Full text: Hessenland (6.1892)

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Aus alter und neuer Zeit. 
Die dritten Feiertage. Zu den beliebtesten 
Tagen des Jahres zählen in Hessen heute noch 
ebenso wie in früheren Zeiten die sogenannten dritten 
Feiertage, welche auf die hohen Feste Weihnachten, 
Ostern und Pfingsten folgen. Es gehört zu den 
volksthümlichen Gepflogenheiten unseres Landes, sich 
an ihnen den Vergnügungen hinzugeben. Daran 
haben auch die Verordnungen nichts ändern können, 
welche hessische Fürsten gegen die dritten Feiertage 
erlassen haben, die aber weiter keinen Erfolg gehabt 
zu haben scheinen, als daß die kirchliche Feier an 
denselben unterblieb, der weltlichen Feier dagegen 
kein Abbruch gethan wurde. Das erste Verbot gegen 
die dritten Feiertage wurde unter dem Landgrafen 
Karl erlassen. Es mag damals ziemlich wüst her 
gegangen sein, wenigstens heißt es in dem bezüg 
lichen Konsistorial-Ausschreiben vom 25. Februar 1701 
unter Anderem: „Nachdem man bei feyerlicher Be 
gehung der bishero angeordnet gewesenen hohen Fest 
tage, als Christtage, Ostern und Pfingsten mißfällig 
wahrgenommen, und außerhalb vielfältiger Bericht 
eingelauffen, was maßen der zur Mitfeyer beygegebene 
dritte Tag solcher hohen Feste zur Devotion und 
Gottesdienst dergestalt nicht, wie bey dessen Anord 
nung die christliche wohlgemeinte Intention gewesen, 
angeleget noch begangen, sondern von dem gemeinen 
Volke fast zu anders nichts als Sausten, Schwelgen 
und anderer Ueppigkeit mißbrauchet worden, wodurch 
der allerhöchste Gott wol mehr zum Zorn gereitzet, 
als ihm solchergestalt einigen Dienst geleistet worden; 
welchem Uebel man aber abzuhelffen nicht ohne billig 
bedacht gewesen, als hat der durchlauchtigste Fürst 
und Herr, Herr Carl, Landgraff zu Hessen rc. rc. 
gnädigst gut gefunden und verordnet, daß in Dero 
Fürstenthumen, Graf- und Herrschaften, auch übrigen 
Dero gantzen Lande der dritte Tag der obbenannten 
drey Hauptfeste hinfüro gäntzlich eingestellet und ab 
gethan werden solle." Bemerkenswerth ist noch, daß 
in demselben Konsistorial-Ausschreiben aus gleichem 
Grunde auch „die übrige auf Mariae Verkündigung, 
heilige drey Könige und Lichtmeß bis dahero zwar 
gehaltene, sonsten aber aus dem Papstthum annoch 
herrührige Fest- und Feyertage" als abgeschafft 
erklärt werden. 
Wie wenig dieses Verbot geholfen hat, geht aus 
dem Umstand hervor, daß unter der Regierung des 
Landgrafen Friedrich II. wir einem weiteren die 
Feier der Nebenfeste und Bettage betreffenden Kon 
sistorial-Ausschreiben vom 15. Januar 1773 begegnen, 
in dessen pos. 5 die „Feyer des dritten Tags von 
Weynachten, Ostern und Pfingsten samt allen übrigen 
vorhin zwar üblichen ganzen und halben Feyertagen vors 
künftige" als völlig aufgehoben erklärt werden, und 
daß 16 Jahre später, am 5. Juni 1789, dann der 
Landgraf Wilhelm IX. sich bemüßigt fand, eine neue 
Verordnung „gegen den Müßiggang an den dritten 
Festtagen" zu erlassen, die wir hier ihrem Wortlaute 
nach folgen lassen: 
„Von Gottes Gnaden Wir Wilhelm IX., Land 
graf zu Hessen rc. rc. Demnach wir mißfälligst 
bemerkt haben, daß ohngcachtet der durch das 
Konsistorial-Ausschreiben vom 15. Januar 1773 
erlassenen Verordnung, wodurch zum Besten des 
Nahrungsstandes überhaupt sowohl, als auch be 
sonders, auch wegen des Landmanns die öffentliche 
Feyer des dritten Weihnachts-, des dritten Oster 
und des dritten Pfingst-Tags gänzlich eingestellt 
worden, dennoch die meisten Unterthanen dieser so 
heilsamen Einrichtung nicht nachkommen, sondern, 
wie der Augenschein belehret, die bemeldeten Tage 
mit Müßiggang hinbringen. Manche sich allerley 
Ausschweifungen überlassen, überhaupt aber Alle 
durchgängig der Arbeit so entziehen, daß der Hand 
werker und Tagelöhner sogar allem Verdienst ent 
sagt, und so ganz allen Erwerb entbehret, mithin 
die durch jene Vorschrift gesuchte Absicht, die 
Unterthanen zu wirklichen Handlungen der Recht 
schaffenheit und des arbeitsamen Fleißes auch an 
den abgeschafften Feyertagen zu ermuntern, durch 
aus verfehlt wird; so finden wir uns gnädigst 
bewogen, jenem Mißbranch der dritten Feyertage 
Einhalt zu thun, und in dieser Absicht zu ver 
ordnen, daß sämmtliche Unterthanen bei Vermei 
dung empfindlicher Strafe sich an jenen Tagen 
dem Müßiggänge nicht weiter ergeben, sondern 
ihren Geschäften und aller gewöhnlichen Feld- und 
Handarbeit, sowie denen dem dienstbaren Unter 
thanen obliegenden Frohnden an den abgeschafften 
dritten Feyertagen sowohl, als wie an allen 
anderen Tagen der Woche, unterziehen sollen. 
Da hierbey auch Unsere Höchste Willensmeinung 
ist, daß alle Welt- und geistlichen Obrigkeiten 
hierin mit guten Beyspielen vorgehen, besonders 
auch die Prediger ihre Gemeinden ermuntern sollen, 
an bemeldeten Tagen den Müßiggang zu vermeiden ; 
so haben diese hiernach sich unterthänigst zu achten. 
Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift 
und beygedrucktem Fürstlichen Secret-Jnsiegels. 
Weißenstein, den 5. Juni 1789. 
Wilhelm, L. 
vdt. Fleckenbühl, 
genannt Bürgel." 
Mit dieser Verordnung ist es ebenso gegangen, wie 
mit vielen anderen; sie standen wohl auf dem Papier, 
in Wirklichkeit bekümmerte man sich aber nicht viel um 
dieselben. Das hessische Volk hängt einmal mit 
Zähigkeit an seinen hergebrachten Gewohnheiten und 
hat es sich weder durch die Konsistorial-Ausschreiben 
noch durch die landgräfliche Verordnung nehmen lassen, 
die dritten Festtage in seiner Weise zu feiern.
	        

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