Full text: Hessenland (6.1892)

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Anzahl von Truppen, über die ich verfügte, 
nicht aushalten konnte; ich ließ sie daher ge 
deckte Stellungen annehmen und die Kavallerie 
zur Stütze der Infanterie Angriffe machen. 
Nachdem darüber einige Stunden hingegangen 
waren, begab ich mich mit mehreren Offizieren 
auf die Landstraße, um mich zu vergewissern, 
was außerhalb des Waldes vorgekommen 
fei. Beim Ausgange wurden wir durch eine 
zahlreiche Artillerie und ein Gewehrfeuer begrüßt, 
welches uns zwang, rasch in den Wald zurück 
zukehren; aber ich hatte noch Zeit, einen Blick 
auf die Stellung des Feindes zu werfen, urtb 
was ich da bemerkte, war keineswegs geeignet, 
uns Zuversicht zu gewähren und uns Vertrauen 
zu unseren Truppen einzuflößen. 
(Schluß folgt.) 
Eine Geschichte aus Waldesgründen 
von Wilhelm Speck. 
(Schluß.) 
c \t* in es Abends fand ich die Thür zu meinem 
ijU Versteck verschlossen, und als ich versuchte, 
das morsche Schloß mit Gewalt zu öffnen, 
kamen Menschen. Man rief mir nach, aber man 
wollte mich wohl nur erschrecken, nicht verfolgen. 
Wie ein gehetztes Thier lief ich fort, immer 
weiter, endlich stand ich still und besann mich, 
wo ich war. Es war nebelig, aber ich erkannte 
doch meine Umgebung, ich befand mich am 
Friedhof. Das eiserne Thor war verschlossen, 
aber ich konnte zwischen den Eisenstäben hindurch 
die weißen Denksteine und die Kreuze erkennen. 
Dort in der Ferne hinter den dunklen Chpresfen 
lagen zwei Gräber, welche das Liebste umschlossen, 
das ich besessen hatte. Ich drückte meine heiße 
Stirn an das kalte Gitter und versuchte es, mit 
meinen müden Augen den Nebel zu durchdringen. 
Endlich wankte ich fröstelnd weiter, der modernde 
Hauch hatte mich getroffen, ich erschauerte. 
Es ist das eine einsame Gegend, nur wenige 
Häuser stehen an der Straße, und diese Straße selbst 
ist dunkel, feucht, traurig. Ein Rain mit tief grünem 
Gras bewachsen stößt an sie heran, aber ich 
glaube nicht, daß eine Blume unter den Halmen 
blüht. Die Rosen, welche man hinter den Zäunen 
sieht, scheinen, so schön ihre Blüthe ist, einer 
anderen schwermüthigen Art anzugehören, und 
selbst die Laternen haben nur ein gelbes, 
schwefliges Licht. Ich ging die Straße hinauf. 
Da war zuerst ein Wirthshaus, aus welchem wüste 
Stimmen erschallten. Schlagen sie sich? fragte 
ich mich, ist das ein Kampf, bei welchem Blut 
fließt und jemand getödtet wird? Diese Frage 
beschäftigte mich, es schien mir süß, sterben zu 
müssen. Man kam heraus, dicht hinter mir 
her, ich eilte, was ich konnte, aber ich fiel über 
einen Stein. Als ich mich wieder erboben hatte, 
fühlte ich, daß meine Kniee zitterten, ich hatte 
keine Kraft mehr. Das Uebrige erlaß mir, wie 
ich mich wehrte, und wie man mir zu Hilfe kam. 
Ich mußte auf die Polizei mitgehen, denn ich 
sah verwildert aus, ganz verwahrlost. O mein 
Freund, was war aus mir geworden! In der 
matt erleuchteten Stube saß ich auf einer Bank. 
Von Zeit zu Zeit wurden Leute gebracht, auch 
ein Kind, welches sich verirrt hatte, es setzte sich 
neben mich und weinte still vor sich hin. Einige 
von den Leuten flüsterten mit einander, andere 
schliefen. Mein ganzes Leben zog da an mir 
vorüber, mein unglückliches, jammervolles Leben, 
mein Leben, welches doch durch Gottes Barm 
herzigkeit rein geblieben war. Die Zeit schlich 
dahin, von Zeit zu Zeit holte die Uhr langsam 
zum Schlage aus. es war ein dunkler, klangloser, 
müder Schlag. Manchmal dachte ich, man wird 
dich vielleicht für'immer festhalten, mir erschien 
das nicht unmöglich. Endlich wurde ich gerufen, 
ich hatte den Namen meiner Verwandten genannt, 
sie waren gekommen, mich abzuholen. Wir gingen 
auf die Straße hinaus, ich mußte einige Schritte 
vor ihnen gehen, denn sie schämten sich meiner, 
aber sie ließen mich nicht aus den Augen. Die 
Tante sprach schließlich: ,Sie ist eine Verworfene, 
oder wenigstens sie wird es, es ist alles verloren. 
Man muß sie fortschassen, fort aus dieser Stadt, 
aber wohin?' 
Da wandte ich mich um und sagte: ,Germerode'. 
Ich war als Kind einmal hier gewesen, jetzt in 
meiner großen Noth gedachte ich seiner. ,Jch 
werde wieder unter den grünen Bäumen wandeln, 
sagte ich leise, ich werde die Veilchen am Rain 
suchen und die blauen Anemonen, mit freund 
lichen Gespielen werde ich durch die Wiesen zie 
hen und in meine Träume hinein werden die 
hellen Dorfglocken läuten. Hic in reducta valle 
caniculae . .'
	        

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