Full text: Hessenland (6.1892)

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doch dieser tapfere, ebenso bescheidene wie ans 
gezeichnete General trug dem keine Rechnung. 
Um eine Diversion auf diesen Punkt zu unter 
nehmen , befahl der Kaiser der Kavallerie 
der Garde nach der Landstraße zu de- 
bouchiren; die Grenadiere zu Pferde waren an 
der Spitze; sie stürzten sich auf den Feind, 
wurden aber zurückgeworfen und aufgenommen 
von eineiu Regimente der Ehrengarde, das aus 
jungen Leuten von guter Familie bestand, welche 
zum ersten Male in den Kampf eingetreten 
waren, jedoch eine große Entschlossenheit zeigten. 
Die Grenadiere sammelten sich hinter diesem 
Regimente, während die Dragoner den Angriff 
wieder aufnahmen und den Feind ihrerseits 
zurückschlugen. Das geschah mit Erfolg, denn 
sie durchbrachen die Carres. Der General 
Drouot war nicht ohne große Verluste dazu ge 
laugt, seine Batterieen aufzustellen; allmülig 
errichtete mau dann noch weitere Batterieen auf 
anderen Punkten. Man war an die Lisiöre 
des Waldes gekommen. Der Feind wich überall 
zurück und überschritt den Fluß, aber er ver 
theidigte Hanau und hatte noch gegenüber 
unserem rechten Flügel eine Batterie, welche man 
nicht zum Schweigen bringen konnte, und die 
uns vielen Schaden zufügte. Wir hätten großen 
Vortheil aus dem Rückzüge der Bayern ziehen 
können, aber der Kaiser, der während des ganzen 
Tages in dem Walde geblieben war, bekümmerte 
sich um nichts, jeder handelte nach eigenem Gut 
dünken, und folglich fehlte das Zusammenwirken. 
Man glaubte genug gethan zu haben, nachdem 
man den Fluß genommen und den Feind zurück 
geworfen hatte, aber man ließ außer Acht, daß 
es sich in unserer Lage darum handelte, durch 
zubrechen, und daß, solange Hanau nicht ge 
nommen war, die Verbindung nicht frei sein 
würde. 
Der Tag war vorgeschritten, und die Batterie, 
von der ich redete, belästigte uns viel; sie be 
schoß anhaltend und sicher die Schlucht an der 
Landstraße. Ich befand mich persönlich daselbst. 
Die Kavallerie von Nansouty kam längs des 
Waldes heran; ich trug ihr ans, einen Angriff 
auf die Batterie zu machen und dieselbe zu 
nehmen. Nansouty verweigerte es unter dem 
Vorwände, seine Truppe sei zu ermüdet. 
„Machen Sie mir hier nicht ein Trugbild vor", 
sagte ich ihm, aber die Antwort blieb die gleiche. 
Ich sprach zu ihm mit vieler Hitze, als ein 
Generaladjutant des Kaisers vorüberkam und 
mich fragte, was ich vor hätte. „Sehen Sie," 
sagte ich ihm, „ein wenig Anstrengung, und diese 
Batterie wird unser sein. Wenn der Kaiser 
hier wäre, würde man, wenn auch nicht mit 
Kraft handeln, so doch seine Pflicht thun; in 
unserer Lage ist cs nothwendig, alle Hindernisse 
zu besiegen und vorwärts zu dringen." — 
„Wünschen Sie den Kaiser?" sagte er, „ich 
bringe Ihnen denselben her." „Ja," antwortete 
ich, „wenn Sie es können." Es war schon 
spät, und anstatt selbst zu kommen, schickte er an 
Nansouty. den Befehl, anzugreifen. Dieser brach 
endlich auf, aber sobald der Feind die Bewegung 
bemerkte, zog er sich zurück, was einige Stunden 
früher für uns ein großer Vortheil gewesen sein 
würde. 
Ich hatte meine Trümmer an der Lisiöre des 
Waldes zusammengezogen, links von der großen 
Straße. Wir befanden uns nur in einer geringen 
Entfernung von Hanau; ein Theil der Truppen 
bewegte sich dorthin, aber ein lebhaftes Gewehr- 
feuer ließ sie außerhalb der Schußweite halten. 
Wir waren seit einiger Zeit in Ruhe, als ich 
aus dem Walde nach der Landstraße hin, bei 
der ich hielt, eine unförmliche Kolonne defilircn 
sah, an deren Spitze sich eine angezündete Fackel 
befand. Man sagte mir, daß das Gerücht ver 
breitet sei, ich weiß nicht auf welchen Grund 
hin, Hanau sei geräumt, und da der Kaiser 
dort ein gutes Nachtquartier finden würde, habe 
er sich ohne weitere Erkundigung in Marsch 
gesetzt. Vor ihm wurde die Fackel getragen; 
alles, was sich im Walde befand, folgte durch 
einander : Truppen, Kriegsgcrüthe, Handpferde, 
Artillerie rc. Ich verlangte mein Pferd, um die 
Spitze des Zuges zu gewinnen und den Irrthum 
aufzuklären ; aber diese Masse, welche bei dem Aus 
tritte aus dem Walde sich ausbreitete, hinderte mein 
Durchkommen; ein Graben zur Linken des Weges 
zwang mich, längs desselben mich zubewegen, doch 
einige Schritte davon überschritt ich ihn und 
suchte die Spitze zu gewinnen. Plötzlich geboten 
einige Gewehrschüsse Halt, man sah die Fackel 
rechts abschwenken und eine krumme Linie be 
schreiben, um in den Wald zurückzukehren, aus 
welchem immer noch die unförmliche Masse heraus 
trat, sich verdichtend und drückend nach der 
plötzlich ausgehaltenen Spitze. Ich befand mich 
dergestalt eingeschlossen in das Gewühl, daß ich 
weder vorwärts noch rückwärts konnte und es 
mir unmöglich war, den Kaiser zu erreichen. 
Ich wollte den Graben wieder gewinnen und 
die Lisiöre des Waldes, bedauernd dieselbe ver 
lassen zu haben, aber meine Versuche waren ver 
geblich. Endlich gab ich, ungeduldig geworden, 
meiner Gendarmen-Begleitung den Befehl, mit 
dem Säbel in der Hand niich zu befreien. Sie 
gehorchten, rufend: Platz, Platz! Eine einzige 
Stimme ließ sich aus der Masse vernehmen: 
„Was ist mit den Gendarmen los, die so viel 
Verwirrung verursachen?" Es war die Stimme 
des Grafen Daru, des Generalintendanten
	        

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