Full text: Hessenland (6.1892)

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Adjutanten des Bataillons und Herrn Haupt- 
mann Salmüller hinunter und fragte nach der 
Ursache ihres Hierherkommens und überhaupt 
ihres Begehrens, es war in der Nacht 8 /< ans 
11 Uhr. Viele wollten schreiend das Wort 
nehmen, ich verlangte, daß nur einer oder zwei 
sprächen, worauf auch alle Anderen verstummten, 
und einer derselben. Namens Valentin Vogel, 
Schütze von der Compagnie der Freiwilligen, 
mir erklärte, sie seien gekommen, um die Fahne 
zu holen, und gesonnen, mit derselben in das 
Vaterland zurückzukehren, es sei nicht mehr länger 
hier auszuhalten, denn der Bauer wolle ihnen 
nichts mehr geben, und sobald man diesem ein 
grobes Wort sage, so folge strenge Strafe. Ich 
stellte dem Sprecher laut und vernehmlich, so 
daß Alle es hören konnten, vor, daß Disciplin 
die Seele des Militärs sei; ich schilderte ihnen 
das Unglück, in welches sie sich unausbleiblich 
stürzen würden, wenn sie auf ihrem unseligen 
Schritte bcharrte»; ich stellte ihnen vor, daß 
wir nur allein unter denen Befehlen der höchsten 
Alliirten und dem uns vorgesetzten hohen Armee- 
Commando ständen, und befragte sie, nachdem 
alles Zureden vergeblich war, ob sie eine Be 
schwerde gegen mich oder meine Offiziers vor 
zubringen hätten. 
Auf Letzteres wurde init Nein geantwortet, 
alles sonstige Zureden war vergeblich. 
Ich erklärte ihnen hierauf, daß ich die Fahne 
freiwillig weder herausgeben könne noch dürfe, 
daß ich indessen mit den beiden bei mir haben- 
dcn Offiziers der Gewalt zn widerstehen nicht 
im Stande sei und folglich es geschehen lasse» 
müsse, daß die Fahne aus meinem Zimmer von 
ihnen weggenommen würde. Wirklich holte auch 
der schon genannte Valentin Vogel mit noch 
zwei Anderen die Fahne von oben herunter und 
stellte sich mit derselben in die Division ein. 
Als hierauf noch Alles unbeweglich blieb, fragte 
ich nach ihrem Commandanten und verlangte, 
wenn sie nicht zu ihrer Pflicht zurückkehren 
wollten, den Abmarsch, worauf ein Sappeur, 
Namens Weidner, aus Salmünster, auf dem linken 
Flügel hervortrat und „Brüder! links in die 
Flanke!" kommandirte, worauf die Truppe, an 
welche sich die Fahnenwache, drei Mann stark, 
anschloß, mit Ausnahme des Unteroffiziers 
Brühler, welcher seinen Posten nicht verließ, 
mit Rotten in Ordnung und Stille auf die 
Landstraße rechts gegen Ladenburg abmarschierte. 
Nachzutragen ist, daß die Aufrührer, ehe sie 
in den Hof einrückten, vor dem Hanse scharf 
geladen, auch in dem Hofe auf der Seite an 
der Gartenthür mehrere die Gewehre gegen mich 
angeschlagen hatten. 
Gleich nach dem Abmarsch der Truppe, welche 
die Fahne abgeholt hatte, passirten noch ungefähr 
40 Mann von der 4. Compagnie, die in der 
Nähe nahe an der Brücke als Reserve aufgestellt 
gewesen waren, in Ordnung und Stille au 
nieinem Quartier vorbei und folgten den Uebrigen 
auf dem Wege nach Ladenburg. Mittlerweile 
hatten die Herrn Commandanten der beiden in 
Ladenburg befindlichen Compagnien erfahren, daß 
eine allgemeine Conspiration, nach welcher diese 
Nacht alle Compagnien zum Abmarsch zusammen 
treten würden, im Werke oder vielmehr schon 
reif sei. Es wurden deswegen sogleich daselbst 
die Thore geschlossen, Rücksprache mit der dasigen 
Civil-Autorität genommen und Herr Lieutenant 
Weber von der 6. Compagnie an mich hierher 
abgeschickt, um anzufragen, ob man sich vertheidigen 
solle. Diesem begegneten auf dem Wege ohn- 
gefähr 20 Schritte von meinem Quartier einige 
Jäger und Grenadiere, die er sogleich fragte, 
wohin sie gehen wollten, worauf sie ihm ant 
worteten, daß er dies gleich sehen würde. Auf 
diese Aeußerung zog er sogleich seinen Säbel, 
sie erklärten aber, das Gewehr auf ihn fällend, 
daß er es nicht wagen sollte, einen zu be 
rühren, sonst würde er sehen, was ihm geschähe. 
In diesem Augenblick kamen die übrigen Jäger 
und Grenadiere, die Fahne in der Mitte, aus 
meiner Wohnung, und Herr Lieutenant Weber 
ritt durch selbe zu mir. Ich befahl ihm, auf 
der Stelle zurückzureiten, und den Compagnie- 
Commandanten die Ordre zu bringen, ihre 
Mannschaft zu versammeln, derselben zu erklären, 
daß, wenn irgend einer schlecht genug denke, 
dem Beispiele der übrigen Compagnien zu folgen, 
derselbe austreten könne, übrigens sich aller 
Gegenwehr zu enthalten, die um so verderblicher 
und unnützer werden könne, als man von dem 
guten Geiste itnb Gesinnungen der zwei in 
Ladenburg befindlichen Compagnien nichts weniger 
als überzeugt sei. Dieser Lieutenant Weber ritt 
mit dem Befehl zurück und begegnete jenen drei 
obgenannten Compagnien, es wurde sogleich ge 
fragt, wohin er ginge, man fiel seinem Pferde 
in die Zügel, und mehrere riefen, „er dürfe nicht 
vorausreiten, sondern müsse bis Ladenburg be 
gleitet werden." 
Während diesem schimpften sie, daß ihnen keine 
Löhnung, keine Schuhe und Kleidung gehörig 
gegeben würde, und der größte Theil rief: „Ei 
was, die Autoritäten in Fulda wollten uns ja 
nach Hause haben, sie haben zu denen in Fulda 
gesagt, der Krieg sei zu Ende, und man könne 
uns nicht länger mehr aufhalten." 
Als die Truppe an dem Thor vor Ladenburg 
angekommen war, suchte sie Herr Lieutenant 
Weber zu überreden, vor demselben stehen zu
	        

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