Full text: Hessenland (6.1892)

18 — 
Kirche unö 
schule Ln Kessen währenö unö nach dem 
öreißlgjährigen GrLege. 
Von Dr. Hugo Vrunner, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek in Kassel. 
(Fortsetzung.) 
# leichzeitig ergingen scharfe Verordnungen 
gegen die Uebertreibungen bei Gastereien, 
j Hochzeiten, Kindtaufen und Leichenbegäng 
nissen. 
Diese Verordnungen waren allerdings nicht 
neu. Das ganze 15. und 16. Jahrhundert ist 
voll davon, und aus der relativen Häufigkeit 
derselben hat man geschlossen, daß sie wenig 
nützten, was jede erneute Verordnung übrigens 
auch unumwunden eingesteht. Indem sie das 
geringste Maß des Zulässigen festsetzen, sind sie 
aber für uns wichtige Anhaltspunkte für die 
Kenntniß dessen, was Brauch war bei Hochzeits 
und anderen Schmäußen. l ) 
Wir ersehen daraus, daß trotz der kümmer 
lichen Zeiten doch die Sitte noch immer wie vor 
dem Kriege die Leute zu erheblicheil Ausgaben 
nöthigte, nur mit dem Unterschiede, daß Mancher 
sich jetzt dabei zu Grunde richtete; und insofern 
hatten jene Verordnungen Berechtigung. 
Bei Bürgers- und Handwerksleuten waren bei 
Hochzeiten zwei Trachten oder Gänge, jede zu 
sechs Gerichten an Fisch, Fleisch und Geflügel, 
bei Vornehmeren zu je acht Gerichten, das 
Mindeste, was man leisten konnte. Ebenso 
prunkte man mit der Zahl der Gäste; und wenn 
man heut' zu Tage diese Zahl möglichst zu be 
schränken sucht, so war damals das Umgekehrte 
der Fall. Jeder halbwegs Bekannte wurde ein 
geladen und lief hin „dem heiligen Ehstand zu 
Ehren", wie man sagte. Man kann sich einen 
Begriff von der Menge der Gäste an manchen 
Hochzeiten machen, wenn die Regierung ihrer 
60 ohne die Verwandten und Auswärtigen bei 
Leuten niederen Standes, 100 bei den sogenann 
ten Graduirten oder Standespersonen noch 
erträglich fand. Sie fand es aber nicht passend, 
daß diese Gäste, wie es meist geschah, auch noch 
') Vergl. H. L.-O. voin 24. März 1648 und vom 
12. Dezember 1654. 
Kinder und Gesinde, sei es um Pracht und 
Hoffahrts halben, oder um desto besser etwas an 
Speisen abzuschleppen, mitbrachten. 
Da außerdem bei den damaligen strengen 
Trinkgesetzen nicht jeder nach seinem Belieben 
trinken konnte, sondern das Gesundheittrinken 
und Bescheidthun auch den Widerwilligen zur 
Unmüßigkeit nöthigte, so kann man ermessen, 
was für Kosten den Hochzeitern erwuchsen, die 
überdies den Freiersleuten, den Brautführern 
und Brautjungfern, den Ladegesellen wie dem 
Dienstpersonal ansehnliche Geschenke an Zeug, 
Kleidern, Schnupftüchern, den Mägden an 
seidenen Schnürbrüsten, gestickten Strümpfen 
und dergleichen zu machen verpflichtet waren. 
Ihre Ausgaben wurden durch die Geschenke, 
welche die Hochzeitsgäste in baarem Gelde in 
die herumgehenden Becken einlegten, und die bei 
einer Weinhochzeit auf höchstens 2, bei einer 
Bierhochzeit auf 1 Reichsthaler für die Per 
son festgesetzt wurden, nicht ausgewogen, zu 
mal Spielleute, Opfermänner, Köche und Auf 
wärter die Gelegenheit wahrnahmen, sich und 
die Ihrigen von den vorhandenen Speisen und 
Getränken auf Tage hinaus zu verproviantiren, 
und dazu das Schmäußen und Tanzen oft drei, 
vier und noch mehr Tage dauerte. 
Die Regierung suchte nun die Hochzeiten auf 
zwei Tage zu beschränken; an jedem Tage sollte 
auch nur eine Mahlzeit stattfinden, für welche 
dann allerdings eine Dauer von sechs Stunden, 
von Mittags 12 bis Abends 6 Uhr, bewilligt 
wurde. Um '/z6 Uhr wurde an die Thür ge 
klopft, um anzuzeigen, daß es Zeit sei, die 
Tafel aufzuheben. Ein kleines Tänzchen in 
Ehren, nur nicht länger als zwei Stunden, 
wurde zugegeben, dabei aber das Abstoßen beim 
Tanze, Herumwerfen, auch sonst alle unzüchtigen 
Worte und Geberden Verboten, ebenso, daß die 
Junggesellen, wie es sonst regelmäßig geschah, 
Braut und Bräutigam mit Musik und Johlen
	        

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