Full text: Hessenland (6.1892)

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nichts zn wünschen übrig, da Alles ans das 
Luxuriöseste hergestellt war, und da sogar von 
überraschenden Erscheinungen und blitzschnellen 
Verwandlungen die Rede ist, so scheinen die 
alte» Herren auch in dieser Hinsicht schon ganz 
Respektabcles geleistet zu haben. All' diese 
Opernherrlichkeit aber endete 1730 mit dem 
Tode des Landgrafen Karl, dessen Nachfolger 
Friedrich I. als König von Schweden in 
Stockholm residirte und seinen jüngeren Bruder, 
den nachmaligen Landgraf Wilhelm VIII., zum 
Statthalter des Erblandcs einsetzte. Dieser Regent, 
welcher längere Zeit in holländischen Diensten 
gestanden und hier Gelegenheit gehabt hatte, 
die Meisterwerke der niederländischen Schule 
kennen zu lernen, verehrte unter den Künsten 
hauptsächlich die Malerei und gab dieser Neigung 
durch die Gründung der vortrefflichen Kasseler 
Gemäldegalerie einen großartigen Ausdruck. 
Auf Wilhelm VIII. folgte 1760 Landgraf 
Friedrich II., unter welchem das noch heute 
bestehende Kasseler Hoftheater eingerichtet wurde. 
Nach Beendigung des siebenjährigen Kriegs 
berief dieser kunstsinnige Fürst gleich seinem 
Großvater, einen italienischen Komponisten, den 
I g n az i o F i v r i l l v, zum Leiter seiner muster 
haften Kapelle, an welcher außer diesem noch drei 
weitere Kapellmeister, Morelli, Benozzi 
und Regn and, angestellt waren. Daneben 
dirigirte noch der Komponist Rvchcfvrt das 
französische Singspiel, und zwei Musikdirektoren, 
March and und Darvndeau, sowie zwei 
Konzertmeister, Heuzo und Esser, erleichterten 
außerdem den Kapellmeistern ihr Amt, welches da 
nach ein sehr angenehmes gewesen sein muß. 
Die Kapelle war, wie bereits erwähnt, vorzüg 
lich, namentlich werden von zeitgenössischen Kunst 
kennern die Hornbläser P a l s a , T h ü r s ch m i d t 
und Barth gerühmt, welcher Letztere als besondere 
Auszeichnung an seinem Pult zwei Wachskerzen 
brannte, ferner die Violinisten Braun und 
Rode w alb, sowie die drei ans Helsa stam 
menden M i ch e l. 
(Fortsetzung folgt.) 
Ursula. 
Eine Geschichte aus Waldesgründen 
von Wilhelm Speck. 
(Fortsetzung.) 
-Mestört! Dieses Wort klang immerfort in 
mir. Ich überlegte mir alles, was Ursula 
s zu mir gesprochen hatte, und dann sagte ich: 
Nein, es ist unmöglich. Es war ja manches 
Besondere in der Art, wie sie mit mir sprach, 
aber durch das Ganze ging doch ein klarer, ja 
ein überlegener Geist. Dann sah ich wieder ihre 
Gestalt vor mir, das liebliche, wehmüthige Antlitz 
mit den ernsten Augen, in denen unergründliche 
Tiefen sich aufthaten, die phantastische Art, wie 
sie sich mit Blumen zu schmücken pflegte, jenen 
Schreckensbann, welcher sie gefangen hielt, da ich 
sie zuerst erblickte, und dann sprach ich: Es ist 
doch wohl möglich. 
Es trieb mich von Neuem hinaus in den Wald. 
In den Dorfstraßen plauderten die Leute nach 
barlich mit einander. Sie iahen mir verwundert 
nach. Da merkte ich, daß sich die Erschütterung 
meiner Seele auch meinem Aeußern mitgetheilt 
hatte. Ich ging rasch durch die Wiesen zum Steg, 
der über den Fluß führte, und schritt dann langsam 
dem Otternstein zu. Es war im Walde so still 
und ernst. Schon mischten sich in den Glanz 
der Abendröthe die tiefen Schatten der Nacht, 
aber der Fluß zog heiter und frei vorüber, um 
spielt von den goldenen Lichtern des scheidenden 
Tages. 
Ich näherte mich dem Otternstein, da sah ich 
Ursula. In Gedanken versunken stand sie auf 
dem Felsen und blickte träumend hinab in die 
Fluth. Bei ihrem Anblick überwältigte!: mich 
meine Gefühle. Freude, Schmerz, Hoffen und 
Sehnen kamen über mich wie ein Wirbelsturm 
und trieben mich vorwärts. Ich bedachte nicht, 
daß ich sie durch mein plötzliches Erscheinen er 
schrecken könnte, und da es mir einfiel, war es schon 
zu spät. Sie hörte das Zusammenschlagen der 
Sträucher und warf einen erschrockenen Blick 
hinter sich. Es kam wieder jene Erstarrung über 
sie, von welcher ich sie schon einmal überwältigt 
gesehen hatte, dann versank sie vor mir in die Tiefe. 
Ueber das, was weiter geschah, weiß ich nichts 
zu sagen. Ich fand mich erst wieder, als ich sie 
aus dem Wasser heraustrug und unter den 
Halmen der Wiese niederlegte. Ich schöpfte tief 
Athem, dann nahm ich sie wieder auf und trug 
sie nach Germerode. Einmal öffnete sie die 
Augen, und ihr Blick rllhte freundlich auf mir. 
Da durchströmte Hoffnung mein Herz, und bei 
aller Sorge überkam mich das goldene Glück.
	        

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