Full text: Hessenland (6.1892)

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„Du sprichst wahr, Childerich, nichts Geringes 
führt mich zu Dir." 
Die Jungfrau wollte sich erheben, um davon 
zu gehen, doch der Priester faßte ihre Hand: 
„Bleibe, Kind, Du darsst hören, was mir das 
Herz beschwert." Und Hilda setzte sich wieder. 
„Ich komme zu Dir, Childerich, als dem Cent 
grafen, und heische Schutz und Hilfe." 
„Sprich", entgegnete der Alte kurz. 
„Du weißt, es laufen fremde Männer im 
Lande, welche die Götter mit giftiger Zunge 
schmähen als Unholde und dem Volke einen 
Gott verkünden, den Niemand kennt, einen Gott, 
der, wie sie selbst sagen, schmählich hingerichtet 
ward vom Römervvlke als Verbrecher." 
Der Priester schwieg, als erwarte er Gegenrede, 
doch Childerich sagte nach einer Weile nur: 
„Sprich weiter." 
„Will der Centgraf ruhig zusehen, wie seine 
Götter gelästert werden?" 
Der Alte schwieg noch immer. 
„Da ist aus Buchonia der Angelsachse Winfried 
in's Land gekommen und spricht am Herde 
des Hauses, spricht vor den Freien unter des 
Himmels Dach, ja, selbst vor den Hörigen von 
seinem fremden Gott und schmäht den ewigen 
Vater und die Äsen alle. Willst Du zuschaue», 
wie die Fremden Glaube, Treue, Gehorsam lösen 
und Verderben säen in die Herzen der Menschen? 
Hebt Niemand im Volk die Hand für das, was 
dem Herzen theuer ist?" 
Langsam sprach der Alte: 
„Ich schaue in's Land, Priester, und sehe sie 
einhergehen, die Verkünder der neuen Lehre, und 
Sorge umflicht mein greises Haupt, doch, im 
Süden sitzt der König, zu Chassala weilt 
sein Graf, und Winfried, der Angelsachse, trägt 
Briefe, welche ihm Schutz gewähren und dem 
Centgrafen befehlen, ihn gewähren zu lassen in 
seiner Art, denn der König und der Graf beten 
auch zu seinem fremden Gott. — Sprich, Priester, 
was soll Childerich thun?" 
„Rufe ich das Volk auf", entgegnete Jener aus 
weichend, „und erwecke seinen Zorn, so sterben 
die Fremden unter den Streichen der Chatten- 
axt, ehe eine Sonne vergeht". 
„Des Königs Briefe schützen sie." 
„Kein Königsbrief schützt gegen Volkeszorn". 
Bedächtig sägte Childerich: „Ich vertrete den 
König im Gau, Libes, soll ich die antasten, 
welche er schützt? Darf ich zuschauen gleich einem 
Fremden, wenn der blinde Zorn die Axt wider 
sic erhebt?" 
„Sie regen den Zorn der Männer auf, der 
ihnen Schaden bringen wird. Schlimmer, sie 
bethören die Herzen, die der Weiber vor Allem 
und der Hörigen." 
„Es sind räudige Hunde!" erklang eine wilde 
Stimme, und der Anwesenden Augen richteten 
sich auf Heribert, der unbemerkt eingetreten war 
und dort auf seinen Speer gestützt stand. 
„Hörst Dn's, Childerich?" 
Die Jungfrau war bei dem Klange der Stimme 
aufgefahren und blickte mit schüchterner Zärtlichkeit 
zu dem Alaune hin. 
Heribert nahte sich dem Herde: „Heil Dir, 
Vater Childerich! Und Euch!" sprach er grüßend, 
und sein Blick weilte mit freundlichen Ausdruck 
auf dem Angesicht der Jungfrau, welche nieder 
geschlagenen Auges vor ihm stand. 
„Willkommen, Heribert! Wilder!" sprach da 
Childerich. „Sitz nieder am Herde. Bringt das 
Horn." 
„Du sprachst ein scharfes Wort, Heribert," be 
gann der Priester. 
„Dächte Childerich wie ich," sagte der junge 
Atheling, „so peitschten Hörige die Schwätzer in 
Weiberröcken mit Ruthen zum Lande hinaus, 
und Jedem, der zurückkehrte, führe die Chatten- 
axt in den Schädel." 
„Du weißt wie ich, Heribert, sie führen die 
Briese des Königs und sind in seinem Frieden." 
„Und gehört es zum Frieden des Königs, daß 
sie die Hörigen aufhetzen gegen ihre Herren?" 
„Das ist es, was ich Dir noch sagen wollte, 
Childerich," ergriff eifrig der Priester das Wort 
„sie lehren, wir Alle seien gleich vor ihrem 
Gott, und der Hörige wie der Herr stiege zu 
Walhall hinauf." 
„Bei Donar, dem Herrn, die braunen Weiber 
kittel sind toll!" rief Heribert, „Hörige sollen einst 
bei Kriegern sitzen, die die Walküre empor trug 
zum ewigen Vater?" 
„Gefährlich ist die Lehre, Childerich," sagte 
nachdrücklich Libes, „gefährlich sind die Leute, 
welche sie verkünden." 
„Gefährlich ?" lachte der Alte. „Gefährlich in Dei 
nem Sinne? Nein, Libes, nein. Einem Hörigen, der 
Gehorsam weigert, führt meine Keule auf den 
Schädel, daß die Hirnschaale in Trümmern 
umherfliegt. Und gefährlich die Leute? Nein, 
Priester. Hier saß einer von ihnen, ein Jüngling, 
zwei Mal an meinen Feuer, unb ich habe in 
seine Seele geschaut. Es sind Menschen, denen 
die Sinne in Verwirrung gerathen sind, und 
singen ein Lied von einem Gottessohn, der sich 
peitschen ließ, und wollen sich auch peitschen 
lassen wie er, damit sie nach Walhall kommen. 
Narrheit, Narrheit! Aber redlich sind sie und 
gut. Nicht gefährlich ist die Lehre, sie ist zum 
Lachen. Nicht gefährlich sind die Leute, es sind 
Träumer. Ich kann sie nicht zum Lande hinaus 
führen." 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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