Full text: Hessenland (6.1892)

" v : ~ 1 ■' 
~~ a ? 
Eine Chronik von Gersfeld. Zu den 
freundlichsten Rhönorten gehört Gersfeld, welches 
Professor Aegid Heller in seinen Rhönreisen („Frän 
kischer Merkur", Jahrgang 1796) „sauber, doch 
züchtig angethan und wohlhabend wie eine Gers- 
felderin am Bettage" nennt. Gersfeld scheint schon 
in ältester Zeit Fuldaisches Besitzthum gewesen zu 
sein. Im Jahre 1350 belehnte das Stift Fulda 
mit einem Burggute dortselbst einen Herrn von 
Schneeberg, dessen Nachkommen mit dem Stifte 
Würzburg also in Zwist geriethen, daß das Schloß 
1405 vom Würzburger Fürstbischof Johann von 
Egloffsteim genommen und 1406 an Hans von 
Steinau verkauft wurde. 1427 und 1435 ging es 
sammt dem Orte kaufweise an die Herren von 
Ebersberg über, und durch die Heirath einer Tochter 
des letzten Freiherrn Amand Philipp von Ebersberg 
im Jahre 1785 kam die Herrschaft an die Familie 
der französischen Grafen von Montjoie, welche ihren 
Namen in „Frohberg" verdeutschte. — Nach un 
verbürgter Chronikensage gestattete Kaiser Karl IV. 
schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
dem Stifte Fulda, die Dörfer Gersfeld und Sont 
heim in Städte zu verwandeln, ohne daß jedoch 
Gersfeld wirklich zu Stadtrecht gelangte. Erst seit 
der Annexion von 1866 wird es amtlich als Stadt 
angeführt. — Wie in der „Bavaria", Landes- und 
Volkskunde des Königreichs Bayern (IV. Band, 
1. Abtheilung, Unterfranken und Aschaffenburg, 
München 1866), Eduard Fentsch berichtet, entdeckte 
er auf einer Wanderung nach Sandberg bei dem 
dortigen Ortsnachbar Johann Seifert eine hand 
schriftliche Chronik von Gersfeld. Sie ist 
ein Erbstück des Hauses und wurde von dem da 
maligen Besitzer noch getreulich fortgeführt. Ihr zu 
folge wurde „nach alter gewisser Aussage" im Jahre 
1440 die erste Kirche zu Gersfeld gebaut und 
hundert Jahre später der protestantische Kultus von 
den Herren von Ebersberg eingeführt. 1634 zählte 
Gersfeld 404 Haus-, Hütten- und Grundbesitzer. 
1718 wurden daselbst die ersten Kartoffeln gebaut 
und 1740 das untere Schloß aufgeführt durch den 
Obersten von Weyhers, welcher wieder zum katho 
lischen Glauben übertrat. Im gleichen Jahre singen 
die Dörfer an, sich Winterschulmeister zu halten. 
„Man dingte", bemerkt der Chronist, „den wohl 
feilsten gegen ein Dinggeld oder eine Kaute Flachs." 
Am 3. Juni 1756 zerstörte ein Brand 70 Wohn 
häuser und 40 Scheunen. 1780 begann der Bau 
der evangelischen Kirche, die 1785 vollendet wurde. 
Für das gleiche Jahr giebt der Chronist eine Schil 
derung der Rhöner Tracht. Zugleich bemerkt er, 
daß es Sitte war, daß beim Güterverkauf jeder der 
Kontrahenten im Bannwirthshause ein Prozent 
des Kaufschillings verzehren mußte. 1814 legte ein 
zweiter Brand 80 Wohnhäuser in Asche, und Gers 
feld erhielt sein gegenwärtiges modernes Aussehen. 
158 — 
1828 wurde ein Torfstich am rothen Moore be 
gonnen. Wenn der Chronist aber die Errichtung 
der Gendarmerie zu Gersfeld in das Jahr 1450 
verlegt, so ist das ein kleiner Anachronismus, den 
wir ihm nicht weiter verargen wollen. 
Die holländische Volks Hymne. „Auch 
Lieder haben ihre Erlebnisse", das kann man wohl 
von der holländischen Nationalhymne sagen, die 
kürzlich bei den zu Ehren der jungen Königin der 
Niederlande und ihrer Mutter, der Königin-Regentin, 
während ihres Besuches in Berlin veranstalteten 
Festlichkeiten gespielt wurde. Diese Volkshymne ist 
eigentlich hessischen bezw. Fuldaischen Ursprungs, 
wenn anders die Schilderung richtig ist, die Alfred 
Meißner in seinen „Rococobildern" über ihre Ent 
stehung gegeben hat. Da dieselbe für die Leser unserer 
Zeitschrift eines gewissen Interesses nicht entbehren 
dürfte, so lassen wir sie hier folgen. 
Der Großvater Alfred Meißner's, der Konsistorial- 
rath August Gottlieb Meißner, Direktor des 
im Jahre 1805 vom Prinzen Wilhelm Friedrich von 
Oranien-Nassau, dem damaligen Regenten des Fürsten 
thums Fulda und nachmaligem Könige der Nieder 
lande, für die Fuldaischen Lande gestifteten akade 
mischen Lyceums, war in einer Gesellschaft von 
Freunden bestimmt worden, für die Geburtstagsfeier 
des Landesherrn am 24. Juli 1806 ein Festlied zu 
dichten, das in Musik gesetzt bei einem Bankette im 
Fuldaer Schlosse gesungen werden sollte. Die Verse 
lauteten also: 
Wachse hoch, Oranien! 
Gleich dem Eichbaum unter Stürmen, 
Ob sich Wolken drohend thürmen, 
Ob die Winde brausend weh'n, 
Wachse hoch, Oranien! 
Blühe hoch, Oranien! 
Völkerjoch hast du zerbrochen, 
Hast Tyrannen Hohn gesprochen, 
Warst der Freiheit Felsendamm —, 
Blühe Nassau's Heldenstamm! 
Blühe fort, Oranien! 
Und vor Allem leb' und prange 
Wilhelm Friedrich, sei noch lange 
Selbst im prüfenden Geschick 
Deiner Treuen Stolz und Glück! 
Wachse hoch, Oranien! 
Hoch vor allen Fürstenhäusern, 
Selbst vor Königen und Kaisern, 
Bleibe kraftvoll, bleibe schön, 
Wachse hoch, Oranien! 
Diese Verse erlebten ein eigenthümliches Geschick; 
die Melodie war populär, die Stimmung kam ihr 
entgegen, das Lied wurde in nassau-oranischen Landen 
Volkslied. Es wurde in's Holländische übersetzt und 
war auch dort bald dasselbe, was bei uns „Heil dir 
im Siegerkranz" oder in Oesterreich das „Gott 
erhalte" war. Und in der Eigenschaft einer „Volks-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.