Full text: Hessenland (6.1892)

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aus einander, und das deutsche Theater mußte sich 
den alten Platz wieder zu erringen suchen. Der 
Erste, welcher diesen Versuch machte, war noch 
während des Jahres 1813 der Direktor Sohm; 
die Leistungen seiner Wandertruppe konnten 
jedoch nach keiner Richtnug genügen, und er sah 
sich gezwungen, nach einigen Wochen weiter zu 
ziehen. Am 1. Januar 1814 wurde das kur 
fürstliche Hoftheater wieder eröffnet, der Kapell 
meister Guhr kam mit einer Anzahl tüchtiger 
Mitglieder von Wiesbaden nach Kassel, und die 
Vorstellungen nahmen einen neuen Aufschwung. 
Außer Guhr war auch der Schauspieler und 
Regisseur Karl Feige und später mit diesen 
der Heldendarsteller von Ziethen- Liberati 
an der Direktion betheiligt, welche unter In 
tendanz des Geh. Raths von Apell und dem 
Polizeidirektor von Manger stand. Der da 
malige Bühnenetat belief sich auf ungefähr 
24000 Thaler, erreichte also noch nicht einmal 
die Höhe des unter Landgraf Friedrich gezahlten 
Zuschusses, und so war es ganz natürlich, daß, 
im Gegensatz zu früher, nur etwas Gutes im 
Schauspiel geleistet wurde, welches Feige, dessen 
Gattin eine treffliche Heroine und erste Lieb 
haberin war, besonders bevorzugte, so daß Guhr 
sich mit der Oper benachtheiligt sah und mit 
seiner Frau, einer durch schöne Stimme und gute 
Schule glänzenden Sängerin, nach Frankfurt am 
Main ging. Bald nach seinem Abgang starb 
Kurfürst Wilhelm I., und für das Hoftheater 
brach eine neue Aera an. 
(Schluß folgt.) 
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lilhelm Aogge-UuöwLg f. 
snsere Zeitschrift „Hessenland" hat einen 
schweren Verlust erlitten: am 11. Juli 
ist der Mitbegründer derselben Wilhelm 
Rogge-Ludwig in Kassel gestorben. Er zählte 
zu den eifrigsten Mitarbeitern unserer Zeit 
schrift, die ihm sehr viele gediegene, werthvolle 
Beiträge aus der älteren wie aus der neueren 
hessischen Geschichte verdankt. Durch seine Thätig 
keit auf deni Gebiete der Geschichtsforschung, 
durch die Vorträge, welche er eine lange Reihe 
von Jahren in den Versammlungen des Vereins 
für hessische Geschichte und Landeskunde in Kassel 
zu halten pflegte, durch seine historischen Auf 
sätze, die er in Kasseler wie in größeren aus 
wärtigen Zeitungen veröffentlichte, hat er sich 
wesentliche Verdienste erworben. Sein Name 
war bekannt und geachtet in allen Theilen unseres 
engeren Vaterlandes, und sein Hinscheiden wird 
allgemein auf das Lebhafteste beklagt. 
Wilhelm Emil Rogge-Ludwig war am 
10. Mürz 1819 zu Kassel als Sohn des Kauf 
mann Rogge-Ludwig in dem Hause am Markt 
platze, welches jetzt dem Kaufmann Schminke 
gehört, geboren. Er besuchte mit gutem Erfolge die 
Kasseler Gelehrtenschule -Lyceum Fridericianum, 
die er zu Ostern 1839 absolvirte. Hiernach 
widmete er sich in Heidelberg und Marburg 
dem Studium der Rechtswissenschaft, war auf 
beiden Universitäten ein angesehener Corps 
bursche, in Heidelberg der Nassovia, in Marburg 
der Hasso-Nassovia, und trat nach bestandenem 
Fakultäts- und Staatsexamen bei dem Stadt 
gerichte in Kassel in den juristischen Vorbereitungs 
dienst ein. Im Jahre 1849 wurde er zum 
Garnisons-Auditeur in Hanau ernannt. Hier 
verblieb er bis 1853, in welchem Jahre er in 
gleicher Eigenschaft nach Kassel versetzt wurde. 
1864 wurde er zum Obergerichts - Sekretär in 
Kassel ernannt, war dann nach der Errichtung 
des königl. preußischen Appellatiousgerichtes in 
Kassel im Jahre 1868 Sekretär dieser Behörde, 
und wurde mit dem Inkrafttreten der neuen 
Justizorganisation vom 1. Oktober 1879 zum 
Sekretär des Landesgerichtes in Kassel ernannt. 
Kurze Zeit darauf wurde er zum Oberlandes- 
gerichts-Sekretär befördert. In dieser Stellung 
verblieb er bis 1881, in welchem Jahre er aus 
Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand trat. 
Hatte Rogge-Ludwig sich schon früher dem 
Studium der heimathlichen Geschichte mit Vor 
liebe hingegeben, so konnte er jetzt xrocul negotiis 
seine Mußestunden vollständig demselben widmen. 
Und er that dies mit dem größten Eifer, wie 
er denn auch ein sehr emsiges und thätiges 
Mitglied des Vereins für hessische Geschichte 
und Landeskunde war, dessen Vorstand er eine 
lange Reihe von Jahren angehörte. Bis zu 
den letzten Jahren verging wohl kaum ein Winter, 
in dem er nicht mindestens einen Vortrag im 
Kasseler Geschichtsvereine gehalten hätte. Zugleich 
entwickelte er eine sehr rührige schriftstellerische 
Wirksamkeit. Seine zahlreichen historischen 
Arbeiten wurden gern gelesen, besaß er doch 
die Gabe, meist Gegenstände aus der vater 
ländischen Geschichte zum Vorwurfe seiner 
Vorträge, seiner Aufsätze und Schriften zu
	        

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