Full text: Hessenland (6.1892)

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zu verwenden. Schon im ersten Jahre seiner 
Bühnenleitung veranstaltete Herr von Gilsa 
einen Cyclus der Shakespeare'schen Königsdramen, 
in welchem das Kasseler Schauspielpersonal sich 
den schwierigsten Aufgaben völlig gewachsen 
zeigte, ebenso wie die Mitglieder der Oper 1877 
an den historischen Opernabenden und ein Jahr 
später bei dem Mozart-Cyclus ihre Tüchtigkeit 
auf den verschiedensten Gebieten bewährten. Die 
historischen Opernabende gaben in 18 Vor 
stellungen die Entwicklung der dramatischen 
Tonkunst von Gluck bis aus Wagner und stellten 
an die Ausführenden ganz bedeutende An 
forderungen, denen aber in jeder Hinsicht genügt 
wurde. Auch der Mozart-Cyclus wurde völlig 
mit eigenen Kräften zu Stande gebracht. Beide 
Veranstaltungen sind in der Folge ans mehreren 
großen Bühnen nachgeahmt worden, das Kasseler 
Hostheater aber ist damit allen vorangegangen. 
Die Leistungen der Kapelle waren nach wie vor 
auf der Höhe geblieben, indem auch nach dem 
Uebergang im Jahre 1866 die alten erprobten 
Kräfte den Bestand des Orchesters bildeten, die 
Gardemusiker, welche in demselben mitgewirkt, 
sogar völlig in den Theaterdienst getreten waren. 
Das Orchester stand bis 1881 unter der 
Leitung des Herrn Hofkapellmeisters Reiß, 
welcher alsdann die gleiche Stellung am 
königlichen Theater in Wiesbaden einnahm; 
sein Nachfolger in Kassel ist Herr Kapellmeister 
Treiber, der auch als Klaviervirtuos einen 
weit verbreiteten Ruf genießt. Als Musik 
direktoren waren seit den sechziger Jahren 
thätig die Herren Hempel, welcher 1876 
starb, Paur, gegenwärtig erster Kapellmeister 
in Leipzig, Dr. Keiser, jetzt Hofmusik 
direktor in Darmstadt, und Mahler, welcher 
sich durch Bearbeitung der Weber'schen Oper 
„Die drei Pintos" Vortheilhaft bekannt gemacht 
hat. Gegenwärtig begleitet die Stelle des Musik- 
und Chordirektors Dr. Beier, von dessen 
Operetten „Der Mizekado" und „Der Gauner 
könig" mit vielem Beifall zur Aufführung ge 
langt sind. 
Nachdem der Oberregisseur Direktor Wohlstadt 
1891 dahingeschieden, ist diese Stelle noch nicht 
wieder besetzt worden, und führen die schon 
längere Zeit unter ihm thätig gewesenen Herren 
Ewald und Thies die Regie der Oper und 
des Schauspiels. Von den früheren Regisseuren, 
welche Hüser und Mons nachfolgten, erhielt 
Gettke einen Ruf als Oberregisseur nach Leipzig, 
Martersteig einen solchen nach Mannheim; 
beide waren einige Jahre in dieser verant 
wortlichen Stellung thätig, haben sie aber 
mit selbstständiger Direktionsführung vertauscht. 
Gettke leitet das Theater in Elberfeld und 
Barmen, Martersteig die Rigaer Bühne, während 
zwei frühere Schauspielmitglieder in derselben 
Weise erfolgreich wirken: der beliebte Held und 
Liebhaber Herr Bare na hatte die Stadttheater 
in Stettin und Magdeburg übernommen und 
ist gegenwärtig Direktor in Königsberg, der 
ehemalige jugendliche Liebhaber Herr Rudolph 
leitet das Stadttheater in Halle. Man dürfte 
daraus folgern können, daß die Kasseler Hof 
bühne auch eine gute Schule für Regisseure und 
Theaterdirektoren sei. 
Von den Zeiten des Landgrafen Moritz des Ge 
lehrten und seinem Ottoneum sind wir bei'der kurz 
gefaßten Schilderung des Kasseler Hoftheaters aus 
gegangen und befinden uns nun mitten in der 
Gegenwart, welche den idealen Kunstbestrebungen 
leider nicht so förderlich ist, wie es verlangt 
werden ■ kann. Seitdem die Errichtung der 
Schaubühnen freigegeben worden ist, haben die 
Theaterverhältnisse eine bedeutende Wandlung 
erfahren. Der Spekulation in Kunstsachen der 
Bühne ist kein Halt mehr zu gebieten, und die 
selbe wird denn auch im großartigsten Maßstab 
betrieben. Leute, die Geld haben, von den neun 
Musen aber nicht viel mehr wissen, als daß sie 
in der Abbildung wie neun schöne Mädchen 
aussehen, erbauen Paläste und lassen darin 
Komödie spielen, wie sie dem Publikum gefüllt, 
und da die bestehenden Stücke unserer Dichter 
einem großen Theil der großstädtischen Bevölkerung 
als veraltet gelten, so entsteht selbstverständlich 
auch ein Troß von Schriftstellern. welche der 
Geschmacksrichtung der tonangebenden Theater 
besucher der verschiedenen Stadtviertel zu Gefallen 
schreiben, damit die glänzenden Hallen der 
spekulativen Theaterbauunternehmer stets hübsch 
gefüllt sind und die Sache sich gut rentirt. 
Unter der Flagge: Mit sensationellem Erfolg in 
der Hauptstadt gegeben! werden diese dem flüch- 
tigen Tagesgeschmack dienenden Stücke alsdann 
auf den Provinzbühnen eingeführt, um auch der 
dortigen Geschmacksrichtung als Wegweiser zu 
gelten. O, ihr unschuldsvollcn Zeiten der wahren, 
unverfälschten „Schmieren" und „Meerschweinchen", 
wo „Die Räuber", „Don Juan" und „Der 
Freischütz" mit dem größten, aus dem Herzen 
quellenden Kunstenthusiasmus in Scheunen und 
auf Kegelbahnen gegeben wurden, wie rein steht 
ihr da gegen die immer mehr sich verbreitende 
dramatische Korruption von heilte, wenn dieselbe 
sich auch in sammet- und goldüberzogencn Sälen 
breit macht! Gegen dieselbe kann auch ein 
Unternehmen wie das Bayreuther Festspielhaus 
nichts ausrichten, nur die Hostheater sind noch 
die festen Wälle, an welchen die überhand
	        

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