Full text: Hessenland (6.1892)

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daß ich jeden Tag ärmer wurde, das. was mich 
sonst erfreut hatte, bewegte mich nicht mehr, es 
ward farblos für meine Auge». 
An Sonntagen saß ich zuweilen auf dem Hügel 
über der Stadt. Die Eisenbahnzüge rollten da 
hin in unbekannte Fernen, und die Wolken zogen 
über die Berge. Dann erklangen die Glocken, 
zuerst von den Thürmen der Stadt, ernst, tief 
und gewaltig, endlich auch die freundlichen Glocken 
der Dörfer. Im Thal unter mir zogen geputzte 
Mädchen und Burschen hin, sie Pflückten die 
blauen Vergißmeinnicht, und ihre Lieder waren 
unschuldig und rein. Dann versuchte auch ich 
ein Lied zu singen, leise stimmte ich es an und 
mit unsicherer Stimme. Integer vitas sceleris- 
que purus, und dann sprach ich: Schaffe in mir 
Gott ein reines Herz. 
Zuweilen forderten mich meine Mitarbeiterinnen 
wohl auf. mit ihnen zu gehen, zum Tanz. Ich 
hatte auch Lust, aber da sie mich nicht ernstlich 
baten, wagte ich es nicht, mich ihnen anzuschließen. 
Eines Tages fühlte ich, daß ich krank war, ich 
war so müde, daß ich mich nur an die Arbeit 
schleichen konnte. Da erfaßte mich die Angst. 
Bisher hatte ich nicht viel verdient, aber doch 
ausreichend, nun mußte ich Schulden machen. 
Wie sollte ich sie wieder abtragen? Es schien 
mir unmöglich. Die Angst fraß mir am Herzen, 
so daß ich länger daheim bleiben mußte, als es 
vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn ich mich 
nicht so viel mit Sorgen gequält hätte. Endlich 
war ich wieder gesund und mühte mich ab, aber 
ich kam keinen Schritt weiter. Damals trat 
die Versuchung an mich heran durch die anderen, 
welche mich kämpfen sahen. Dieses alles will ich 
Dir geben, so du niederfällst und mich anbetest, 
sprach ein Stimme neben mir. Was ich'sah? 
Ich sah ein Leben ohne Sorge, ohne harte Arbeit, 
ich schaute Glanz und Freuden. Ich hörte das 
Rasseln einer Equipage, und in den weichen Kissen 
ruhte ich. Ich erblickte blitzende Steine und 
Kleider von rauschender Seide, aber was ist das 
alles? Ich sah einen Tisch gedeckt mit allem, 
was der Hungernde entbehrt. Was sah ich noch? 
Ich schaute ein Leben voll Arbeit und Mühsal, 
voll vergeblichen Ringens. Da ist eine Frau, welche 
hungert und hinfällig ist. Ihre Gestalt ist ver 
fallen , ihr Haar erbleicht, in Ehren wohl, aber 
auch unter vielen Schmerzen. Alle Tage sah ich 
diese Bilder und grübelte darüber nach. Das 
war meine Versuchung, wie sie so vielen Andern 
zu Theil wird, und ich bin ihr unterlegen, nicht 
in der Wirklichkeit, aber in meinen Gedanken, 
und das ist vor Gott dasselbe. Ich war entschossen, 
mit meiner Vergangenheit zu brechen, das, was 
meines Vaters Ehre war, mit Füßen zu treten, 
und es lag nicht mehr an mir, sondern es war 
allein Gottes Gnade, daß ich nicht in die dunkle 
Tiefe gerieth." 
Sie stand hoch aufgerichtet vor mir. und ihr 
Antlitz war bleich wie der Tod. „Schone Dich, 
Ursula," bat ich tief erschüttert. 
„Noch einen Augenblick, meinFreund, antwortete 
sie. Eines Tages sah ich Egon, er ging achtlos an 
mir vorüber, er kannte mich nicht mehr. Da faßte 
ich den Entschluß, mich noch einmal zu ihm zu 
flüchten, ich wagte es freilich nicht mehr, in sein 
Haus zu gehen, sondern ich schrieb ihm, ich 
schilderte ihm meine Lage, wie elend und un 
glücklich ich sei, wie herangekommen und ver 
schuldet, und daß ich ohne fremde Hilfe nichts 
vor mir sähe als ein Grab, in dessen Tiefen 
ich versinken müßte. Nachdem ich diesen Brief 
abgesandt hatte, kam das Gefühl des Friedens 
über mich. Ich werde gerettet werden, sagte ich, 
ich werde noch einmal die Sonne sehen, wie sie 
den Glücklichen strahlt. 
Einige Tage später kam er, aber er traf mich 
nicht an, er hinterließ jedoch Geld, womit ich 
alle meine Gläubiger befriedigen konnte. Ich 
war wieder frei, aber glücklicher machte mich 
noch sein Versprechen, er werde wieder kommen 
und mich abholen. Leichten Herzens ging ich an 
meine Arbeit, es war mir so leicht zu Muthe, 
daß es mir alle ansahen, ja, schließlich saug auch 
ich ein Liedchen ganz leise vor mich hin, zum 
ersten Male. 
Freudig ist mein Herz beweget, 
Ucbervoll von süßer Lust, 
Und ein ahnungsvolles Hoffen 
Lebet neu in meiner Brust. 
Immer ist ja nicht beschieden 
Menschenherzen Schmerz und Leid, 
Jeder Mensch hat eine frohe, 
Unergründlich frohe Zeit. 
,Was singt sie?' fragten die Arbeiterinnen, 
,was ist das für ein Lied?' 
,Es ist der Frühling,' antwortete ich und fühlte, 
wie mir das Blut in's Antlitz strömte, ,es ist 
der Frühling in mir, in meinem Herzen.' 
So verging eine Woche. Nie waren mir die 
Tage so leicht hingegangen und wiederum so 
langsam. Da saß ich eines Nachmittags 
während einer Arbeitspause am Fenster 
hinter den blühenden Blumen, welche wir mit 
gebracht hatten, um inmitten des Maschinen 
getümmels etwas Schönes und Lebendiges vor 
Augen zu haben. Wie ich so ans die Straße 
hinausschaute, sah ich Menschen kommen, Egon 
und Rosa, sie gingen Arm in Arm und sprachen 
mit einander. Nun wußte ich, sie waren verlobt, 
vielleicht verheirathet. da brachen meine Hoff 
nungen zusammen. Ich fühlte es, daß ich außer 
halb des Paradieses stand, ich konnte nicht von
	        

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