Full text: Hessenland (6.1892)

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male noch das Personal des Kasseler Hoftheaters! 
Da sind aufzuzählen die Sängerinnen Dietrich, 
Roland, und Schweizer, die Tenoristen 
Eichberger und Rosner, der Bassist Bert- 
hold, der Baritonist Föppel, im Schauspiel 
die Damen Feige. Thum und Mayer, die 
Herren Henckel, Rettich, Ziegler, Gerber, 
Marr und Wüstenberg. 
Nun sollte man wohl glauben, daß bei einer 
solchen Ansammlung erster Größen eine jede 
derselben etwas Extraes für sich hätte in An 
spruch nehmen wollen und durch das Hervor 
treten des Einzelnen der Eindruck des Ganzen 
in Gefahr gerathen wäre. Ein derartiger Fall 
trat jedoch nicht ein, da nach nicht anzuzweifeln 
den Ueberlieferungen die Regie Feige's eine so 
strenge war, daß Niemand aus dem Rahmen 
heraustreten konnte und auch nicht wollte. 
„Wie er einmal etwas angeordnet, so mußte 
es stehen bleiben." Ein jedes Mitglied hatte 
die bestimmte Stellung einzunehmen, damit ein 
gerundetes, einiges Ganze erzielt wurde, und 
darauf zu achten, daß die Plastik desselben 
durch nichts gestört werde. Da Feige es mit 
wahren Künstlern zu thun hatte, so war dies 
mit weniger Schwierigkeit durchzuführen als 
bei mittelmäßigen Darstellern, welche glauben, 
sie seien mindestens ebenso gut wie Roscius oder 
Talma. So sagt die dahingeschiedene Hofschau 
spielerin Henriette Schmidt in ihren bisher noch 
ungedruckten Aufzeichnungen von Ludwig Löwe: 
„Und welch' ein bescheidener Künstler, welch' 
liebenswürdiger, gemüthlicher Kollege war er! 
Da war kein Streben, aus dem Rahmen des 
Bildes hervorzutreten, keine anmaßende Zu- 
muthung, nur in seinem Interesse die Szene zu 
stellen, um womöglich dieselbe zu beherrschen und 
die Kollegen in den Hintergrund zu drängen." — 
Und in ähnlicher Weise heißt es von Sehdel- 
mann: „Wer vermöchte zu leugnen, daß er, in 
welcher Rolle es auch sei, nicht stets Maß ge 
halten und als Künstler dastand!! In späterer 
Zeit verfiel er allerdings in etwas Künstelei 
und Manier, allein er blieb doch in den Schranken 
des Schönen, bei der Sache, um die es ihm 
Ernst war. Seine Künstelei war nicht nach der 
heutigen Schablone, welche in Asfektation, in 
Koketterie mit dem Publikum ausartet. Er 
wollte gefallen, wie ein jeder zu gefallen trachtet, 
aber er drängte sich nicht hervor, sondern fügte 
sich hübsch in den Rahmen des Ganzen ein, 
wodurch, da ein Jeder dies mußte und that, ein 
gutes Zusammenspiel und musterhafte Vor 
stellungen stattfanden." 
Gerstäcker war auf Lebensdauer mit 3000 
Thalern, Rosner mit demselben Gehalt, Wild 
mit 4000 Thalern engagirt. Der Letztere, 
dessen Stimmumfang als Tenor so groß war, 
daß er auch den „Don Juan" singen konnte, 
pflegte wohl von sich zu sagen: „Was hat Kassel? 
Nichts als seinen Spohr, seinen Wild und seine 
Wilhelmshöhe!" 
Als Dekorationsmaler war seit 1821 Pri- 
mavesi mit 1200 Rhtlr. Gehalt, seit 1825 
Beut her mit 1400 Rthlr. thätig. Beide 
Künstler wirkten eintrüchtiglich zusammen und 
bereicherten das Theater mit Dekorationen, von 
denen noch gegenwärtig eine Anzahl architek 
tonischer Meisterwerke in Gebrauch sind. Nach 
Abgang des Maschinisten Girandoni trat 
1827 Roller ein, welcher bereits damals einen 
bedeutenden Ruf besaß, in Folge dessen er nach 
einigen Jahren für Petersburg gewonnen wurde. 
Sein Nachfolger war der talentvolle Hofmann. 
So war während der zehnjährigen Regierungs 
dauer Wilhelms II. das so komplizirte Theater 
wesen nach jeder Richtung hin auf das Beste 
versehen, mit Ausnahme des Ballets; hier mußten 
fremde Kräfte aushelfen, wie die Familie Kobler 
mit ihrer Gesellschaft oder ein unter dem Solo 
tänzer Hognet, vom Hoftheater in Berlin, 
stehendes Emsemble, für gewöhnlich jedoch genügte 
ein noch aus der unter König Jsröme bestande 
nen Balletschule hervorgegangener einheimischer 
Stamm, welcher von dem ersten Tänzer Le 
st itre weiter gebildet wurde. 
Mit dem Jahre 1831, in welchem die hessische 
Verfassung ertheilt wurde, trat für das Hof- 
theater ein neuer Wendepunkt ein. Der von 
seiner Residenz geschiedene Kurfürst Wilhelm II. 
wollte den seither gespendeten reichen Zuschuß 
aus die mit den Landständen vereinbarte Dotations 
summe von 21000 Thalern reduziren und das 
Institut zu einem Nationaltheater unter kur 
fürstlicher Intendanz umwandeln. Beides fand 
jedoch in der Folge nicht statt, es trat allerdings 
vom April 1832 bis November 1833 ein Interi 
mistikum unter Direktor Bethmann ein, sodann 
aber wurde das alte Hostheater von dem Kur- 
prinz-Mitregenten wieder in seine vollen Rechte 
eingesetzt und der Dotationssumme alljährlich 
ein Zuschuß von 15 000—18 000 Thalern aus 
der Hofkasse gewährt, so daß sich die Gesammt- 
summe der Staats- uud Hofzuwendungen von 
da ab jährlich mindestens aus 36 000 Thaler 
belief. Feige, der gewandte Bühnenleiter, brachte 
bald wieder ein tüchtiges Schauspielensemble 
zusammen, in welchem Quanter, Birnbaum, 
Hüser, Mo ns und Madame Ahrens be 
sonders wirksam waren, denen später Boltz 
mann, Pauli, Ka ibel, Pichler und Wohl- 
brück, sowie Frau Schaub und Demoiselle 
Schäfer folgten oder sich würdig an die Seite 
stellten. Spohr, als Kapellmeister, sorgte in
	        

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