Full text: Hessenland (6.1892)

Mag es Elend geben und Schuld und Krankheit und 
Sorgen, 
Mag man nennen die Welt jammernd, verkommen und 
schlecht, 
Glaub's nicht immer: noch gibt es im irdischen Leben ein 
Eden — 
Sucht nur eifrig danach, wohnt in dem seligen Ort! 
Hmikie Scheel. 
Aus Heimath und Fremde. 
Am 12. Juli vollendete unser hessischer Lands 
mann, der Professor der Rechtswissenschaft an der 
Universität Zürich, Dr. H e inr i ch F i ck, sein siebzigstes 
Lebensjahr. Wenn wir heute dieses Tages gedenken, 
so geschieht es, um in unserem Hessenlande die Er 
innerung an einen Mann wachzurufen, der einst, zu 
Ende der vierziger Jahre, durch seine geistige Be 
gabung wie durch seine Gelehrsamkeit zu den hervor 
ragendsten Dozenten unserer Landesuniversität Mar 
burg zählte. Der Jubilar entstammt einer Familie, 
die durch mehrere Generationen hindurch aus 
gezeichnete Männer aufzuweisen hat. Jenen Emi 
granten angehörend, welche im Jahre 1732 wegen 
ihres protestantischen Glaubens Salzburg verlassen 
mußten, kam die Familie Fick nach Thüringen, wo 
sie sich niederließ und ein bürgerliches Gewerbe be 
trieb. Schon der Großvater unseres Jubilars, der 
Müllerssohn Christian Fick, war ein Mann von 
großer Bedeutung. Er war Professor der englischen 
Literatur an der Universität Erlangen. Zugleich 
war er ein sehr angesehener Publizist; die von ihm 
herausgegebene „Erlanger Realzeitung" erschien in 
einer Auflage von nicht weniger als 18 000 Exemplaren. 
Mit großem Freimuthe vertrat er den deutsch 
patriotischen Standpunkt gegenüber den Anmaßungen 
des Kaisers Napoleon und nur mit genauer Noth 
entging er dem Tode durch Erschießen, den sein 
Freund Palm am 26. August 1806 erleiden mußte. 
Der Vater Heinrich Fick's, der königl. bayerische 
Wasser- und Straßenbauinspektor Dr. Friedrich Fick 
war ein allseitig gebildeter vorzüglicher Fachmann. Von 
ihm und seinem Freunde Alexander Lips, der später 
als Professor der Nationalökonomie nach Marburg be 
rufen wurde, ging der Gedanke aus, den kühnen 
Plan Karls des Großen, eine schiffbare Verbindung 
zwischen Donau und Rhein herzustellen, aus der 
Vergangenheit wieder an's Licht zu ziehen. Schon 
im Jahre 1805 erschien von ihm und Alexander 
Lips eine dahinzielende Denkschrift, in welcher Lips 
die wirthschaftliche, Fick die technische Seite des 
Planes behandelte. Brachte diese Schrift den Ver 
fassern auch die Anerkennung der bayerischen Regierung 
ein, so sollte es doch noch lange währen, bis die 
Ausführung erfolgte. Erst in den dreißiger Jahren 
unter dem Könige Ludwig von Bayern wurde mit 
dem Bau dieser künstlichen Wasserstraße begonnen, 
die bei Kelheim an der Donau beginnend über 
Nürnberg nach Bamberg führt, von wo die Schiff 
fahrt in den Main geht. Sie führt den Namen 
„Ludwigskanal" und wurde am 25. August 1845 
eröffnet. 
Im Jahre 1618 wurde Dr. Friedrich Fick vom 
Kurfürsten Wilhelm I. nach Kassel berufen und ihm die 
Leitung des ganzen Straßen- und Wasserbauwesens in 
Kurhessen übertragen. Hier entfaltete er eine ganz außer 
ordentliche Thätigkeit. Er wurde der Schöpfer des 
neuen kurhessischen Landstraßennetzes. Wir haben 
seiner Verdienste wiederholt schon in unserer Zeit 
schrift „Hessenland" gedacht. Der in hohem Ansehen 
stehende edle und wahrhaft humane Mann starb 
als Geheimer Oberbaurath am 10. Juli 1861 in 
dem hohen Alter von 76 Jahren. Die letzten Jahre 
seines Lebens hatte er im Ruhestande zugebracht. 
Seine drei Söhne, Ludwig, Heinrich und Adolf, 
haben sämmtlich die akademische Laufbahn ergriffen. 
Der älteste und der jüngste haben sich einen aus 
gezeichneten Ruf als Mediziner erworben, Franz 
Ludwig als Professor der Anatomie in Marburg, 
wo er am 31. Dezember 1858 in der Blüthe des 
Mannesalters starb. Adolf Fick, früher Professor in 
Zürich, seit längerer Zeit Professor in Würzburg, 
ist einer der hervorragendsten Physiologen der Gegen 
wart. Heinrich Fick hat sich der Rechtswissenschaft 
gewidmet und sich auf diesem Gebiete, namentlich 
als Professor des Handels- und Wechselrechts, gleich 
falls in der Gelehrtenwelt einen sehr geachteten Namen 
erworben. Söhne der beiden jüngeren Brüder Fick 
sind gleichfalls als Universitätslehrer thätig. Doch 
beschäftigen wir uns jetzt mit dem Jubilare selbst. 
Alexander Heinrich Friedrich Fick ist 
am 12. Juli 1822 in Kassel geboren. Er besuchte 
das Gymnasium seiner Vaterstadt, und hier waren 
es die mathematisch-physikalischen Disziplinen, die 
ihn besonders anzogen und in denen er ganz außer 
ordentliche Fortschritte machte. Als Stifter einer 
religiös-politischen Verbindung, die sich die seltsame 
Aufgabe gestellt hatte, von dem Gymnasium aus 
das deutsche Universitätsleben im Sinne der christlich 
germanischen Burschenschaft zu reformiren, wurde er 
mit seinem Freunde Ernst Roßteuscher, der jetzt 
eine hervorragende Stelle in der Jrvingianer-Gemeinde 
zu Leipzig bekleidet, von dem Kasseler Gymnasium 
konsiliirt; er unterzog sich deshalb mit seinem 
Freunde an dem Gymnasium zu Marburg unter 
Vilmar im Herbste 1841 der Maturitätsprüfung, 
welche beide vortrefflich bestanden. Heinrich widmete 
sich zunächst an der Landesuniversität der Theologie, 
ging jedoch im Winter 1842 zum Studium der 
Rechtswissenschaft über. In Marburg sprang er 
mit seinem Freunde Roßteuscher bei dem Corps 
Teutonia ein. Im Wintersemester 1842/43 war er erster
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.