Full text: Hessenland (6.1892)

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Nach der Völkerschlacht von Leipzig hatte der 
Kaiser Napoleon dem Marschall Macdonald den 
Befehl ertheilt, den Rückzug der Trümmer der 
französischen Armee zu decken. Am 24 Oktober 
1813 hielt der Kaiser in Erfurt Rast. Hier 
befand er sich, ein geschlagener Mann, in den 
selben Zimmern des Schlosses, die ihn einst, 
fünf Jahre zuvor, als Herrscher der Welt um 
fangen hatten. Es war zweifellos, daß Napoleon 
von Kleinmuth befallen war, hatte doch der sonst 
so rastlose und thatkräftige Kaiser in der Zeit 
kurz vor und nach der Schlacht bei Leipzig eine 
Unthätigkeit und Unentschlossenheit gezeigt, welche 
die französischen Generale und Offiziere seiner 
Umgebung mit nicht geringer Verwunderung er 
füllen mußten. In Erfurt wurde Macdonald 
zum Kaiser berufen. Im Schlosse traf der 
Marschall zuerst mit Murat, dem Könige von 
Neapel, zusammen, der ihm ankündigte, der Kaiser 
wünsche, daß eine Stellung ausfindig gemacht 
werde, wo man sich fünf bis sechs Tage ver 
theidigen könne. Mit einem Fluche fügte Murat 
hinzu, der Marschall möge nur jede Stellung 
für schlecht erklären, sonst werde der Kaiser sich 
und sie alle zu Grunde richten. „Seien Sie 
unbesorgt," erwiderte Macdonald, „und wenn 
ich eine noch so gute finde, ich werde ihm über 
unsere Lage schon meine Meinung sagen." 
Wirklich sprach der Kaiser von der Nothwendig 
keit, mehrere Tage zu ruhen und sich zu ver 
theidigen. Macdonald entgegnete, daß er unter 
anderen Umständen derselben Meinung sein 
würde, aber die Reste des Heeres seien der 
maßen außer Ordnung und Zucht, daß man an 
eine Abwehr des Feindes in irgend einer Weise 
noch nicht denken könne. Es sei unbedingt noth 
wendig, den Rhein zu erreichen, ehe Wrede 
die Gelegenheit, dorthin zu gelangen, abschneide. 
Der Staatssekretär Maret, Herzog von Bassano, 
und zwei Sekretäre, welche in dem Zimmer des 
Kaisers arbeiteten, hörten vor Erstaunen über 
die Sprache des Marschalls, die ihnen unerhört 
erschien, zu schreiben auf. Macdonald wünschte 
sofortigen Vormarsch; er erreichte wenigstens, 
daß der Kaiser nicht länger als bis zu dem 
folgenden Tage rastete. 
Als wir uns Gelnhausen näherten, — berichtet 
dann Macdonald in seinen „Erinnerungen" —, 
fand ich die dortige Stellung besetzt, glücklicherweise 
nur schwach, mit etwa tausend Mann. Die 
Kinzig deckte sie, und die Brücke war schon ab 
gebrochen, aber mit solcher Eilfertigkeit, daß die 
Balken in der Umgegend herumlagen. Feind 
liche Feldwachen umgaben uns. Viele Versprengte 
wurden angehalten, ich ließ sie Kompagnien bilden 
und machte ein Bataillon daraus. Der Feind 
hatte kein Geschütz an diesem Punkte, und das 
meinige befand sich zu entfernt von dem User 
des Flusses. Sobald die Brücke nothdürftig 
hergestellt war, ließ ich angreifen. Die Stellung 
konnte beschwerlich werden, doch war der Feind 
so schwach, daß er nicht daran dachte, uns auf 
zuhalten ; wenn er aber Zeit gehabt hätte, sich 
hier festzusetzen, so weiß ich nicht, ob es uns 
möglich gewesen sein würde, ihn zu überwältigen. 
Nachher erhielt er Verstärkung, namentlich an 
Kavallerie; man kämpfte und stritt sich unab 
lässig herum, immer auf dem Marsche begriffen, 
bis zu einem Dorfe, in welchem wir bei stock 
finsterer Nacht ankamen. In der Gegend befand 
sich ein Schloß, in welchem der Kaiser sich nieder 
lassen wollte, nachdem er sein Quartier bereits 
in einem anderen, mehr rückwärts gelegenen Dorfe 
bestimmt hatte. Es war dies nur ein schlechtes 
Haus, während da, wo ich mich befand und 
wohin er kam, ein zwar unbewohntes, aber 
möblirtes Schloß vorhanden war. 
Durch meine Erkundigungen wußte ich, daß 
die bayerische Armee in Hanau war. Man 
kannte nicht ihre Stärke. Sie hatte am Tage 
vorher mit ihrem Einmärsche begonnen und setzte 
denselben noch an diesem Tage fort (29. Oktober). 
Sic hatte nur Zeit gehabt, ein Detachement 
nach Gelnhausen zu schicken und Kavallerie 
abtheilungen nach verschiedenen Punkten. Eine 
Person, die am Abend von Hanau zurückgekommen 
war und mit eigenen Augen die Wahrnehmungen 
gemacht hatte, gab mir Auskunft darüber. 
Der Kaiser ließ mich rufen und fragte mich, 
ob er sich in Sicherheit befände, da seine Garde 
noch nicht angekommen sei. „Ich kann dafür 
nicht stehen," sagte ich, „wir sind Nachts ange 
kommen, kurze Zeit vor Ihnen, und ich weiß 
selbst nicht, ob alle meine Truppen mir gefolgt 
sind." — Wir sind also bei den Vorposten? — 
„Ja." — Er behielt mich zur Mahlzeit bei 
sich und ließ die von Hanau angekommene 
Person rufen, deren Aussagen ich ihm mitgetheilt 
hatte. Er befragte sie selbst, konnte aber auch 
nicht mehr in Erfahrung bringen. Er behauptete, 
daß die Bayern nicht vor ihm Stand halten 
würden; am anderen Tage sollte er freilich Ge 
legenheit haben zu sehen, wie er sich getäuscht 
hatte. 
Mit dem Anbruche des Tages am 30. Oktober 
setzte ich mich in Marsch. In kurzer Entfernung 
trafen wir die Vorposten, gestützt auf eine starke 
Avantgarde. Ich mußte halten, um unsere 
Kavallerie die Säbel mit dem Feinde kreuzen 
zu lassen. Wir warfen ihn in den Hanauer 
Wald, in welchen wir ihm folgten. Es entspann 
sich nun ein Gewehrfeuer, welches die geringe
	        

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