Full text: Hessenland (6.1892)

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welchen nur Heinrich Schütz genannt sei, welcher 
später, nachdem ihn der Landgraf in Marburg 
noch hatte die Rechte studieren lassen, es in 
Dresden als Komponist zu großer Berühmtheit 
brachte und als Vater der deutschen Oper be 
trachtet wird. Die im Ottoneum aufgeführten 
Stücke wurden von den Zöglingen der land 
gräflichen Ritterschule dargestellt, an deren Stelle 
um das Jahr 1620 die sogenannten englischen 
Komödianten traten, denen die glänzende Gar 
derobe mit allem Zubehör überlassen wurde. 
Den Vorstellungen dieser gewerbsmäßigen Schau 
spieler konnte auch das größere Publikum bei 
wohnen, wogegen früher das Ottoneum nur dem 
Hofstaat und einigen sonstigen Auserwühlten ge 
öffnet war. Diesen künstlerischen Bestrebungen des 
Kasseler Hofes machte jedoch der dreißigjährige 
Krieg ein baldiges Ende, und die vornehme 
Kunstanstalt des Landgrafen wurde theils zu 
einem Gießhaus, theils zu einer Soldatenkirche 
umgewandelt. (Forlschung folgt.) 
Ursula. 
Eine Geschichte aus Waldesgründen 
von Wilhelm Speck. 
(Fortsetzung.) 
den folgenden Tagen gingen wir wieder wie 
0" sonst im Walde; es war alles wie vordem. 
Z Ursula that, als ob nichts vorgefallen wäre, 
und vergeblich waren meine Versuche, unser Ge 
spräch auf das zu leiten, was mir so schwer auf dem 
Herzen lag; dagegen gab sic mir höchst belehrende 
Aufschlüsse über die Wasser-, Schlamm- und 
Sumpfpflanzen, und hatte ich alle Ursache, ihre 
Kenntnisse zu bewundern. 
Eine zufällige Frage veranlaßte Ursula endlich, 
mir wieder etwas von ihrer Geschichte mit 
zutheilen. Ich fragte sie, ob sie nach dem Tode 
ihres Vaters, welchem sie ein so gründliches 
Wissen verdanke, sogleich nach Germerode ge 
kommen sei. 
„O nein," antwortete sie, „an den alten Man», 
meinen Oheim, dachte ich damals noch nicht, erst 
als ich nirgends mehr eine rechte Zuflucht hatte, 
nannte ich seinen Namen. Es war an einem Don 
nerstag, als sie meinen Vater begruben, am folgen 
den Tage begann man schon, unsere Habe zu ver 
theilen. In unsere Welt, in die bescheidene, stille, 
glückliche Welt, welche wir bisher inne hatten, 
drangen fremde Menschen ein, und wie gingen sie 
mit den Heiligthümern um, welche wir mit jahre 
langem Fleiß zusammengetragen hatten! Würdest 
Du es für möglich halten, daß sie eine Sammlung 
von Flechten, eine Zusammenstellung jener zier 
lichen Kleinbürger, welche in der Tiefe des 
Waldes Hausen, deren Sporen aber auch die ver 
witternden Felsen mit freundlichem Grün über 
kleiden, daß sie diese sorgsam geordnete kleine 
Welt verächtlich mit Füßen traten? Und so 
ging es fast in allen Stücken. Da nahm ich 
meinen Horaz still bei Seite, und unter Thränen 
legte ich ihn in einen versteckten Winkel. Ich 
kam dann in das Haus weitläufiger Verwandten, 
es war ein kinderreiches Haus, lauter Töchter, 
nur ein Sohn war vorhanden, welcher sich mir 
anschloß, weil ich ihm seine Exercitien arbeitete, 
wenn er Wichtigeres vor hatte. Obwohl ich ihnen 
eine Last war, zeigten sie doch, wenigstens im 
Anfang, viel Freundlichkeit, ja, die älteste Tochter, 
Rosa, übernahm es sogar, mich in einen mensch 
lichen Zustand zu versetzen. Ich mag in den Kleidern 
meiner Mutter, welche ich mir zurechtgestutzt 
hatte, wunderlich genug ausgesehen haben, denn 
bei Männern der Wissenschaft kann die Mode 
keine starken Triebe entwickeln. Allmälig wurde 
man unzufrieden mit mir, ich verstand kaum etwas 
von den Dingen, welche man von mir forderte, 
auch klagte man, ich sei vorlaut, mische mich in 
Dinge und Gespräche, welche mich entschieden nichts 
angingen. Was ich an Kenntnissen besaß, wurde 
mißachtet, und schließlich kam ich mir gegenüber 
dieser neuen Weisheit, deren Wellenschlag mich 
traf, trostlos verwahrlost vor. Ich war früher 
verwöhnt worden, man änderte das gründlich. 
Ich habe später Noth gelitten und weiß, was 
hungern heißt, es ist eine Qual, aber mehr noch 
habe ich getrauert, als man meinen Geist 
schmachten ließ. Du kannst Dir also vorstellen, 
mit welcher Wonne ich es begrüßte, als ein 
gütiges Geschick mir endlich Egon in den Weg 
führte." 
„Wer ist dieser Egon?" unterbrach ich sie, 
unruhig werdend. 
„Egon ist ein klassischer Philologe, ein kenntniß- 
reicher Mann. Ein klares Wissen und ein ruhiges 
Ebenmaß des Geistes zeichnet ihn aus. Er wollte 
um Rosa werben, doch sahen meine alten Augen 
über diese Nebensache hinweg und so nahm ich
	        

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