Full text: Hessenland (6.1892)

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\M. 
Inzwischen sind Ackerbauschnle und Prediger 
seminar angelegt, und kann man auch bei diesen 
der Gegend einen wesentlich anderen Ein 
druck verleihenden Einrichtungen die Hoffnung 
aussprechen, daß dem ganzen Orte, welcher an 
geschichtlichen Erinnerungen und landschaftlichen 
Reizen soviel des Schönen darbietet, ein neuer 
Aufschwung verliehen werde. 
Jus hm Weben Man; Dingelstebl's. 
Altes und Neues. 
Von F. Iw eng er. 
(Fortsetzung.) 
^iflranz Dingelstedt hatte seine Universitäts 
studien auf der alma mater Philippina 
beendet, er hatte am 10. Dezember 1834 
sein theologisches Fakultätsexamen cum laude 
bestanden, die licentia concionandi war ihm 
verliehen worden, wiederholt hatte er auch die 
Kanzel bestiegen, — man denke sich den Schön 
geist mit seiner langen Figur und den burschikosen 
Manieren im Predigertalare! —, da wurde ihm 
im folgenden Jahre die Stelle eines Lehrers an 
der Erziehungsanstalt für junge Engländer in 
Ricklingen bei Hannover übertragen, um hier 
angeblich das Deutsche zu lehren, wo er in Wahr 
heit aber, wie er selbst eingesteht, das Englische 
lernte. Das Leben daselbst entsprach seinen 
Neigungen, und so fühlte er sich denn auch wohl 
in seiner Stellung. Er selbst schreibt darüber 
in seinem „Literarischen Bilderbuch"*): „Rick 
lingen sagte mir ausnehmend zu. Das große 
Haus Kapitain Trott's, des Vorstandes der 
Anstalt, war ganz auf dem Fuß eines englischen 
Landsitzes eingerichtet. Bequemlichkeit jeder Art, 
vortreffliche Verpflegung, reichliche gesellige Unter 
haltung in der nahen Halbresidenz, wo der 
Herzog von Cambridge als Vizekönig repräsentirte 
und die young gentlemen aus Ricklingen gastlich 
empfing, die in unglaublichen Phantasieuuiformen 
bei Hof erschienen. Zu thun gab's blutwenig: 
ein paar Lektionen am späten Morgen; die 
Konversationsstunden nach dem Lunch wurden 
abgehalten beim Taubenschießen im Ricklinger 
Wäldchen oder beim Angeln in dem Bächlein, 
das hinter dem Hausgarten vorbeifloß. Abends 
besuchten wir, Lehrer und Zöglinge, gemeinschaft 
lich das Hoftheater, weil wir übereinstimmend 
der Meinung waren, es gebe keine bessere Schule 
für die schwere deutsche Sprache als die Bühne. 
Nach der Vorstellung beschloß den Tag ein 
solenner Kommers in „Wessel's Schenke", dem 
Mittelpunkt der ganzen englischen Kolonie in 
Hannover, allwo ich den deutschen Corpsburschen- 
*) Literarisches Bilderbuch von Franz Tingelstedt, Berlin 
1879, in dem Artikel „Mosenthal, ein Stammbuchblatt", 
Seite 168. 
Comment einzuführen trachtete und in einer 
schönen Mitternacht sogar zum unaussprechlichen 
Erstaunen und Vergnügen meiner wißbegierigen 
Jugend den „Landesvater" steigen ließ, sämmt 
liche Cylinder der Anwesenden durchbohrend mit 
dem Paradedegen eines köuiglich-großbritauisch- 
hauuoverischen Gardelieuteuants." 
Aus dieser ihm so angenehmen Stellung sollte 
er im Frühjahre 1836 plötzlich abberufen werden. 
Nachdem ihm früher die Bewerbung um eine 
Hilfslehrerstelle am Gymnasium zu Rinteln ab 
geschlagen worden war, obgleich sich der verdienst 
volle Direktor dieser Gelehrtenschule, Dr. Christoph 
Gottlieb Miß, auf das Wärmste für ihn ver 
wendet hatte, wurde ihm provisorisch der „Lehr 
stuhl für die neuen Sprachen und Literaturen 
an dem reorganisirten Lyceum Friderieianum 
in Hessen-Kassel" übertragen. Der Ruf an sich 
war ehrenvoll, von Niemand Geriugereiu aus 
gegangen als Hassenpflug, der dem hessische» 
Unterrichtswesen seine besondere Sorgfalt zu 
wendete. Nur widerstrebend folgte Franz Dingel 
stedt. Das schöne, ungebundene Leben in Rick 
lingen sollte er vertauschen gegen die dumpfe, 
enge Schulstube eines hessischen Gymnasiums. 
Aber der Vater drängte: „der Staatsdienst sei 
doch ein sicheres Brod und biete eine feste Stellung, 
dem schwankenden schweifenden Sinne des Sohnes 
doppelt heilsam." lind so nahm Franz Dingel 
stedt an. 
An einem schönen Maimorgen des Jahres 
1836 traf er in Kassel ein. „Um recht pünktlich 
zu sein," schreibt er selbst Seite 169 seines 
Literarischen Bilderbuchs, „meldete ich mich so 
fort, noch im Reiseanzuge, bei meinem neuen 
Direktor, dem braven, tüchtigen Weber, der mir 
aus einem strengen Chef bald ein nachsichtiger 
Freund geworden. Er maß mit bedenklichem 
Blicke zuerst meine hochaufgeschossene schmale 
Gestalt, dann den allerdings verwegenen Morgen- 
rock aus schottischem, gewürfeltem Stoff, echt 
englischen Schnitts. ,Trauen Sie sich auchy 
fragte er. ,den nöthigen Ernst zu, um Disziplin 
zu halten, und die körperliche Kraft, die der
	        

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