Full text: Hessenland (6.1892)

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Ich gerieth in gute Laune und entwarf von 
Ursula eine Schilderung, wonach man sie sich 
als eine altgermanische Jungfrau von männlichem 
Wuchs und männlicher Entschiedenheit vorstellen 
konnte. 
„Ja ja", schloß ich theilnehmend. „Ich kann Dir 
nicht helfen. So eine ländliche Art weiß, was 
sie will, und führt eine feste Hand." 
„Na, na", meinte sie trocken, richtete sich aber 
dabei energisch auf. „In dieser Beziehung wie 
auch in allen andern werden wir unseren Mann 
stellen, gleichwie dieses durch viele Jahre der 
Anfechtung hindurch allezeit besorgt und geschehen 
ist." 
Ich wollte den Löwen in ihr nicht weiter 
reizen, führte sie daher zum Berghof und vor 
Ursula's Zimmer. Es folgte eine tiefe Stille, 
dann vernahm ich den Ton einer süßen, geliebten 
Stimme, wieder einige rauhe Laute. Endlich 
kam Christinchen mit geröthetem Gesicht zu mir 
herab. „Ich will Ihnen etwas sagen, junger 
Herr," sprach sie entrüstet, „wenn Sie wieder 
einmal einen brauchen, den Sie zum Narren 
haben wollen, dann komme ich Ihnen. Und 
übrigens, was haben Sie mit dem Kinde 
angefangen?" 
Es lag eine ungewohnte Rührung in ihren 
letzten Worten, und über das mürrische Gesicht 
legte sich ein weicher Zug. Sie hatte sich Ur 
sula als ein handfestes, energisches Weib vor 
gestellt und war nun durch den Anblick dieses 
zarte», freundlichen Antlitzes gerührt und bewegt 
worden. 
„Nein, lege Dein altes Gesicht nicht wieder in 
krause Falten," rief ich, „ich sehe es Dir ja an, 
daß Dir Ursula gefüllt. Thue nun das Deine, 
daß Dein junger Herr bald eine gesunde, frische, 
fröhliche Frau in sein Haus führen kann." 
Sie entzog mir ihre Hand, welche ich in 
meiner Freude ergriffen hatte. „Dieses werden 
Der Schmied. 
Der Amboß dröhnt, die Funken sprühn, 
Der Hammer im Takte sich schwinget, 
Was hat der Geselle, der junge Mann, 
Daß er so traurig singet? ' 
Er hat für jeden Schlag ein Wort 
In trüben Melodeien: 
Der Meister steht nicht weit davon, 
Ihn kann es nicht erfreuen. 
Und theilnahmsvoll ruft er herbei 
Den trauernden Gesellen: 
„Was ist's mit Dir, mein junger Freund, 
Wer will Dein Glück zerschellen?" 
wir im Ali ge behalten," versetzte sie ruhig, „nun 
aber packen Sie Ihre Siebensachen, Sie sind 
hier gänzlich überflüssig. Trollen Sie sich nach 
Hause, denn es dürfte nun genug der Vagabon- 
dage hinter uns liegen. Sie essen im braunen 
Hirsch. Der Laufbursch wird Sic mit allem 
versorgen. Das Uebrigc hier ist meine Sache, 
und ich' werde reine Bahn schaffen." 
Was konnte ich da wieder thun? Nachdem ich 
ein längeres Gespräch mit dem Oheim gehabt 
hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Es 
gingen nun Wochen dahin, welche ich mit meinem 
sehnsüchtigen Herzen fern von Ursula zubringen 
mußte, denn Christinchen hielt allen Beschwö 
rungen gegenüber an ihrem „Nein" fest. „Sie 
sind noch gänzlich im Wege", das war der 
Kehrreim all ihrer Antworten. Ich schloß in 
jener Zeit Bekanntschaft mit allen möglichen 
Handwerkern und war in dieser Hinsicht froh, 
Christinchen fernab hinter den Bergen zu haben. 
Es wurde mir schwer, eine neue Ordnung in unser 
liebes Haus zu bringen, doch mußte Manches 
geändert werden, die herbstlichen Blätter müssen 
fallen, wenn der Lenz einzieht. Einige Zimmer 
jedoch blieben, wie sie waren, die freundlichen 
Wohnrüume meiner Theuern, damit der gute 
Geist, welcher die Alten beherrscht hatte, auch 
den Jungen nicht fehle. Es war nun alles 
bereit, nun kam es nur darauf an, daß die 
Braut kommen wollte. Christinchen's Briefe 
brachten sonst erfreuliche Kunde, daß mein Lieb, 
wieder hell ans den Augen schaue. „Ich habe 
sämmtlichen Lebensverhältnissen gegenüber ge 
standen", schrieb sie, „wie ein Fels im Meer oder 
wie das Fräulein sagt, wie der Watzmann weiß 
von Schnee, und ich habe sie alle unter mir." 
Aber von meiner Liebe stand nichts in den 
Briefen, nur wie ferne liebliche Glocken läuteten 
Hoffnung und Verlangen meinem Herzen. 
(Fortsetzung folgt) 
Ach Meister, lieber Meister mein, 
Euch will ich's gern vertrauen: 
Ich hatt' ein Lieb so wunderhold. 
Wie keines war zu schauen. 
Der Altgeselle stahl sie mir, 
Riß sie von meinem Herzen. — 
Ach Meister, lieber Meister mein, 
Nun wißt Ihr meine Schmerzen." 
Da sagt der Meister tiefbetrübt: 
„Auch ich kenn' diesen Jammer, 
Schlag' zu, schlag' zu, mein junger Freund, 
Denk', hätt'st ihn unter',» Hammer." 
tzart Wever.
	        

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