Full text: Hessenland (6.1892)

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Mit des Liedes Heertrompete, mit des Reimes 
Trommelschlag 
Wecke, was in Dir und schon zu lange schlafend lag! 
Horch, es rasselt die Reveille auf den Märkten, ans 
den Gassen; 
Wollt ihr euch am vollen Morgen in den Federn 
sahen lassen? 
Wacht der Widerhall im Steine, eh' das Menschen 
herz erwacht? 
Draußen Tag und frische Regung, hier allein noch 
stumme Nacht! 
Wirble, Lied, vor den Palästen, vor Kanzleien und 
Kasernen, 
Daß der Garde bunte Trommler erst von dir das 
Handwerk lernen; 
Schmett're, Jerichoposaune, bis die letzte Schranke fällt, 
Die das kleine Hessenländchen scheidet von der großen 
Welt. 
Nur an einer Stelle dämpfe sich dein Ton zu dumpfer 
Trauer; 
Einen Leichenmarsch beginne an bekannter Kerkermauer; 
Und vor jenem Erkerfenster, blumenreich und sonnenhell, 
Dort ans süßer Angewöhnung schlag' zum letzten 
Mal Appell! 
Wo das Spiel des Krieges Mode und solenne Wacht- 
parade, 
Billig ist's, daß auch der Dichter da sein Heer zur 
Must'rung lade, 
Ha! wie funkeln seine Waffen in dem rothen Strahl 
der Früh' 
Und wie stolz, wie schmuck das Häuflein! Achtung, 
es passirt Revue! 
Wer mit den Verhältnissen rechnet, die in den 
dreißiger Jahren in der Residenzstadt Kassel 
bestanden, und wem es bekannt ist, welche Ge 
sinnung daselbst höheren und höchsten Ortes 
gegen freisinnige Dichter und Schriftsteller herrschte, 
der wird es wohl begreiflich finden, daß Franz 
Dingelstedt, der Verfasser der „Spaziergänge 
eines Kasseler Poeten", der Freund und Genosse 
der Männer des jungen Deutschlands, in jenen 
Kreisen nichts weniger als eine xorsona gratn 
war. Als nun gar noch verlautete, daß er, wie 
Wippermann in seinem Werke „Kurhessen seit 
den Befreiungskriegen" berichtet, mit dem Plane 
umgehe, in der Residenzstadt Vorlesungen über 
die neueste Literatur zu halten, da waren seine 
Kasseler Tage gezählt. Es half auch nichts, daß 
Franz Dingelstedt zu dem Geburtstage des Kur 
prinzen und Mitregenten ein Festlied dichtete, 
das, von dem Gesanglehrer Wiegand in Musik 
gesetzt, bei der Gymnasialfeier am 20. August 
1838 gesungen wurde. Dieses Lied lautet: 
Eine Stimme. 
Was klingt doch heute überall 
Im Hymnenton empor? 
Wem jubelt über Berg und Thal 
So mancher frohe Chor! 
C h o r. 
Ein Volk ist's, das in Liebespflicht, 
Des schönen Tages denkt, 
Der seinem Fürsten einst das Licht, 
Den Vater ihm geschenkt. 
Eine Stimme. 
Wer hält und lenkt mit treuer Hand 
Dies Volk zu Gottes Preis? 
Wer schirmt im weiten Vaterland 
Auch unsern engen Kreis? 
Chor. 
Er ist's, an seinen! Gnadenfluß 
Hat Groß' und Kleines Theil; 
Ihm tönt auch unser Festesgruß, 
Heil, Friedrich Wilhelm, Heil! 
Eine Stimme. 
Und wer regiert als Herr der Herrn 
So Fürst als Vaterland, 
Zu dem die Fürsten nah und fern 
Sich kindlich hingewandt? 
Chor. 
Das bist Du, Gott der Herrlichkeit, 
Zu dem wir dankbar fleh'n: 
Vor Dir in Zeit und Ewigkeit 
Laß ihn, laß uns besteh'n. 
Wenige Tage später, am 30. August, erfolgte 
die Versetzung Franz Dingelstedts an das Gym 
nasium zu Fulda, die jedoch in der offiziellen 
Kassetschen Allgemeinen Zeitung erst am 21. 
September amtlich bekannt gegeben wurde. 
Da sollte es sich denn recht deutlich zeigen, 
welcher Anhänglichkeit und Liebe er sich bei seinen 
Schülern zu erfreuen hatte. Sie widmeten dem 
scheidenden Lehrer einen silbernen Becher und ein 
silbernes Besteck. Er selbst aber hatte, wie er 
in seinem „Literarischen Bilderbuche" erzählt, 
den Schmerz, in der letzten Lehrerkonferenz, 
welcher er in Kassel beiwohnte, einen, man weiß 
nicht, ob aus höheren oder höchsten Quellen er- 
flossenen, Erlaß unterzeichnen zu müssen, daß 
alles Kollektiven in den Klassen des Lyceum 
Fridericiaimm, gleichviel zu welchem Zwecke, bei 
strenger Strafe verboten werde. „Die De 
monstration von hundert Schulknaben zu Gunsten 
eines gemaßregelten Lehrers niißfiel entschieden 
so höheren wie höchsten Ortes wie tief unten —,
	        

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