Full text: Hessenland (6.1892)

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Armer Sänger, sel'ger Sänger, 
Deine Träume sind zerronnen: 
Auf die Erde hoff' nicht länger, 
Wenn den Himmel Du gewonnen! 
singt der Dichter in jener Zeit von sich selbst, 
und mit diesem Liede hat er auch die erste 
Sammlung seiner Gedichte eröffnet. 
Mochte nun Franz Dingelstedt zu seinen 
poetischen Schöpfungen sich der Prosa bedienen, 
mochte er in Versen dichten, Eins war ihm 
immer eigen: das geistreiche Erfassen des Gegen 
standes, die vornehme Haltung, die elegante 
Darstellung. Kanin hatte er sich in Kassel um 
gesehen, so erschienen von ihm in Lewald's 
„Europa" die „Bilder aus Hessen-Kassel", und 
die ganze Stadt gerieth in Gährung. Sein 
Freund Friedrich Oetker, der in seinen „Lebens 
erinnerungen" von Dingelstedt sagt, er habe Leben 
und Bewegung in die alte Residenzstadt gebracht, 
und ihm selbst sei derselbe wie ein Labetrnnk in 
der Wüste erschienen, mußte die „Kasseler Bilder" 
scheinbar in der Zeitung für die elegante Welt 
bekämpfen, dadurch wurde die Erregung aber 
noch ärger. Die „Bilder aus Hessen-Kassel" 
geben uns ein treues Konterfei Kassel's vor mehr 
als fünfzig Jahren mit seinen Licht- und Schatten 
seiten ; der Verfasser hat den genius loci richtig 
erfaßt, und diese Studie ist deshalb auch in 
kultureller Beziehung nicht ohne Bedeutung. 
In dem 5., „Wanderbuch" betitelten Bande 
der Gesammtausgabe der Dingelstedt'schen Werke 
(Berlin, Verlag von Gebrüder Paetel, 1877) 
ist eine durch die Verhältnisse hervorgerufene, 
freilich auch sehr abgeschwächte Umarbeitung der 
„Bilder aus Hessen-Kassel" enthalten, deren 
Anfang wenigstens hier wiederzugeben wir uns 
nicht versagen wollen, sind wir doch überzeugt, 
daß derselbe mit Interesse gelesen werden wird: 
„Keine Stadt ist schöner im Herbst und herbst 
licher in ihrer Schönheit als Kassel. Der ehr 
liche alte Bouterwek, antedilnvianischer Aesthetiker 
der Georgia Augusta, welcher Personen und 
Orte durch Schlagworte zu charakterisiren liebte, 
taufte Kassel: Tempel des Schweigens. 
Die vielen offenen, stillen leeren Plätze der 
Oberneustadt, die langen Zeilen ihrer Haupt 
straßen , die hochragenden, glatten Häuser zu 
beiden Seiten mit den hohlen Fensteraugen und 
ihren wie Riesenstämme weißschimmernden 
Säulen, sie bieten in der That einen feierlichen, 
tempelartigen Anblick. Kommt die Nacht dazu, 
bleicher Mondschein und brenzlicher Braunkohlen 
duft, der wie Höhenrauch auf der Haide über 
dem Fuldathale lagert, so ist die Ähnlichkeit 
fertig. Der späte Wandler hört seine Schritte 
auf dem Pflaster und längs den verschlossenen 
verschlafenen Häusern hohl wiederhallen und 
tritt unwillkürlich leise auf. Ein Tempel des 
Schweigens. Die Au, eine klassische Elegie, in 
Bäumen und Weihern gedichtet, ist der alte, 
heilige, dichtbelaubte Hain des Tempels; die 
selbe Au, von welcher Börne, der Schalk, erzählt, 
er habe bei einem Spaziergang ein Zweiweiß 
pfennigstück auf einer Ruhebank liegen lassen 
und dasselbe, vierzehn Tage später, an der 
gleichen Stelle wiedergefunden. 
Das Bild von Kassel, Stadt und Landschaft, 
bietet keine hervorragende Züge. Aber es be 
sitzt gewisse versteckte Eigenthümlichkeiten, die 
untersucht und erfaßt sein wollen. Oberflächlich 
betrachtet, gleicht Kassel der Schwesterstadt Darm 
stadt oder dem jungen Karlsruhe, die mit ein 
ander und mit manchen mittleren Haupt- und 
Residenzstädten einen und denselben Familienzug 
gemein haben: kleine Großstadt, große Klein 
stadt. Alle sind, mehr oder minder, neue 
Städte, künstliche Städte. Was Kassel vor der 
weitverzweigten Verwandtschaft voraus hat, be 
sitzt es von Natur, durch seine Lage, und eben 
so sehr von Kunst wegen, Baukunst und Garten 
kunst, welche an diesem Fleckchen Erde, wie kaum 
an irgend einem anderen, gleichzeitig und ein 
heitlich gearbeitet haben. Kassel, Wilhelmshöhe, 
Au: sie gehören untrennbar zusammen, sind wie 
von einem Geiste geschaffen, wie aus einem 
Gusse entstanden. Dieses charakteristischen Vor 
zuges kann sich nicht einmal eine unserer so 
genannten Weltstädte rühmen. München ist eine 
Kunststadt; aber Kunst und Natur liegen sich 
da in den Haaren. Der Koloß Bavaria*) fiel 
wie ein Meteorstein auf die öde Hochebene am 
Jsarfluß, während der Koloß Herkules aus dem 
Innern des in den schönsten Kunstgarten um 
gedichteten Hochwaldes auf der Wilhelmshöhe 
emporgestiegen zu sein scheint. Wien und 
Berlin sind nicht blos große Residenzstädte, 
sondern Großstädte an sich; aber sie weisen 
beide deutlich die Ringe ihres Wachsthums auf; 
die Wiener Ringstraße als den neuesten und 
glänzendsten, jedoch immerhin einen äußerlich 
angesetzten Ring, eine künstliche Schöpfung. 
Kassel ist von innen heraus gewachsen, nach 
einem bestimmten, fast nothwendigen Prozeß. 
Daß die Stadt außerhalb des Fremdenverkehrs 
lag, gab ihr eine gewisse Abgeschlossenheit und 
der starre, trotzige Absolutismus, welcher in den 
Charakterbildern des hessischen Herrscherstammes 
seit Jahrhunderten den durchgehenden Familen- 
zug bildete, prägte dieser Abgeschlossenheit noch 
*) Diese und die folgende Schilderung gehört der Um 
arbeitung an und ist sonach, wie leicht erkenntlich, neueren 
Datums.
	        

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