Full text: Hessenland (6.1892)

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eine Fülle von Auszügen aus Gesetzbüchern und 
Werken bedeutender Juristen auf. Sie schließen 
mit folgenden Bemerkungen, die darthun, daß 
der Gerichtshof sich einer richtigen Einsicht in 
die Ursachen des Frevels nicht hat verschließen 
können, die aber eben deshalb in unlöslichem 
Widerspruch mit dem Abrathen von jeder Gnade 
und Schonung stehen. 
„Ich kann daher nicht bergen, daß es un 
begreiflich erscheint, daß diese Empörung bei ge 
höriger Aufmerksamkeit des Herrn Bataillons- 
Commandanten und der übrigen Herren Offiziers 
zur Reife kommen können, ja, ich bin innig 
überzeugt, daß, wenn man sich noch beim Aus 
bruch der Sache mit der gehörigen Energie und 
Klugheit benommen hätte, ein solches Verbrechen 
nie entstanden und das Glück mancher Familie 
ungestört geblieben sein würde. So aber muß 
leider unter der Sorglosigkeit Einzelner das 
Ganze leiden, und es würde den Gefühlen der 
Menschlichkeit und der Gerechtigkeit entsprechen, 
wenn Herr Major von Zobel und das ganze 
Offizierscorps wenigstens einen nachdrücklichen 
Verweis deshalb erhielten." 
Ob diesem Schlußsatz Folge gegeben ist, darüber 
enthalten die Akten nichts, sicher ist jedenfalls, 
daß die Offiziere, besonders aber der Comman 
deur, ihrer Aufgabe als Vorgesetzte sehr wenig 
gewachsen gewesen sind. 
Die ganze Urtheilsfällung sollte aber noch 
ein bemerkenswerthes Nachspiel haben. Während 
sich das Geschick der Rebellen vorerst so erfüllt 
hatte, lief noch eine Untersuchung nebenher, 
durch die Anschuldigungen veranlaßt, die von 
Zobel mit so großer Sicherheit gegen die Fuldaer 
Behörden geschleudert waren. Schon am 2. Au 
gust erging an den Präfekten Herquet die 
Weisung, sich am 5. in Frankfurt zur Recht 
fertigung einzufinden. Er kam derselben sofort 
nach, da sich aber die Angelegenheit verzögerte, 
so fordert Herquet am 9. in einem Schreiben 
an den Generalgouverneur so energisch, wie es 
nur ein gutes Gewissen thun kann, die Erledigung, 
da er Geschäfte halber nach Fulda zurückkehren 
müsse. Ein Gleiches verlangte der Landwehr- 
Ausschuß zu wiederholten Malen. Endlich er 
folgte am 25. August ein Erlaß des General 
gouverneurs, der den von Zobel Beschuldigten 
eine glänzende Anerkennung giebt, sie von den 
haltlosen Verdächtigungen vollständig freispricht 
und zugleich im Fuldaer Amtsblatt veröffent 
licht wurde. 
Die Behörden hatten nur im vollsten Maße 
ihre Pflicht gethan. Schon Anfang Juni be 
antragte der Landwehr-Ausschuß mit Rücksicht 
auf die Unentbehrlichkeit der Arbeitskräfte, be 
sonders in Anbetracht der Verheerungen, die 
durch epidemische Krankheiten hervorgerufen seien, 
die Entlassung der Landwehr. Fürst Reuß ant 
wortete auf diese wie auf eine erneute Vor 
stellung, die wiederholt die Erschöpfung des 
Landes betont und auf das Versprechen hinweist, 
daß die Landwehr nach Beendigung des Krieges 
ihres Dienstes ledig sein solle, durchaus zustimmend 
und verspricht Alles zu thun, was möglich sei. 
Wenn er auch innig von der Lage des Landes 
und den großen Aufopferungen, die Fulda zu 
den allgemeinen Rüstungen gemacht habe, über 
zeugt sei, so lüge doch die Entscheidung in der 
Hand des Truppencommandos. Er hoffe aber, 
daß sie bald eintreffen werde. 
Wohl traf sie endlich am 4. August aus Wieu 
ein — gerade fünf Tage zu spät, das Unglück 
war geschehen. 
Herquet's gekränktes Ehrgefühl glaubte sich 
noch nicht mit der öffentlichen Anerkennung 
begnügen zu können. Er wollte die Person 
des Denunzianten kennen lernen und be 
antragte mehrmals, ihm die Einsicht in die 
Untersuchungsakten zu gestatten. Den gleichen 
Wunsch hatte auch Zobel, so daß es den An 
schein gewinnt, als wenn es doch nicht ohne 
Rüge für ihn abgegangen sei. Fürst Reuß 
wies Beide mit den verständigen Worten ab: 
„Ich habe diesen unangenehmen Vorfall unter 
sucht und richten und Gnade für Recht ergehen 
lassen. Was ich als Generalgouverneur befohlen 
habe, bedarf keiner weiteren Revision. Das 
Beste ist für Jeden, stillzuschweigen und es zu 
vergessen. Eine weitere Einsicht in die Akten 
soll, wird und braucht Niemand zu erhalten." 
Und trotzdem sollte es doch noch einmal zu 
einer Revision des so leichtfertig gefällten Urtheils 
kommen. Durch Reklamationen und Gnaden 
gesuche wurde der Verdacht erweckt, daß eine 
Anzahl Leute, denen die Amnestie hätte zu Gute 
kommen müssen, nichtsdestoweniger zum Theil 
in die Eisen, zum Theil zur Arbeitsstrafe oder 
Kapitulation verurtheilt waren und diese Strafen 
auch verbüßten. Um Klarheit in die Sache zu 
bringen, erhielt der Hauptmann und Stabs 
auditeur Schott im Oktober den Auftrag, die 
Akten zu revidiren. 
Da ergaben sich denn nun recht erbauliche 
Dinge. Am 22. Oktober erläßt der Vizegouver 
neur, Feldmarschalllieutenant von Hardegg, ein 
Schreiben an die Armirungskvmmission, in dem 
es heißt: 
„Da ich aus dem über die eingebrachten 
17 Fuldaischen Landwehristen abgehaltenen 
Protokoll (von Schott herrührend) ersehe, 
daß 4 derselben unter dem 15. v. Mts. 
gänzlich freigesprochen worden sind und diese 
Freisprechung bereits unter dem 19. September
	        

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