Full text: Hessenland (6.1892)

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,Den Arrestanten und die übrigen Grenadiers', 
war die Antwort. Beides wurde verweigert, es 
fielen auf's Neue Schüsse; die traurigen Folgen 
des Aufruhrs wurden denselben auch hier vor 
gestellt, Alles fruchtete nichts, die Antwort war: 
,Wir haben uns lange genug am Narrenseil 
herumführen lassen' — Nichts! und die ganze 
Menge der Rebellen rückte tobend heran. 
Um weitere Schandthaten von ihnen abzu 
wenden, gab'Herr Oberlieutenant Schwarz den 
Arrestanten heraus, verweigerte jedoch fest die 
Herausgabe der getreu gebliebenen Leute der 
Compagnie, und als diese mit Gewalt fort 
genommen werden sollten, blieben sie standhaft. 
Unter Drohung und auf Erlaubniß höheren 
Orts pochend, ziehen die Rebellen sich endlich 
zurück und verließen nach einer halben Stunde 
das Dorf. Dieses ist die genaue und treue 
Darstellung des höchst schmerzhaften Vorfalles, 
so wie er sich aus den mir zugekommenen Com 
pagnie-Rapports herausstellt. 
Der loco Stand des Bataillons der ihren 
Pflichten treu Gebliebenen besteht aus 260 Mann. 
Ich kann nicht umhin, zugleich meine Meinung 
über die Ursache ganz gehorsamst zu erklären, 
welche ein ebenso unerwartetes als schändliches 
Verbrechen herbeigeführt haben. Ich suche und 
kann sie, ich muß es offen gestehen, in nichts 
Anderem als in dem verächtlichen Benehmen der 
höheren Behörden des Fuldaer Departements 
finden. Man hat von Seiten des Bataillons- 
Commandos auf höhere Erlaubniß das allein 
dem Bataillon gehörige, wahrscheinlich durch 
Mißverständniß nach Fulda geschickte Depot 
desselben durch einen Offizier mit Kommando 
zurückfordern lassen, diese Zurückgabe wurde bis 
heute verweigert, und die Verweigerung wurde 
dem Bataillon durch die unverrichteter Sache 
zurückgekommenen commandirten Mannschaften 
bekannt. Meine Truppe macht, so lange die 
hohen alliirten Mächte das Corps, unter dessen 
Commandirenden ich das Glück habe zu stehen, 
aufgestellt lassen, einen Theil ihrer Armee 
aus und hat von Niemand als von ihren Vor 
gesetzten , keineswegs aber von einem Präfekten 
Befehle zu empfangen, was mußte aber nach 
diesem Hergange für eine dem Dienst schädliche 
Idee bei dem gemeinen Mann entstehen? 
Konnte er anders — zwar höchst strafbar — als 
glauben, daß der Commandirende, der Oberst 
und der Major, unter welchem das Bataillon 
steht, den gnädigen Befehlen des Herrn Prä 
fekten untergeordnet seien, und daß es also nur 
von seinem Winke abhänge, das Bataillon nach 
Hause gehen zu lassen? Und an diesem Winke 
hat es, wie ich fest überzeugt bin, nicht gefehlt. 
Das Geheimniß der Conspiration, die Ordnung, 
mit der sie vor sich ging, die Hartnäckigkeit, 
mit der sich die Widerspänstigen aller Ermah 
nungen und Warnungen ihrer sonst von ihnen 
sehr geachteten Offiziers entgegensetzten, lassen dieses 
schon mit Wahrscheinlichkeit vermuthen. Wenn ich 
aber auch die allgemeine Stimme, welche sich nach 
sämmtlichen Rapports bei allen Compagnien ver 
nehmen ließ, in Betracht ziehe „daß sie höheren 
Orts nach Hause gerufen seien, daß 
ihnen kein Offizier mehr etwas zu be 
fehlen habe", so erhebt sich meiner Ueber 
zeugung nach die Wahrscheinlichkeit zur völligen 
Gewißheit. Es hat auch an Briefen aus dem 
Fuldaischen bei dem Bataillon nicht gefehlt, 
welche die durch die Oberen ausgesprochenen 
Worte wiederholen, es haben die zur Abholung 
des Depot commandirten Soldaten nicht anders 
als von der Ungerechtigkeit sprechen hören, mit 
der man das Bataillon noch zurückhalte, und 
daß ein Jeder ohne Verantwortlichkeit nach 
Hause gehen könne. Ich wäre endlich im Stande, 
das schriftliche Zeugniß durch vertraute Briefe 
eines achtungswerthen und sehr glaubwürdigen 
Mannes und Staatsdieners über die Triebfeder 
des ganzen schändlichen Benehmens der oberen 
Fuldaer Behörden beizubringen. Auch kann ich 
nicht unbemerkt lassen, daß das nach meiner 
Meinung dienstwidrige Benehmen und Beispiel 
der Würzburger Brigade, welches noch im ganz 
frischen Andenken ist, Manches beigetragen haben 
mag, um den Geist des Aufruhrs zu verstärken 
und zu steuern, der schon durch die angegebene 
Triebfeder angefacht war, wenigstens hat man 
oft Ausdrücke hören müßen, daß die Würzburger 
es ebenso geinacht hätten, weil sie abgerufen 
worden wären, und daß am Ende die Offiziers 
selbst mitgegangen sein, so müßte es auch bei 
ihnen sein. 
Ich habe meine Meinung ganz gehorsamst 
über das Ganze offen und frei nach Pflicht und 
Gewissen als Soldat und icks Mann von Ehre 
gesagt; ich kenne, sobald es diese betrifft, keine 
Rücksichten, und ich glaube daher in meinem und 
meiner Offiziers Namen ganz gehorsamst erklären 
zu dürfen, daß wir eine ganz eklatante Unter 
suchung und Genugthuung für die uns zugefügte 
Beleidigung erwarten, da es mir unmöglich 
scheint, das Bataillon fernerhin mit Ehren com- 
mandiren zu können, wenn nicht der fünfte oder 
höchstens achte Mann der Schändlichen füsiliert 
wird, welches das Gesetz, das hier ganz im 
Geiste der Nothwendigkeit von militärischer 
Ordnung spricht, bestimmt. Uebrigens bemerke 
ich schließlich ganz gehorsamst, daß ich sehr 
wünschte, es möchte für den Augenblick, wäre es 
nicht auf höheren Befehl, keine Veränderung in 
den Cantonnirungs-Quartieren des Bataillons
	        

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