Full text: Hessenland (6.1892)

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die theils Kasseler Mitglieder der „Stiftshütte", 
theils auswärtige Schriftsteller zu Verfassern 
haben; unter den letzteren befinden sich auch der 
alte Graf von Bentzel-Sternau von Emmerichs- 
Hofen , der weiland großherzoglich Frankfurtische 
Finanzminister, und Heinrich König von Hanau. 
Wir wissen wohl, daß auf literarische Erzeug 
nisse, die vor 50 bis 60 Jahren entstanden sind, 
nicht die heutige Kritik angewendet werden kann, 
die Anschauungen von damals und jetzt sind 
grundverschieden; das ist aber gewiß, daß ein 
großer Theil der Beiträge im „Hessischen Album" 
unserem Geschmacke nicht zusagt und überhaupt 
minderwerthig ist, namentlich gilt dies Urtheil 
auch von der Plauderei des Grafen Bentzel- 
Sternau und der Novelle Heinrich König's. 
Das Beste im „Hessischen Album" sind wohl die 
„Vaterländischen Sagen", unter denen die Ballade 
„Der Scharsenstein" von Dingelstedt obenan steht. 
Hat das „Hessische Album" einen durchaus 
harmlosen Charakter, so kann man das weniger 
von einem anderen Blatte sagen, an dem Franz 
Dingelstedt in jener Zeit wesentlich betheiligt 
war. Es ist die „Kurhessische Landeszeitung" 
mit ihrem belletristischen Beiblatte „Die Wage". 
Eduard Beurmann hat diese Zeitung begründet, 
war Leiter des politischen Theiles, während 
Dingelstedt, wie Oetker sich in seinen „Lebens 
erinnerungen" ausdrückt, das „Hauptgewicht in 
die Wage lieferte". Die „Kurhessische Landes 
zeitung" war nach den damaligen Begriffen eine 
Zeitung in großem Stile, erschien täglich in 
großem Formate und huldigte der freisinnigen 
Richtung. Aber nur eine Existenz von sechs 
Monaten war dem gediegenen Blatte vergönnt. 
Am 15. Mai 1837 erschien die erste und am 
14. November desselben Jahres die letzte Nummer. 
In der „Wage" tritt uns Dingelstedt in jeg 
licher Gestalt, als Lyriker und Balladendichter, 
als politischer Dichter, als Novellist, als Theater 
kritiker und als Bücherrezensent entgegen, und 
überall mit Geist, Keckheit und Witz. Hier 
auch wird zuerst evident, daß er sich dem „jungen 
Deutschland" angeschlossen hat, zu dessen Afsiliirten 
Eduard Beurmann schon längst zählte. In der 
„Wage" veröffentlichte der damalige Ghmnasial- 
Hilfslehrer Franz Dingelstedt zuerst die „Spazier 
gänge eines Kasseler Poeten", die das größte 
Aufsehen machten und heute noch zu den schönsten 
seiner Dichtungen gehören. 
„Solchen Gesang", schreibt Julius Rodenberg 
in seinen ,Heimatherinnerungenß „hatte man in 
der alten Stadt der Landgrafen und Kurfürsten 
bis dahin nicht vernommen, so schneidig und 
scharf bei so viel Grazie; voll bewunderungs 
würdiger Beherrschung der Form und der Sprache, 
voll übermüthig guter Laune, mit einer Wendung 
des Verses vom burschikosen Scherz übergehend 
zu dem Ernst des Mannes, welcher klassische 
Bildung und geschichtlichen Sinn mit dem feinsten 
Instinkt für die Bedürfnisse der Zeit verbindet 
— und das Alles von einem Dreiundzwanzig- 
jährigen! Erst kurz zuvor hatte der Chamisso- 
Schwab'sche Musenalmanach dem jungen Dichter 
die Pforte des deutschen Parnasses aufgethan, 
aber jetzt zeigte sich seine wahre Stärke. Nicht 
das Sentiment und die Passion, sondern das 
virtuose Spiel des Sarkasmus und der Satire 
war seine Sache, nicht das Liebeslied, sondern 
das Zeitgedicht mit einer Tendenz. Und wie 
prachtvoll aus diesen langen Zeilen rollt der 
Vers dahin —, bald klingend in reiner Harmonie, 
gleitend wie die Woge eines Flusses, bald als 
ein Katarakt sich überstürzend oder dumpf grollend, 
wie fernes Gewitter, durch die Straßen 
jener stillen schönen Stadt, 
Die ein Hauch aus Deinem Munde zaubergleich 
geschaffen hat. 
Jener Landgraf Friedrich ist gemeint, dessen 
Denkmal auf dem Friedrichsplatze zu Kassel steht, 
von seinen getreuen Ständen ihm schon zu Leb 
zeiten errichtet, mit der Inschrift ,Friderico 
secundo patria 1 ." 
Sie haben Aufnahme gefunden, diese „Spazier 
gänge eines Kasseler Poeten", nicht nur in der 
ersten und der zweiten Auflage von Dingelstedt's 
Gedichten, sondern zum Theil auch in dem 
7. Bande der Ausgabe seiner sämmtlichen Werke. 
Wer sich einen wahrhaften geistigen Genuß ver 
schaffen will, dem empfehlen wir dort die Gedichte 
„Ans dem Friedrichsplatz", „Ständchen dem 
Ständehause", „Der große Christoph", „In der 
Au", „Auf dem Königsplah", „Das Gespenst 
der Kattenburg" zit lesen. Eines jener Gedichte, 
„Reveille", das erste unter den „Vaterländischen 
Dichtungen" in der zweiten Ausgabe von Dingel 
stedt's Gedichten, findet sich in der Gesammt- 
ansgabe seiner Werke nicht abgedruckt; wir lassen 
es hier folgen: 
Aevrille. 
Nun genug der stillen Nächte, nun genug der stillen 
Lieder! 
Streckt euch, ihr verträumten Verse, dehnt zu Maß 
und Kraft die Glieder! 
Seht, durch die Gardine schimmert schon der Morgen 
in's Gemach: 
Nun ist's Zeit, du Siebenschläfer; blinder Hesse, 
werde wach! 
Fci're nicht in kleinen Freuden, nicht in eig'nen 
Liebesschmerzen, 
Dich und deine Dichtkunst ziehe groß am Zeit- und 
Volkesherzen,
	        

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