Full text: Hessenland (6.1892)

163 
Im Friedrichsbad, gleichfalls an der linken 
Seite der Brunnenstraße, waren im Unterraum 
zwei Badezimmer, in einem ein großes zinnenes 
Kellerbad, im anderen ein Liegebad von Marmor, 
in den oberen Räumen 64 Zimmer für Kurgäste, 
davon neun für fürstliche Personen. 
Für jüdische Kurgäste war ein besonderes 
Gebäude, an der linken Seite der Brunnenstraße 
mehr nach der Stadt zu, errichtet. 
Der Preis der Zimmer betrug, wie zum Theil 
noch zu ersehen, 2 Albus 8 Heller bis 16 Albus. 
Zwischen Wilhelms- und Friedrichsbad ver 
lauft eine mit zwei Reihen Bäume angelegte 
Allee zum Spaziergang für die Kurgäste beim 
Brunnengenuß. 
Die Trinkquelle, gerade in der Mitte zwischen 
den drei Badehäusern und bis dahin in dem 
durch Galerien mit Wilhelms- und Friedrichsbad 
verbundenen sog. Brunnenhanse gelegen, ward nach 
Abtragung des letzteren besonders eingefaßt und 
mit einem von ionischen Säulen getragenen 
knppelförmigen Dache versehen, so daß dieser 
Bau das Aussehen eines griechischen Tempels 
hat (vollendet 1792). 
Friedrich II. machte sich um den Brunnen 
weiter verdient, indem er erst durch den Bau- 
meister Karl du Ry (1757)°'), den Ingenieur 
Oberstlieutenant Splittdorf (1764), ferner durch 
den Kapitän Pauli (1768) verschiedene Ver 
besserungen, so Ableitung des wieder eingedrungenen 
wilden Wassers und anderer schädlicher Feuchtig 
keiten, vornehmen, ferner in den Badehäusern 
Galerien anlegen, auch in der Umgebung des 
Brunnens weitere Gebäulichkeiten, insbesondere 
Stallungen und Remisen zur Unterbringung 
von Pferden und Wagen der Kurgäste sowie 
ein kleines Theater, aufführen und endlich die 
ganze Gegend durch Parkanlagen verschönern ließ. 
Landgraf Wilhelm IX. (als Kurfürst Wil 
helm I.) erweiterte den Park durch neue An 
lagen und erbaute an dem darin angelegten 
Teiche ein kleines Lustschloß, Schon bürg 
(Mont-Cheri) genannt, mit Kellerbad. Unter 
seiner Regierung wurde (27. Februar 1789) 
von der Hochfürstlich Hessischen Ober-Rentkammer 
zu Kassel ein Reglement, den Gesundbrunnen 
bei Hofgeismar betreffend, erlassen, enthaltend 
Bestimmungen über Anmeldung der Kurgäste, 
Benutzung der Quellen, Taxe dafür sowie Taxe 
der Lebensmittel, Vorschriften üher den Gottes 
dienst, die Mahlzeiten, die öffentlichen Ver 
gnügungen, darunter namentlich die schon da 
mals gestatteten Pharao- und Bankspielc u. 
dgl. m. 65 ) 
M ) Zusti, Hess. Denkwürdigkeiten IT, S. 260. 
<») Martin n. a. O.. S. 805 fg. 
Der Gesundbrunnen zu Hofgeismar, für den 
fast das ganze vorige Jahrhundert hindurch ein 
hesonderer Brunnenarzt angestellt war, — einige 
Jahre waren sogar, wenn freilich nur während 
der Sommerzeit, zwei Brunnenärzte daselbst 
thätig °°) —, genoß weithin großes Ansehen, 
das durch die günstigen Urtheile der Sach 
verständigen erheblich vergrößert wurde. 
Auch König Jsröme von Westfalen interessirte 
sich für den Gesundbrunnen zu Hofgeismar, 
wenn freilich er nur daselbst, wie ihm nachgesagt 
wird, die Schuljugend der Stadt als gute Sol 
daten gemustert haben soll. Die beiden letzten 
Kurfürsten von Hessen, Wilhelm II. und Friedrich 
Wilhelm I., haben dem Brunnen große Aufmerk 
samkeit und Pflege angedeihen lassen und da 
selbst oft lind auf längere Dauer ihren Aufent 
halt genommen. 
Wohl bekannt ist den Meisten der gegen 
wärtigen Generation, wie groß die Zahl derer 
gewesen, welche aus Hessen und anderen Ländern 
zum Brunnen bei Hofgeismar strömten und 
dort Genesung suchten und fanden, und wie sich 
namentlich an Sonn- und Feiertagen in den 
herrlichen Anlagen daselbst ein fröhliches Leben 
und Treiben entfaltete. Nicht soll auch ver 
schwiegen werden, daß Manche durch die daselbst 
gehaltene Spielbank mächtig angelockt wurden. 
Zu bedauern ist daher, daß seit den sechziger 
Jahren plötzlich die Quellen nachließen (nach 
1871 eine neue Bohrung) und damit die Zahl 
der Besucher rasch abnahm, so daß heutzutage 
nur äußerst wenige Menschen zu ihrer Benutzung 
sich einfinden, obwohl die Stadt Hofgeismar in 
Folge der Eisenbahnverbindung so leicht zu er 
reichen ist. — 
Versuche zur Neubelebung der Gegend sind 
in verschiedener Richtung gemacht worden, u. A. 
ist lange Zeit die Gründung einer Ackcrbauschulc 
sowie eines Predigerseminars daselbst geplant 
worden. Zweckmäßiger sollte es doch wohl sein, 
nicht erst Neues schaffen zu wollen, sondern an 
Bestehendes anzuknüpfen; zumal nach dem Urtheile 
aller Sachverständigen die Umgebung des Gesund 
brunnens viele demselben gleichartige Quellen 
enthält. 
66) Unter den Brunnenärzten wird als erfahrener 
Praktiker genannt: Hosrath Dr. Wüstenberg. Vergl. Böttger 
a. a. O., S. 18 fg. 
67 ) Ist man doch beim Bohren eines Brunnens im 
September 1887 in dem Gartengrundstück in der Nähe 
des Pulverthurmes dicht bei der Stadt Hofgeismar (Th. 
Euler gehörig) bei einer Tiefe von 22 Meter auf Wasser 
gestoßen, welches ganz bedeutenden Gehalt an Eisen und 
Kohlensäure besitzt und demnach in seinen Bestandtheilen 
dem Waüer des Gesundbrunnens gleichkommt. S. Kasseler 
Tageblatt Nr. 266, Hofgeismarer Zeitung Nr. 137.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.