Full text: Hessenland (6.1892)

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nehmende Fluth der verdorbenen Geschmacksstücke 
sich bricht, und daß unsere deutschen Hofbühnen 
an Zahl nicht vermindert werden, ist der Wunsch, 
welcher bereits von den Einwohnern Kassels, 
Hannovers und Wiesbadens in der schwebenden 
Theaterfrage ausgesprochen worden ist. Möge 
derselbe in Erfüllung gehen! Zz. 
lrsula. 
Eine Geschichte aus Waldesgründen 
von Wilhelm Speck. 
(Fortsetzung.) 
Morgen brachte hellen Sonnenschein, die 
KT glänzenden Fäden des Herbstes schwebten da- 
Os hin. Ursula kam mir schon am Berghof 
entgegen, wieder trug sie das weiße Kleid, in 
welchem ich sie zuerst sah, und in ihrem Gürtel 
blühte eine Rose. Sie legte ihren Arm in den 
meinigen, und so gingen wir schweigend zu dem 
Fluß hinab. Auf der Brücke blieb sie einen 
Augenblick stehen und sah den treibenden Wellen 
nach. 
„Vorüber, vorüber." sprach sie, „eine jagt die 
andere, und die Bilder an den Ufern wechseln, 
bald sonniger Wiesengruud, bald düstere Tannen, 
bald Freud, bald Leid." 
Wir stiegen den Berg hinan, es lag da schon 
manches Blatt am Wege, und in das duftige 
Grün war schon mancher goldene Punkt ge 
kommen. Der Herbst war bereits einmal flüchtig 
durch den Wald gegangen, ehe er ihn völlig in 
Besitz nahm. 
„Nun kommen die trüben Tage", sprach Ursula. 
„Der Himmel wird farblos, und das feuchte Rieseln 
der Wälder verkündigt cs uns: Unsere Zeit geht 
dahin, aber das Leben, welches in der Welt 
unverwüstlich treibt, tröstet uns, wenn auch wir 
welke Blätter begraben müssen. Wir wollen 
nicht traurig sein, mein Freund." 
Ich konnte nichts erwidern, ein trüber Schleier 
lag vor meinen Augen, ich hörte nur die liebe 
Stimme von einst, es war wieder Ursula, die 
an meiner Seite schritt, und dennoch war sie es 
auch nicht. Da war der Otternstein, und da lag 
Germerode, lieblich wie sonst und doch so fremd, 
so anders. 
„Mir ist es," sprach ich mit stockender Stimme, 
„als ob es plötzlich alt geworden wäre, gleich jenem 
Hause, welches man seiner Heiligthümer beraubt 
hatte." 
„Komm mit, mein Freund, mein Kamerad, 
wir wollen in den Wald hinein gehen", bat Ur 
sula. „Erdbeeren kann ich Dir nicht mehr an 
bieten, der Sommer ist dahin. Tu mußt mir 
helfen, muthig zu sein, denn ich habe Dir etwas 
zu sagen, was das Geheimniß meiner Seele ist. 
Zuerst erzähle mir, was Du während Deiner Ab 
wesenheit von hier gethan hast." 
Ich erzählte und sah, wie über ihrem Antlitz 
ein mildes Lächeln lag wie der Sonnenschein an 
einem schönen, wehmüthigen Herbsttage, so freund 
lich und traurig zugleich. 
„Du hast über mich verfügt," sprach sie schließlich, 
„ohne zu fragen, ob ich will. Dein Haus ist 
bereit, aber die Braut fehlt, und wenn ich Dir 
alles erzählt haben werde, ist es Dir vielleicht 
recht. Laß mich noch einmal in schmerzliche 
Zeiten zurückkehren. Ich erzählte Dir, wie ich 
in die Fabrik eintrat. Es war leichte Arbeit, 
aber geisttödtend. Was war das für ein Getriebe! 
Die Räder schwirrten unaufhörlich, und immer 
rasselten die Maschinen, zwischen ihnen saßen 
wir Arbeiterinnen. Zuerst kamen sie mit frischen 
Gesichtern, allmalig wurden sie bleich, nur die 
Augen gewannen au Glanz. Eines Tages war 
dann ein Platz leer, man fragte kaum danach. 
Da waren wieder andere, die nicht hinzuwelken 
schienen. Ihre Gedanken wandelten auf sonnigen 
Pfaden, ihre Augen suchten den Glanz des Lebens, 
munter begleiteten sie ihre Arbeit mit ihren 
Liedern, welche sie leise vor sich hin summten. 
Wenn wir später vor der Fabrik saßen, dann 
sangen sie diese Lieder von Neuem, und man 
lachte darüber. .Warum lachst Du nicht, Ursula?' 
fragte man, ,und warum singst Du nicht mit uns? 
Es sind schöne Lieder, gut gegen alle Schmerzen? 
Ich ging einsam nach Hause, es war etwas in 
ihren Reden und Liedern, was mich mit Schauder 
erfüllte, aber es dauerte nicht lange, da empfand 
ich cs nicht mehr. Ich werde diese Lieder noch 
singen, sagte ich zu mir, sicherlich werde ich es; 
ich werde meinen Gram vergessen und hinter 
mir lassen, was mich bedrückt. Ich werde schließ 
lich ganz werden wie jene Mädchen mit den roht- 
gefärbten Wangen und den Augen, welche nicht 
mehr zucken. Das sagte ich mir jeden Tag, und 
oft sagten es mir auch die andern. In meinem 
Herzen wurde es öde, so leer, so still. Ich fühlte,
	        

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