Full text: Hessenland (6.1892)

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iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii in T 
lus dem Weben Wan; Hmgelsteöt's. 
Altes und Neues. 
Von F. Sw eng er. 
(Fortsetzung.) *) 
Ql m 19. Mai 1836 wurde Franz Dingel- 
At siebt durch den Direktor Vr. Weber in sein 
^ ' neues Lehramt am Gymnasium zu Kassel ein 
geführt. Obgleich er eigentlich nur für die 
neuen Sprachen und Literaturen berufen war, 
so hatte man ihm doch noch andere Lehrgegen 
stände übertragen, u. a., man staune, den Un 
terricht in der Geographie und den Naturwissen 
schaften in der untersten Klasse, der Sexta. 
Nicht weniger als 22 Stunden wöchentlich waren 
ihm aufgebürdet worden. Doch unterzog er sich 
dieser Last, die seinem ungebundenen Sinne doch 
recht beschwerlich fallen mußte, mit der größten 
Bereitwilligkeit. Rasch wußte er sich bei seinen 
Kollegen wie bei seinen Schülern beliebt zu 
machen. Erstere erkannten seine Tüchtigkeit und 
seine eminente Lehrgabe, letztere behandelte er 
human, und wenn er sich auch in den Unterrichts 
stunden nicht vollständig von dem ihm einmal 
anhaftenden burschikosen Wesen trennen konnte, 
so weiß man ja, daß das ganz besonders bei 
den Herrn Pennälern verfängt. Obgleich am 
Kasseler Gymnasium das sogenannte „ver 
trauliche Du" eingeführt war, so redete er doch 
die Schüler der oberen Klassen, selbst die 
Tertianer, mit „Sie" an, bis ihm höheren Orts 
bedeutet wurde, daß er sich auch hier dem 
herrschenden Gebrauche fügen müsse, was er denn 
auch that, aber nicht ohne dieses Vvrkommniß 
in kostbarer Art persiflirt zu haben. 
In dem französischen Unterrichte führte er 
wesentliche Verbesserungen ein. Er las_ mit 
seinen Primanern Moliöre, Chateaubriand, 
de Vigny, Lamartine und führte sie in der ihm 
eigenen lehrreichen, fesselnden Weise in die 
französische Literatur ein. Die englische Stunde, 
welche er noch im Schuljahre 1836 in Prima zu 
ertheilen hatte, verschwand im folgenden Jahre 
gänzlich vom offiziellen Lehrplane. — Es 
kursirt heute noch unter seinen ehemaligen Kasseler 
Schülern eine große Anzahl von Anekdoten, die 
sich an die Schulmeister zeit Dingelstedt's knüpfen. 
*) S. Nr. 12 und 13 des „Hessenlandes". 
Mit Vorliebe werden dieselben erzählt, und wie 
dies geschieht, das beweist wohl am besten, wie 
lieb und werth einst dieser Lehrer den Kasseler 
Gymnasiasten gewesen sein muß. Doch nicht 
mit den Leistungen Dingelstedt's als Lehrer 
wollen wir uns hier beschäftigen, sondern mit 
seiner Thätigkeit als Dichter und Schriftsteller 
während seiner Kasseler Zeit. 
idiulla äiss 81N6 linea. Das kann man wohl 
mit Recht von dem 22jährigen Poeten sagen, 
der hier mit einer Leichtigkeit und Vielseitigkeit 
geistig zu schaffen beginnt, die wahrhaft erstaun 
lich sind. Wohin man blickt, in Zeitungen 
und Zeitschriften, in Almanachs und Taschen 
bücher, überall Skizzen und Kritiken, Novellen 
und Gedichte von ihm. „Die Au hatte so viele 
Nachtigallen, meint' ich, und Finken und Spatzen, 
die zahm und gesellig aus weißen weichen Frauen 
hündchen ihre Krümlein naschten und den blasen 
den Gardemusikanten zutraulich in das Noten 
blatt guckten. Aber der Friedrichsplatz und der 
Königsplatz und die ganze Stadt hatte keine 
Nachtigall, kaum einen Fink . . . Darauf fing 
ich an zu zwitschern, wahrhaftig ans vollster 
Brust", schreibt er von sich selbst. 
Träumte einst von hohen Dingen 
Und von Ehren auf der Erde, 
Wollt' den Doktorhut erringen 
Oder gar Professor werden. 
Plötzlich kamen da die Musen 
Auf den leichten Götterfüße», 
Schlossen mich an ihren Busen 
Und berauschten mich mit Küsten. 
Und da hab' ich unterdessen 
Von dem Singen, von dem Lieben 
Den Professor ganz vergessen 
Und bin ein Poet geblieben. 
Immer sinken meine Hände 
Zu den goldnen Saiten nieder, 
Und statt dicker Foliobände 
Schreib' ich lauter kleine Lieder.
	        

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