Full text: Hessenland (6.1892)

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Mach dem Feste. 
Ist auch Weihnachtszeit vorüber, 
Steht das Bäumchen doch noch immer, 
Reich geschmückt mit goldenen Früchten, 
In dem traulich warmen Zimmer. 
Kann noch nicht mich von ihm trennen 
Und so früh es heißen gehen. 
Weiß nicht, ob zum letzten Male 
Ich vielleicht es hab' gesehen, 
Ob der Lichter Helles Glänzen 
Mich noch einmal wird erfreu'», 
lind ob ich mit frohen Kindern 
Noch einmal kann glücklich sein. 
Will darum dem Bäumchen gönnen 
Gern den Platz im engen Raum, 
Und mit Freude stets nur denken 
An den lieben Weihnachtsbaum. 
ßart Weber. 
Im Mtuter. 
Der Schnee rings auf dem Felde liegt, 
Ein bleichend Riesenhemd, 
Wo süß ich Sommers mich gewiegt, 
Schaut Alles jetzt so fremd. 
Wo Lerchen stiegen in die Luft, 
Krächzt nun der Raben Schwarm, 
An Galgen mahnen sie und Gruft, — 
Arm' Sünder — Gott erbarm! 
Der Wasserfall zu Eis erstarrt 
Dort in dem Felsengrund, 
Der Winter, nach Tyrannenart, 
Verschloß ihm seinen Mund. 
Das Sonnenauge, trüb und matt, 
Blickt durch der Wolken Grau, 
Vergebens sucht es Blüth' und Blatt 
In schneebedeckter Au. 
Vergebens sucht es Freud' und Lust 
In öder Einsamkeit, 
Es ist das Glück der Menschenbrust, 
Der Frühling ist noch weit. 
W. Wennecke. 
Ans Heimath und Fremde. 
Eine treffende Schilderung Franz Dingelstedt's 
findet sich in der neuen Schrift Julius Roden- 
berg's „Das Haus im Thiergarten", die soeben in 
Verbindung mit „Klostermann's Grundstück" nebst 
„einigen anderen Begebenheiten, die sich in der Nach 
barschaft zugetragen haben", bei Gebrüder Paetel in 
Berlin erschienen ist. Das Haus in der Thiergarten 
straße zu Berlin, von dem hier die Rede, ist vor 
wenigen Wochen niedergerissen worden; Julius 
Rodenberg, der feinsinnige Kenner des alten Berlins, 
widmet demselben eine wehmüthige, liebevolle Er 
innerung und gedenkt dabei auch jener schönen 
Festlichkeit, welche die „Deutsche Rundschau" im 
Sommer 1876 zu Ehren der Anwesenheit Franz 
Dingelstedt's, ihres berühmten Mitarbeiters, in Berlin 
in jenem Hanse veranstaltet hatte, zu der die lite 
rarischen Celebritaten Berlins Einladungen erhalten 
und angenommen hatten. 
„Es war ein lieblicher Juninachmittag," schreibt 
Julius Rodenberg, „das Grün des Thiergartens noch 
ganz frisch, und durch die rothen und blauen Scheiben 
fiel gedämpfter Sonnenschein. Drinnen im Pavillon 
saß ein kleiner Kreis auserwählter Männer, alle 
scheinbar in der vollen Kraft des Lebens und ohne 
Zweifel fröhlich und guter Dinge, bei den köstlichen 
Zigarren, dem duftenden Mokka, die das voraus 
gegangene Mahl krönten. Der Eine war ein Mann 
zu Beginn der Sechzig, von hoher Gestalt, mit 
breiten Schultern, ein Mann von adliger Erscheinung 
und seltener Schönheit noch in seinen Jahren. 
Cavalier durch und durch, ein Elegant sogar, aber mit 
einem sarkastischen Zug um die Lippen, den der 
modische, jetzt schon ergrauende Bart nicht zudeckte, 
und das große, braune Auge, das ich immer noch zu 
schauen meine, voll von tausend Jugend- und Heimath- 
erinneruugen für mich. Er ist nicht immer der vor 
nehme Herr gewesen, dessen Knopfloch das schwarz 
gelbe Band der „eisernen Krone" schmückt. Aus 
kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hat er Alles 
erreicht, was menschlichem Ehrgeiz erstrebungswerth 
scheinen mag; er hat mehr erreicht, als der Knabe 
jemals geträumt. Und dennoch sagt dieser Zug um 
den Mund, daß der Traum oft schöner ist als dessen 
Erfüllung, daß es für die Ideale keinen Ersatz giebt, 
und daß man durch äußeren Glanz wohl die Welt, 
nicht aber sich selbst zu täuschen vermag. Einer der 
genialsten Persönlichkeiten, die mir in meinem Leben 
begegnet; Einer, der durch den ihm angeborenen 
Zauber Alles überwand, was ihm in den Weg trat, 
nur nicht den inneren Zwiespalt; der Jeden entzückte, 
den er entzücken gewollt; ein Günstling des Glücks 
und in Wahrheit niemals glücklich —, ein Poet, der 
alle Talente, nur nicht das der Resignation, besaß. 
Dieser Mann, eines hessischen Feldwebels Sohn und 
nunmehr ein österreichischer Freiherr, war Franz 
Dingelstedt, und ihm zu Ehren, während seines 
letzten Aufenthaltes in Berlin, war das kleine Fest 
gegeben worden, an welches es mich mahnt, dieses 
Haus im Thiergarten!" 
Univ er sitäts Nachrichten. In diesem 
Wintersemester beträgt die Zahl der immatrikulirten 
Studirenden der Universität Marburg 840, gegen 
952 im verflossenen Sommersemester und 855 im
	        

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