Full text: Hessenland (6.1892)

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derselben durch beigefügte Sternchen anzudeuten, 
je mehr Sternchen, ein desto größerer Stern war 
also der betreffende Mime, die damit beehrte 
Darstellerin. Der einzige Stern erster Große 
im Jahre 80 scheint danach aber weder die erste 
Heldin, Madame Suin, noch der erste Held, 
Monsieur Clavareau, noch der Heldenvater, 
MonsieurPlante, gewesen zu sein, sondern Monsieur 
Armand, welcher die „ersten Bedienten und 
Escrocs" spielte, denn er allein hat drei Sternchen 
vor seinem Namen. Würde in einem Theater 
almanach von heute eine solche Sterndeuterei 
eingeführt werden, so könnte der Herausgeber 
sich aus einen schönen Skandal gefaßt machen, 
und es ist anzunehmen, daß auch damals Monsieur 
Desmasures, der Vater, welcher die „Raisonneurs 
und große Hülfsrollen in Lust- und Trauerspiel" 
zu verkörpern hatte, kraft seines Rollenfachs 
weidlich darüber raisonnirt haben wird, daß er 
mit gar keinem Sternchen versehen worden ist, 
und seinen Sohn, den jungen Monsieur Desmasures, 
welcher die Kinderrollen spielte und mit einem 
Sternchen geziert worden ist, dies bitter hat 
entgelten lassen. Von alten hiesigen Theater 
namen findet sich unter dem Ballet schon ein 
Figurant Bechstedt. Ferner sticht unter den 
italienischen und französischen Namen, den 
Lacombe, Delisle, Sposi u. s. w., ganz wesentlich 
die Tänzerin Mamsell Meyer ab. 
Im April 1785 kam mit einer deutschen 
Truppe der verdienstvolle Direktor G r o ß m a n n 
nach Kassel und erlangte die Erlaubniß, in dem 
Komödienhaus an den Kolonnaden Vorstellungen 
geben zu dürfen. Die Kasselaner sahen hier 
zum ersten Male Schiller's „Räuber" und „Fiesko", 
„Otto von Wittelsbach" von Babo, Shakespeares 
„König Lear" und „Macbeth"; für die Auf 
führung des zuletzt genannten Stückes war 
Großmann sogar das Opernhaus (das jetzige 
Hostheatergebüude) bei erhöhten Preisen ein 
geräumt worden. Nach einigen Monaten aber 
nahm der Anfangs starke Besuch der deutschen 
Vorstellungen beträchtlich ab, und als ein be 
sonderes Merkzeichen wird hervorgehoben, daß 
„das traurige Resultat einer zum Besten eines 
Lessing-Denkmals bei aufgehobenem Abonnement 
angesetzten Aufführung der ,Minna von Barn 
helm' der lächerliche Betrag von eilf Thalern" 
gewesen sei. Uebrigens kann man gerade hierbei 
sagen: „Tont comme chez nous!“, wenn man 
sich an die am 18. Dezember 1884 im König 
lichen Theater ebenfalls mit aufgehobenem Abonne 
ment zum Besten eines Weber-Denkmals statt 
gefundene Vorstellung des „Oberon" erinnert, 
bei welcher mehr Personen auf der Bühne be 
schäftigt, als im Zuschauerraum erschienen waren. 
Nach dem Tode des prachtliebenden Friedrich 
gelangte der sparsame Wilhelm IX., nachmals 
Kurfürst Wilhelm 1., zur Regierung, und das 
Kasseler Hoftheater wurde wiederum seiner glänzen 
den Hülle entkleidet, in welcher es mit Versailles 
wetteifern konnte. Landgraf Wilhelm, allem 
fremden Zauber Feind, ließ die welsche Künstler 
truppe sofort aus ihrem Paradiese treiben, ohne 
indessen der deutschen Muse zu ihrem Rechte zu 
verhelfen. Mit Widerstreben öffneten die Pforten 
des früheren Opernhauses (das Komödienhaus 
war im Mai 1787 abgebrannt) sich den wandern 
den deutschen Schauspielergesellschaften, welche 
Ritterstücke und das bürgerliche Rührdrama 
hauptsächlich kultivirten. Auch der tüchtige 
Großmann ließ sich wieder blicken, zog aber 
bald weiter, da er nicht den gehofften Besuch 
fand, und machte italienischen Unternehmern 
Platz, welche mit deutschen Mitgliedern nmher- 
wanderten. 1796 kam der Direktor Haßloch 
nach Kassel, kündigte seine Truppe als Hofschau 
spielergesellschaft an und brachte das deutsche 
Singspiel zu Ehre», dessen größter Triuniph in 
der am 5. Dezember vorgenannten Jahres statt- 
gesundenen ersten Aufführung der Mvzart'schen 
„Zauberflöte" bestand, welche jetzt schon längst 
einen ganz andern Rang als damals einnimmt. 
Haßloch, welcher zuletzt vom Hof einen Zuschuß 
von fünf- bis sechstausend Thalern erhalten hatte, 
verließ Kassel 1803 „ärmer, als er gekommen 
war, aber nicht, ohne sich die Anerkennung vieler 
Kunstfreunde erworben zu haben, welche seinen 
Abgang beklagten". Von 1804 bis 1806 gab 
die Truppe der Direktoren Kruse und Willmann 
Vorstellungen, unter den ausbrechenden Kriegs 
wettern wurde aber das seit 1802 wieder als 
„Hvftheater" bestehende Institut aufgelöst, und 
als Vorläufer des späteren glänzenden Theätre 
royal zog 1807 in die Hauptstadt des neu ge 
gründeten Königreichs Westfalen die Directrice 
Madame Bursay mit ihrer Gesellschaft aus Braun 
schweig ein. Bald jedoch mußte dieselbe den 
großen Anstalten Platz machen, welche von dem 
Chevalier Bruguiöre zur Herstellung der großen 
Oper und des ebenso großen Ballets betrieben 
wurden. Als Kapellmeister fungirte zuerst Fr. 
Reichard, dem aber schon nach Jahresfrist 
Felici Blangini als Generalmusikdirektor 
des Königreichs mit 14 000 Francs Gage folgte. 
Das Orchester, welches dieser Italiener zusammen 
stellte, erreichte wieder die frühere Höhe, die 
Kirchenkonzerte sollen sogar noch die unter Fio- 
rillo's Leitung übertroffen haben, die Oper besaß 
die vortrefflichsten Gesangeskräfte, und das Ballet 
stand derselben würdig zur Seite, das Schauspiel 
nur wurde als Nebensache betrachtet. Mit dem 
Zusammensturz des westfälischen Throns flog 
auch die Pariser Künstlerherrlichkeit in Kassel
	        

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