Full text: Hessenland (6.1892)

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„Sei nicht traurig," bat sie wieder, „laß uns 
doch die Freude genießen, als gute Freunde 
bei einander zu sitzen. Ich bin Dir oft nahe ge 
wesen, und wenn Gedanken wirklich als eine Art 
elektrischer Verbindung das Ohrenklingen hervor 
rufen. so kannst Du mir leid thun, denn Deine 
Nerven müssen dann stark mitgenommen sein. 
Es ist mir alles in Deinem Hause vertraut 
geworden. Das wunderliche alte Treppengeländer 
gefällt mir ausnehmend und noch mehr die stillen 
Zimmer, in welchen Deine Eltern gewohnt haben. 
Du hast Vieles geändert, hoffentlich aber bist Du 
kein Mauerbrecher geworden." 
„Die Mauern stehen alle noch", antwortete ich. 
„So ist die Jugend! Sie zieht in die Ferne, 
um alte Schlosser zu sehen, und wo ihr der 
liebe Gott ein Stück alten Lebens vor die Augen 
setzt, beginnt sie sogleich aufzuräumen. Ich habe 
mich in das Buch Deines Lebens, herausgegeben 
von Deiner getreuen Christine, versenkt und nach 
alten Erinnerungen geangelt. Wie geht es den 
Kohlengruben? Hast Du gute Geschäfte gemacht? 
— Du weißt es nicht? Aber mein Herr, was 
haben Sie eigentlich getrieben?" 
„Möbel gekauft", rief ich nun fast zornig, „und 
das Nest für jemanden zurecht gemacht, welcher 
sich jetzt als Spottvogel entpuppt." 
„Der Spottvogel," antwortete sie munter, 
„eigentlich die gelbe Grasmücke, auch Titeritchen 
genannt, nährt sich von Beeren und unglücklichen 
Käfern und hat außerdem die Gewohnheit, andere 
ein wenig zu ärgern. Du siehst, ich bin heiter 
und vergnügt, und Du wirst gewiß der Letzte 
sein, welcher meine frohe Stimmung stören 
möchte." 
„Nein, das wollte ich nicht", ich reichte ihr 
meine Hand, doch fiel der Blick, mit welchem 
ich diese sinnbildliche Handlung begleitete, etwas 
matt aus, aber Ursula nahm es nicht so genau 
damit, sie wurde sogleich wieder fröhlich. 
„Schau Dir diesen Garten an", sprach sie. „Was 
bemerkst Du? Die Wege sind sauber, die Brenn 
nesseln haben sich verzogen, das ansehnliche Lager 
von Lederabfällen, Glasscherben, rostigen Eisen 
stücken ist entfernt worden. Wer hat das gethan? 
der Oheim Hieronymus. Du hast Dich um eine 
bedeutsame Lebenserfahrung gebracht, als Du 
mich in meinem Schnupfen schnöde verließest. 
Der Mensch fügt sich schließlich in alles, und 
wenn es ihm noch so unerwartet kommt. Es 
läßt sich alles tragen, mein Freund. — Aber 
Du wirst wieder verdrießlich, soll ich nicht 
erzählen?" 
„Rede, Ursula," rief ich, „rede und gieb mir 
nur die Erlaubniß, still zuhören zu dürfen." 
„Also merke auf. Da kam Dein Cerberus in 
mein Kämmerchen und betrachtete mich kopf 
schüttelnd. Eine Weile stand Christinchen hier 
auf grübelnd am Fenster, durch welches sich die 
balsamischen Lüfte einzudringen bemühten, dann 
mit einem entschiedenen Ruck drehete es sich auf 
den Absätzen herum und verschwand. Bald 
darauf hörte ich unter mir ein Klirren, 
wie wenn eine Fensterscheibe eingeschlagen würde. 
So war es auch. Christinchen hatte das Haus 
in Augenschein nehmen wollen und die Thür 
meines sonderbaren Verwandten verschlossen ge 
funden. da er sich in die Berge geflüchtet hatte. 
Cerberus versucht es zunächst, durch's Schlüssel 
loch zu beobachten, vergeblich. Gut, versuchen 
wir es von außen. Da steht ein altes Faß, 
wie wir es brauchen können, eine umgestürzte 
Regentonne. Stellen wir uns darauf. Aber 
wie hier alles wackelig und zerbrechlich ist, so ist 
es auch dieser dieusteutlassene Wasserbehälter, 
Cerberus fährt demnach mit der Nase in die 
Scheibe hinein. Du wirst die Narbe noch sehen, 
sie läßt ihr gut, ist sie doch für einen kranken 
Kameraden auf dem Schlachtfeld des Lebens da 
von getragen. Nunmehr kommt der Schmied, 
und nach einigem Zögern, halb neugierig, halb 
ängstlich öffnet er die Thür. Darauf beginnt 
die Reinigung. Ich will nicht behaupten, daß 
ich mich besonders behaglich dabei fühlte. Mit 
einem Male donnert eine bekannte Stimme: 
,Da soll doch gleich. . .‘ 
.Jawohl', sagt Christinchen und erhebt 
sich ein wenig. .Das sollte wirklich eintreten. 
Also Sie sind der Vogel, welcher in diesem Neste 
gehaust hat? Sie also sind der Bewohner dieser 
Mörderhöhle?' 
.Was macht sie hier?' ruft der Oheim in der 
höchstmöglichen Tonlage. .Wie kommt sie hier 
herein?' 
.Wie ich hinein gekommen bin?' erwidert 
Christinchen, .ich könnte Ihnen antworten : durch 
die Thür, und es würde die Wahrheit sein, aber 
die zerbrochene Scheibe mag es Ihnen auch 
deutlich machen, daß ich es zunächst durch's Fenster 
versucht habe. Wir wollen uns nun auch das 
Warum klar machen, denn bekanntlich heißt alles 
verstehen alles verzeihen. Also! Sie bewohnen 
hier mit mehreren Dutzend Vögeln die schönste 
Stube dieses säuerlich riechenden Hauses, und 
oben in einem wahren Loch haust das Kind, 
der Wurm, welchen das verwandtschaftliche Blut 
in Ihren Adern Ihnen als das Liebste auf 
Erden, als das Schönste in Ihrem einsamen 
Leben vor Augen stellen sollte.' — 
Ich berichte genau," unterbrach sich Ursula, 
„wie mir der Oheim die denkwürdigen Worte 
überliefert hat. — 
.Sie haben Licht, Sonne, Luft', rief Christinchen 
indem sie den Oheim strafend ansah. ,Jst das
	        

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