Full text: Hessenland (6.1892)

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„Woran denkt der Vater, daß er keine Worte hat ?" 
ließ sich endlich Hilda's Stimme vernehmen. 
„Ich dachte des jungen Angelsachsen, Kind, 
der hier an meinem Herde saß. 
Die Jungfrau ließ den Wirtel ruhen und sah 
aufmerksam in des Vaters rauhes Antlitz. 
„Es will mir nicht in den alten Kopf, 
Hilda, es ist Heldenblut in dem Jungen, und 
statt, wie's seinen Jahren ziemt, mit Speer und 
Schild einherzuziehen, dient er einem fremden 
Helden, den Niemand so recht kennt, als waffen 
loser Knecht. Verstehen kann ich's nicht." 
„Es ist sein Gott, Vater, dem er dient", 
sagte die Jungfrau sanft, „und der will von 
Waffen nichts wissen." 
„Ein herrlicher Gott," lachte der Alte, „der sich 
treten und knechten läßt. Ich lobe mir Donar, 
den Herrn, der den Hammer schleudert, daß die 
Felsen bersten, vor dem selbst die Frostricsen 
zittern. Ein schöner Gott, der Gott des Angel 
sachsen ha, ha, und doch," fuhr er nach einer 
Weile nachdenklich fort, „es ist Heldenblut in 
dem Jüngling. Begreif's, wer's kann." 
„Sein Gott ist wie Baldur, lichtstrahlend 
und sanft." 
„Aber er sagt ja, sie haben nur den Einen, 
wo bleiben Heervater, Donar und die Äsen 
alle, die uns führen in Freud' und Leid, in 
Kampf und Sieg, in Haus und Hof? Sollen 
Speer und Schwert rosten und die Bursche dort", 
er blickte nach den Kriegern hin, „den Spinn 
rocken nehmen wie ein Weib?!" 
Die Männer dort unten in der Halle hatten 
den Reden gelauscht, und dröhnendes Lachen ant 
wortete den letzten Worten Childerich's. Der 
Alte beachtete eö nicht und fuhr fort: „Es geht 
mir im alten Kopf herum, der Junge ist wacker, 
— sieh ihm in's Auge, — und folgt solchem 
Gott. Nein, Kampf muß der Mann haben, 
den Feind ohne Erbarmen vernichten und ihm 
im Sterben noch mit letzter Kraft mit seinen 
Fingern die Wunden auscinanderreißen —, das 
ist Männerart." 
„Aber der Frankengraf und der König", sagte 
die Jungfrau schüchtern, „beten auch zu seinem 
Gott und Viele schon im Süden." 
Finster sprach der Greis: „Ob sie im Franken 
lande an den sanften Gott glauben, weiß 
ich nicht, wenn sie sich auch zu ihm beken 
nen, seit König Chlodwig ihn angenommen. 
Aber", fuhr er leiser fort, „sie thun gewiß 
nicht, was der neue Gott befiehlt, es sind 
Mörder und Schurken — Alle — dort oben." 
„Es giebt auch Gute dort, Vater. Mir gefüllt 
des Jünglings Gott, wenn er so schön von 
ihm erzählt, wie er gut war gegen Alle, als 
er auf Erden einherwandelte." 
»Ja, ja," brummte der Alte, „'s ist ein Gott 
für Weiber. Laß Dir den Sinn nicht wenden 
durch sein Lied. Hilda, rufe zu Mutter Hertha, 
die so sanft einherzieht wie der laue Wind aus 
Mittag und Weiber und Mägde schützt, zu ihr 
rufe, wie Deine Mutter auch gethan, und sie ist 
Dir Hilfe in der Noth." 
Ein Knecht kam von außen und schritt auf 
Childerich zu: „Herr, Libes kommt", sagte er. 
„Er sei willkommen, führe ihn her und bringe 
Wein." 
Hilda erhob sich, um sich zu entfernen, doch 
der Alte winkte ihr zu bleiben: „Sitz nur nieder, 
Kind, wenn der Priester etwas zu sagen hat, 
das nur für Männerohren taugt, wirst Du's 
schon erfahren." 
Die Jungfrau blieb. 
Durch die Pforte trat des Priesters hohe 
Gestalt. Ein langes Linnengewand fiel faltig 
um seine Glieder, und von den Schultern wallte 
ein dunkler Mantel herab. Haar und Bart 
des Mannes, welche ein Antlitz von energischem 
Ausdruck einrahmten, waren bereits leicht ergraut, 
aber kräftig schritt er einher, eine gebietende 
Erscheinung. Die Kriegsleute erhoben sich, als 
Libes, der Priester, an ihnen vorüberschritt, und 
Hilda empfing ihn stehend. 
„Heil Dir, Childerich!" klang die tiefe Stimme 
des Priesters. 
„Und Dir, Libes!" entgegnete dem Gruße der 
Alte. „Setz Dich zum Feuer und nimm den 
Becher als Willkommen." 
Der Priester ließ sich nieder und nahm den 
vom Knechte gereichten silbernen Becher. 
„Trink Heil!" sagte Childerich, und „Gut 
Heil!" sagte Libes, indem er trank. 
„Mein Liebling Hilda ist rührig am Spinn 
rocken", sprach dann der Priester, setzte den Becher 
nieder und strich der Jungfrau, welche wieder die 
fleißigen Hände regte, leicht über das blonde Haar. 
„Wie es ziemt im Hause", entgegnete Hilda 
bescheiden. 
„Es ist alte chattische Sitte und soll nimmer 
verloren gehen im Volke, daß Frauen und Mägd 
lein emsig die Hände rühren und dabei der hohen 
Allmutter gedenken, welche des Herdes Hüterin ist." 
Childerich nickte. 
„Aber es ist unruhig im Volke, und Neues 
wird eingepflanzt in die Seelen der Menschen, 
und nicht immer ist das Neue gut." 
Wiederum nickte der Alte bedeutsam. 
„Wehe dem Volke, wenn ihm geraubt wird, 
was ihm heilig ist." 
„Sprich deutlich, Libes, wäge nicht vorsichtig 
das Wort. Nichts Geringes führt den Diener 
der Götter heute zn meinem Herde —, laß mich 
hören, was Du denkst."
	        

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