Full text: Hessenland (6.1892)

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die ihm gewordene schwierige Stellung aus 
füllte. 
Im Schauspiel war ebenfalls ein mannigfacher 
Wechsel eingetreten, Birnbaum hatte, der be 
kannten Familienverhältnisse wegen, das Engage 
ment verlassen müssen, und an seiner Stelle 
war Friedrich Hesse eingetreten, der ausgezeich 
nete Kvmiker und Baßbnffo. Als erster Held 
und Liebhaber wurde Osten engagirt, als Hclden- 
vatcr für Ottv L e h f e l d t U l r a m, für das Fach 
der Anstandsdamen und Heldenmütter Frau von 
Mills-Milarta, für dasjenige der naiven Lieb 
haberinnen Adele Gars«- Ga Ist er, eine geniale 
Künstlerin, welche leider ihrerLaufbahn bereits 1863 
im jugendlichen Alter durch den Tod entrissen wurde. 
Ihre Nachfolgerin war Lina Sieger. Als 
erste Heldin und Liebhaberin war Fräulein 
Harke eingetreten; nach dem Abgang des in 
schwärmerischen Rollen bemerkenswerthen L 'H a m 6 
als erster Liebhaber Herr Bare na. Die 
sämmtlichen Mitglieder, bei welchen auch noch 
die Veteranin Fräulein Schmidt genannt 
werden muß, waren treffliche Vertreter und 
Vertreterinnen ihrer Fächer, und besonders konnte 
Kassel auf das Lnstspielensemble, welches sie 
bildeten, stolz sein. (Schluß folgt.) 
Kloster Kaina in Kesten. 
Liegst mir zu Füßen mein Dörfchen und wahrlich heiteren 
Anblick 
Bietet das wohnliche Thal zwischen die Berge geschmiegt. 
Wie weißlockige Lämmer erwarten in schützender Hürde 
Enge zusammengedrängt furchtsam der Feinde Begehr, 
Also in schirmender Wälder Umarmung suchen die Häuser 
Frieden und sicheren Schutz vor dem Getriebe der Welt. 
Kräftig das Fachwerk gezimmert von gröblich behauenen 
Balken 
Und von Ziegeln gefügt drüber der röthliche First. — 
Auch die ärmlichste Hütte erscheint noch im festlichen Kleide 
Wenn sie Epheugerank üppig und grünend umwebt. — 
Alte, narbige Bäume, mit früchtebeladenen Zweigen 
Werfen das reifende Obst über die Mauer hinab, 
Deshalb zu heftigem Kampfe entbrannte die dörfliche Zugend, 
Kollert als Knäuel im Sand, zankt um den rollenden 
Preis. 
Blühende Wildniß wuchert in enge umfriedeten Gärten, 
Keine sorgliche Hand fand zum Beschneiden je Zeit. 
Ueber die Bank zum Bogen gespannt ist das Bohnen 
gewinde, 
Feurige Dolden daraus nicken im wehenden Wind. 
Fliehend das Fliegengeschwirr und die Luft des beengenden 
Zimmers 
Eilet ein ländliches Kind hierher zum lauschigen Sitz. 
Schaut aus dem blühenden Rahmen, wie träumend hinaus 
in die Weite. 
Heute bewegt auch dein Herz, Mägdlein! die sonnige 
Pracht. 
Zinnengekrönt von ferne erscheint der geräumige Hof uns, 
Doch des Zaunes Gesims schmückt nur von Töpfen ein 
Kranz. 
Sollen die schäumende Milch aufnehmen, zugleich auch be 
zeugen 
Reichthum und großen Besitz, wie es ist ländlicher Brouch. 
Schwerbeladene Wagen herschwanken auf staubiger Straße, 
Bringen goldkörnige Frucht von der gesegneten Flur, 
Die gen Süden sich dehnt auf waldentblößtem Gelände, 
Bis sie der wellige Zug bläulicher Berge begrenzt. 
Jetzt schweift weiter das Äuge zu hohen gothischen Bauten, 
Die im verengerten Thal stehen mit Herrschergewicht. 
Hochaus ragen die Thürme, der Steine zierliches Maßwerk 
Hebt von dem dunkelen Grund mächtiger Wälder sich ab. 
Was ein begeisterter Mönch in verschwiegener Zelle er 
sonnen, 
Fügte das srohndende Volk einst in granitene Form. 
DanmJahrhunderte lang schallt aus den Gewölben des Klosters 
Mette und Kirchengesang, Gott zu Ehren und Preis. — 
Doch nun bebt mir das Herz in tiefstem Erbarmen. — 
Ich denke: — 
— Zn dem aufragenden Vau birgt sich unsägliches 
^ Leid. — 
Seit ein gütiger Mrst aufschloß die gastlichen Thore, 
Draus er die Mönche vertrieb, flüchtet in dieses Asyl 
Grausiges Elend sich und Qual und verzweifeltes Ringen, 
Bis in die dunkelste Nacht sinket der irrende Geist. 
Und ich sehe den Menschen ähnlich dem göttlichen Bilde 
Tauchen in Wahnsinn und bald nähern sich sühllosem 
Thier. 
Sehe Mütter und Bräute begraben die seligste Hoffnung, 
Seh' wie vom Vater der Sohn schreckliches Schicksal 
ererbt. 
Wird es jetzt dunkel um mich und erlischt die strahlende 
Bläue, 
Sinken auf's friedliche Thal finstere Schatten herab? 
Ballen zu Wolken sich Thränen, von fernen Geliebten 
geweinet? 
Hör' ich aus Sturmesgebraus Seufzen und Klagegetön ? 
Ziehen wie Schemen um 'Glück und nur Leben betrogene 
Seelen 
Durch des umnachteten Thals finster beschattete Luft? 
Horch! da plötzlich ein Laut ganz nahe, halb Lallen, halb 
Jauchzen. 
Schau' von dem höheren Sitz auf ein gar liebliches Bild. 
Dort steht über die Arbeit gebückt ein Mann aus dem 
Volke, 
Hebt jetzt lauschend das Haupt, herzliche Freude im Aug', 
Denn ihm nahte die Gattin, im Arme den zappelnden 
Knaben, 
Der nach dem Vater verlangt, als er ihn jubelnd erblickt. 
Und nun richtet das Weib auf grünendem Rasen die 
Mahlzeit, 
Suppe und schwärzliches Brod dünkt ihr ein Göttergericht, 
Ladet den Mann zum Essen und faltet die sorglichen Hände, 
Spricht ein kurzes Gebet, einfach nur: „Segne Dir's 
Gott!" 
Heller scheint mir die Sonne wie jemals im Leben zu 
funkeln. 
Schatten verwehen geschwind, fliehen vor siegendem Licht. 
Wo sich in ehrlicher Arbeit der Mann für die Seinen 
noch mühte. 
Wo noch die züchtige Frau liebet und betet und sorgt, 
Wo aus kindlichem Munde noch schallt unschuldiges Lachen, 
Da auf Erden erblüht reinstes und herrlichstes Glück. 
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