Full text: Hessenland (6.1892)

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Unterwegs schickte ich einen Knaben zum 
Schulhaus und bat die Frau meines Gastfreundes, 
zum Berghof zu kommen. Sie war auch schnell 
zur Hilfe da, ich fand sie schon vor, denn ich 
hatte ans dem steilen Pfad, welcher zum Hof 
hinaufführte, langsam gehen müssen. Während 
Ursula von der Frau gebettet wurde, wandelte 
ich in dem verwilderten Garten auf 'und ab. 
Einmal kam der Oheim heraus, ein hagerer 
Mann mit ausdrucksvollem Gesicht, und ließ sich 
das Begebniß erzählen, ging aber schnell wieder 
in seine Hohle zurück. Doch stellte er mehrere 
Beutel mit heilsamen Kräutern, Brombeerblättern, 
Flieder, Kamille und noch anderes, vor Ursula's 
Thür, zu beliebiger Auswahl. Es war eins so 
gut wie das andere. 
Endlich kam die Frau wieder zu mir: „Nun 
schläft sie", sagte sie. 
Ich bat sie, mir einen Boten in die Stadt 
zu besorgen, um deu Arzt zu verlangen. Zwar 
meinte sie, der Thee des Oheims sei völlig 
ausreichend, ich hielt es aber doch für besser, 
eines sachverständigen Mannes Rath zu hören. 
Im Dorfe war der Unfall, welcher Ursula betroffen 
hatte, schon bekannt geworden. Wir fanden vor 
dem Schulhause viele Neugierige, die das Nähere 
zu vernehmen begehrten. 
Ich richtete an die Leute die Frage, ob uicht 
ein Bote zum Arzt und auf das Telegraphenamt 
zu haben sei. Es fand sich auch einer bereit, 
welcher bald auf flinkem Rosse forteilte. Der 
Weg zum Telegraphenamt aber galt meiner 
Pflegerin Christinchen, welcher ich ungefähr 
folgende Botschaft zukommen ließ: „Meine Braut 
ist krank, komm sofort zur Pflege", und es 
waren wonnige Gefühle, die mich bewegten, als 
ich diese Worte niederschrieb. 
Du wirst Augen machen—, dachte ich. Aber 
bist Du nicht selbst Schuld daran, daß Deine un 
umschränkte Herrschaft über Haus und Hof, Kisten 
und Kasten, Küche und Keller so jäh zusammen 
bricht? Wessen Worte klingen mir jetzt im Ohr? 
„Ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, 
und das auf der Stelle. Vom Geschäft verstehen 
Sie noch nicht das Schwarze unter dem Nagel, 
aber mit innerem Grauen bemerke ich, daß Sie 
alle Tage mehr in's Grübeln und Schmachten 
kommen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt ? Regelrechte 
Arbeit und Beaufsichtigung. Das muß anders 
werden, sonst fahren wir dahin." Wer hat so 
gesprochen? Du. Und was geschieht nun? 
Siehe, ein freundliches Auge wird künftig über 
mir wachen, ein theilnehmender Geist mir in 
meinen Arbeiten folgen und eine liebe Hand mir 
den goldenen Trank reichen, derweilen draußen 
die Nachtigall singt und auf den Bergen das 
Abendroth liegt. 
Nun rede mir ein Wort entgegen —, schloß ich 
triumphirend. Doch merkte ich wohl, daß solch' 
eine alte Person, die uns einst ans den Armen 
geschleppt hat, eine Art von Herrscherkrone auf 
dem Haupte trügt, welche man nicht ohne 
Weiters übersehen kann. Ich fürchtete ein wenig 
ihr scharfes, klares Auge, und als ich das erkannte, 
ward ich bekümmert. 
Das ist doch zu arg —, sprach ich bedauernd. 
Das sollte doch nicht sein, dachte ich verstimmt. 
Nein, rief ich entschieden. 
Spät am Abend kam der Arzt und beruhigte 
mich vollständig, obwohl er für meine Hoffnung, 
daß dieser letzte Schrecken überhaupt eine wohl 
thätige Wirkung auf Ursula ausüben werde, nur 
ein Lächeln hatte. Ich glaubte, wie das Bitterste 
des Schmerzes mit deu Thränen fortgeht, so 
würden mit der Krankheit auch die finsteren 
Schatten, welche über Ursula's Gemüth Macht 
gewonnen hatten, ausgeschieden werden. 
Noch lange saß ich in der Laube des Berghof 
gartens. Ich blickte hinauf zu den Sternen, die 
am blauen Himmel still ihre Bahn dahinschritten, 
und hörte auf das linde Wehen der Nacht. 
Und immer gewisser wurde es mir, daß ich 
Ursula nicht verlieren, sondern diese Blume des 
Waldes in mein Haus und Leben hineinversetzen 
würde. Denn es lebt in der Menschenbrust ein 
starkes, treues Hoffen von unzerstörbarer Kraft, 
welches gerade dann am mächtigsten sich entfaltet, 
wenn tausend Gewichte unser Gemüth belasten 
und niederdrücken wollen. 
Am anderen Tage kam Christine. Ich sah 
schon von Weitem auf ihrer Stirn einen Zug, 
der mir nicht gefiel. Um daher den Vortheil des 
Angriffs auf meiner Seite zu haben, hielt ich 
ihr die Uhr vor und sagte vorwurfsvoll: „Du 
hättest längst hier sein können, aber Du hast Dir 
wie immer die Zeit genommen." „Es ist aber 
gut," fuhr ich milder fort, „daß Du hier bist. 
Du wirst die Sache schon in's Gleiche bringen." 
„In's Gleiche bringen!" antwortete sie 
grimmig. „Ja, das werde ich, und dazu bin 
ich da. Das ist natürlich wieder eine nette 
Geschichte, die der Herr anzurichten und mir als 
Mahlzeit vorzusetzen belieben. Man soll doch 
nicht aus den Aengsten herauskommen. Welche 
ländliche Schönheit ist denn nun wieder als 
Zunder in Ihr feuergefährliches Gemüth gefallen? 
Das ist ja eine wundervolle Liebesgeschichte, die 
mit der Apotheke anfängt." 
„Christine!" rief ich scharf. 
„Sie wünschen?" fragte sie kaltblütig. 
„Zügle deine Zunge", sprach ich ärgerlich. „Füge 
Dich in's Unvermeidliche. Deine Zeit ist vor 
über, eine neue Zeit bricht an."
	        

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