. Noch un 
angenehmer aber war es, wenn in der letzten Epoche 
Regen einfiel; denn diese Geschöpfe können die 
Feuchtigkeit gar nicht vertragen, und so inußten 
die benetzten Blätter sorgfältig abgewischt und 
getrocknet werden, welches denn doch nicht immer 
so genau geschehen konnte, und aus dieser oder 
vielleicht auch einer anderen Ursache kamen 
mancherlei Krankheiten unter die Heerde, wo 
durch die armen Kreaturen zu Tausenden hin 
gerafft wurden. Die daraus entstehende Fäulnis; 
erregte einen wirklich pestartigen Geruch, und 
da man die Todten und Kranken wegschaffen 
und von den Gesunden absondern mußte, um 
nur einige zu retten, so war cs in der That 
ein äußerst beschwerliches und widerliches Ge 
schäft, das uns Kindern manche böse Stunde 
verursachte." 
Das ist aus klassischer Feder eine Schilderung 
der Freuden und Leiden der Seidenzucht. Um 
aber in aller Kürze zu zeigen, wie sehr sich 
einstmals des alten Goethe Urtheil über den 
Werth dieses Geschäftszweiges bestätigt hat, 
mag angeführt werden, daß im Jahre 1785, 
also rund ein Menschenalter später, der Seiden 
bau in den preußischen Staaten einen Ertrag 
von drei Millionen Thalern brachte und mit 
dieser Zahl den dritten Rang unter sämmtlichen 
größeren Fabrikzweigen einnahm. Dazu kam 
noch, daß diese drei Millionen Thaler sich auf 
nur 6000 Beschäftigte vertheilten, während ans 
die in der Leinwandfabrikation gewonnenen neun 
Millionen 80,000 Arbeiter kamen, was für den 
Seidenarbeiter ungefähr einen fünffachen Ver 
dienst gegenüber dem Leinenarbeiter bedeutete. 
Aus der Stelle aus „Dichtung und Wahrheit" 
interessirt uns noch besonders die Angabe, daß 
Goethe die Eier der Seidenraupen aus Hanau 
bezogen habe, und soll uns dies Veranlassung zu 
einigen Bemerkungen über diesen Industriezweig 
und seinen Betrieb im vorigen Jahrhundert zu 
Hanau geben. 
Bekanntlich ging die Grafschaft Hanan-Münzen- 
berg 1736 in Folge eines Erbvertrages an 
Hessen-Kassel über, wo damals Wilhelm VIII. 
noch als Statthalter seines älteren Bruders, 
Friedrich's I., Landgrafen von Hessen und Königs 
von Schweden, regierte. Die Regierung der 
Grafschaft ist aber erst 1785 mit Hessen- 
Kassel vereinigt worden: in den Jahren, die uns
	        

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