Full text: Hessenland (6.1892)

gleichem Maße für die Oper, er erhob das 
Orchester wieder zu der alten Höhe und zog 
Sänger und Sängerinnen von Ruf heran, deren 
Namen zwar nicht so bedeutend wie die der 
vorigen Periode waren, die sich aber doch ein 
lang andauerndes Gedächtniß bei dem Kasseler 
Publikum bewahrt haben, wie die Tenoristen 
Dams und Derzka, der Bassist Deitmer 
und die Coloratursängerin Pi stör. Die erste 
dramatische Sängerin Meißelbach war noch 
aus der Truppe Bethmann's übernommen worden. 
Später erfreuten sich großer Beliebtheit die 
Primadonna Demoiselle Löw, die Coloratur- 
süngerin Fräulein Eder und die Soubrette 
Fräulein Mol endo, welche nach einer Reihe 
von Jahren als Frau Podesta im Fache der 
komischen Alten thätig war, und der sowohl als 
Sänger wie als Darsteller gleich vortreffliche 
Baritonist Bieberhofer. 
Nachdem Spohr bereits 1839 von den Ge 
schäften eines Mitgliedes der Theaterdirektion 
entbunden worden war, trat 1846 auch Feige 
von der Leitung zurück, und diese wurde in die 
Hände des Kammerherrn von Heeringen gelegt. 
Der neue Intendant erwarb sich von vornherein 
dadurch ein großes Verdienst um das Kasseler 
Hoftheater, daß er die Shakespeare'schen Stücke, 
welchen die vorhergegangene Zeit nicht sonderlich 
günstig gewesen war, zahlreicher in das Repertoir 
aufnahm und hierdurch den Darstellern eine 
Fülle dankbarer Rollen erschloß. In die ersten 
Jahre der Intendanz des Herrn von Heeringen 
fallen die politischen Wirren, über welche, so 
ernst dieselben waren, doch der Theaterhumor 
nicht verloren ging, wie aus den Spässen Birn- 
baum's auf der Bühne zu folgern ist. Neben 
dem klassischen Drama wurde dem Lustspiel und 
der Posse eine gleich sorgsame Pflege gewidmet, 
zumal die Kräfte auch für diese Kunstgattungen 
in ergiebigstem Maße vorhanden waren. Außer 
den bereits genannten Mitgliedern sind vom 
Schauspielpersonal in dieser Zeit die Damen 
Thäte und Gay zu nennen, sowie Fräulein 
Lemcke, welche als jugendliche Liebhaberin 
engagirt wurde, bald aber ihr bedeutendes Talent 
im ersten Rollenfach entfaltete. Auch Marie 
Seebach begann damals am Kasseler Hof 
theater ihre künstlerische Laufbahn. Als jugend 
liche Liebhaber gefielen Gabillon undKöckert. 
Julius Braun Hofer, ein feingebildeter Dar 
steller, war als erster Liebhaber im Lustspiel 
ausgezeichnet, für das eigentliche Heldenfach aber 
fehlte ihm die Kraft. Als erste Sängerin wurde 
zu Anfang der fünfziger Jahre Fräulein Louise 
Meyer hochgeschätzt, welche von ihrem ersten 
Engagement an einer kleinen Bühne nach Kassel 
gekommen, sofort Triumphe feierte. Von hier aus 
erhielt diese Künstlerin einen Ruf an das Hofopern 
theater in Wien, woselbst sie engagirt und eine 
Berühmtheit wurde, welcher selbst der gerade 
nicht sehr zu Lobeserhebungen geneigte Eduard 
Hanslick in seinem Werk über die deutsche Oper 
in ganz außerordentlicher Weise gedenkt. Auch 
die beliebte Sängerin Lieb hart fand von Kassel 
aus Engagement in Wien. Ueberhaupt ist es 
bemerkenswerth, daß von Ludwig Löwe an bis 
auf die neuere Zeit viele Mitglieder des Kasseler 
Schauspiels wie der Oper an den Wiener Hof 
theatern bereitwilligste Aufnahme fanden und in 
der Folge dort hervorragende Stellungen ein 
nahmen. Eine zweite Glanzperiode für die 
Oper trat unter der Intendanz des Herrn von 
Heeringen ein, als Theodor Wachtel, Rüb- 
s a m e n, Hochheimer und die Damen M a s i u s, 
Rübsamen-Veith und die Soubrette Amalie 
Kraft engagirt waren. Mit dieser Besetzung 
z. B. einer Äufführung des „Teil" beizuwohnen 
war ein Kunstgenuß, wie ihn selten ein Theater 
geboten hat. Es lag jedoch in der Natur der 
Sache, daß dieses ausgezeichnete Ensemble nicht 
lange beisammen blieb, denn, durch die hiesigen 
Erfolge verwöhnt, trieb die meisten Künstler 
wie es unter ähnlichen Umständen noch heute 
der Fall, Unzufriedenheit mit den bestehenden 
Verhältnissen oder die Sucht nach dem Metall, 
an welchem Alles hängt, nach welchem Alles 
drängt, wieder hinaus, aber von allen den eben 
Genannten hat nur Wachtel goldene Ernten 
gehalten, die Uebrigen haben nach dem Kasseler 
Engagement nicht viel mehr von sich hören lassen. 
Der Grund hiervon ist leicht in dem Umstand 
zu finden, daß die Stimmen damals wie auch 
noch heute an einem Hoftheater geschont und 
keiner Ueberanstrengung Preis gegeben werden, 
wogegen ans den Bühnen, welche unter einer 
Privatleitung stehen, die Sänger häufig genug 
in der gewissenlosesten Weise lediglich zur Aus 
beute dienen und in verhültnißmäßig kurzer Zeit 
einem sichern Ruin entgegengehen. Von hervor 
ragenden Kräften in der Oper engagirte Herr 
von Heeringen in der Folge noch den Bassisten 
Lindemann und den Tenoristen Bachmann; 
Schulze, welcher fürRübsamen als ersterBariton 
eintrat, übernahm später die Buffopartien, in 
denen er noch jetzt erfolgreich thätig ist. In 
der Leitung der Kapelle war mittlerweile ein 
Wechsel eingetreten, Spohr hatte den Taktstock 
1857 niedergelegt, nachdem ein Jahr früher 
Jean Bott, sein berühmter Schüler, aus der 
Stelle eines Konzertmeisters geschieden war. Noch 
vor Spohr's völligem Ausscheiden aber war schon 
neben dem alten Meister dessen Nachfolger, Hof 
kapellmeister Reiß, angestellt worden, welcher 
mit ebensoviel Eifer als künstlerischer Befähigung
	        

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