Full text: Hessenland (6.1892)

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auch in Berliner Blättern der Meinung Aus 
druck gegeben, daß der Herr Ministerpräsident 
Graf Eulenburg, welcher sowohl in Hannover 
wie in Hessen-Nassau Oberpräsident war, die 
hohe Bedeutung der Sache zu würdigen wissen 
wird. 
Der Unterschied zwischen einem königlichen 
Theater und einem Stadttheater ist gerade in 
der jetzigen Zeit, wo der Realismus gegen die 
idealen Güter Sturm läuft, um so bedeutsamer, 
als die Hofbühnen fast nur allein noch in der 
Lage sind, dieselben, soweit sie in ihrem Bereich 
liegen, schützen zu können, ohne der modernen 
Bilderstürmerei dabei Thür und Thor zu öffnen. 
Die überwiegende Mehrzahl der Stadttheater 
steht auf demselben Standpunkt wie ein Unter 
haltungsblatt, welches, anstatt in ästhetischer 
Weise unvermerkt läuternd auf den Geschmack 
des Publikums einzuwirken, die Leser auf 
fordert, nur gefälligst Mittheilung davon zu 
machen, wenn ihnen Dieses oder Jenes nicht 
gefallen habe, um sich künftighin danach richten 
zu können. Mehr als alle anderen Kunstinstitute 
sind die Theater dazu berufen, veredelnd auf den 
Geschmack des großen Publikums einzuwirken, 
indem die lebendige Veranschaulichung der Be 
gebenheiten die nachhaltigsten Seeleneindrücke 
zurückläßt. Wer sich viel und gern in schlechter 
Gesellschaft bewegt, mag sie dem äußern An 
schein nach auch noch so nett und polirt sein, 
wird jedenfalls nicht besser werden, denn die 
Nachahmungssucht ist eine menschliche Schwäche, 
welche besonders in jüngeren Jahren schon gar 
manches Unheil angerichtet hat, da leider das 
Verwerfliche oft genug eine bedeutende An 
ziehungskraft ausübt. Das dramatisirte Laster 
ist der Tradition gemäß von der Kasseler Hof 
bühne stets fern gehalten worden, denn weder 
die eigentlichen Offenbachiaden noch die Pariser 
Ehebruchsdramen und Demimondestücke, noch die 
in der letzteren Zeit in Aufnahme gekommenen 
Sensationsschauspiele haben auf derselben Eingang 
gefunden, da diese Bühne, Dank der Muuificenz 
der Regenten, bisher nicht auf solche Lockspeisen an 
gewiesen war. Das Bestreben eines Stadttheater- 
Direktors ist aber in erster Linie, eine volle 
Kasse zu machen, und er giebt eben das, was 
zieht, unbekümmert um den künstlerischen Werth; 
hat das Stück seinen Kitzel ausgeübt, existirt es 
einfach nicht mehr, und sollte es etwa nach ein 
paar Jahren noch einmal auf der Bildfläche 
erscheinen, so ist es von dem rapid fortschreiten 
den Raffinement bereits überholt und veraltet. 
Zu welchen Mitteln ein Privatdirektor zu greifen 
im Stande ist, um Kasse zu machen, hat der 
Leiter des Ostendtheaters in Berlin bewiesen, als 
er den Exscharfrichter Krautz mit seinem Hand 
werkszeug für sich engagirte und ihn mit seinen 
Requisiten, einschließlich des erforderlichen 
Delinquenten, allabendlich am Schluß eines der 
beliebten Schauerstücke eine malerische Gruppe 
bilden ließ. Unter einer städtischen Verwaltung 
würde ein solches außerordentliches Reizmittel 
wohl nicht geduldet werden, gegen die ge 
wöhnliche in dieser Hinsicht übliche Praxis aber 
kann die städtische Behörde schwerlich Einsprache 
erheben, da dies nun einmal nicht anders ist. 
Ein jeder praktisch geschulte Direktor einer mittleren 
Bühne wird zwar darauf bedacht sein, um 
die Zugkraft der Oper zu erhöhen, in welcher 
nicht häufig so pikante Waare vorhanden ist, 
die, wie im Scbauspiel, ihre Schuldigkeit ohne 
besondere Nachhülfe thut, eine besonders stimm 
begabte Sängerin und einen ebensolchen Sänger 
zu erhalten, und giebt in Folge dessen für die 
selben Beträge aus, welche ein kleineres Hof 
theater gar nicht zu zahlen im Stande ist, die 
anderen mitwirkenden Faktoren stehen dafür 
aber oft um so mehr zurück. Maßgebend ist 
vor Allem der Gewinn, und Goethe's „Iphigenie" 
oder „Torquato Tasso" können demnach nicht 
den Anspruch erheben, sich irgend welcher Be 
liebtheit bei den Herren Direktoren zu erfreuen. 
Unter diesen Verhältnissen leidet die Schauspiel 
kunst aber auch im Allgemeinen, denn die 
praktische Ausbildung der Darsteller für klassische 
Rollen läßt immer mehr zu wünschen übrig. 
Dies so recht zu beobachten, hat mau in Kassel 
die beste Gelegenheit, wo die Kunstfreunde von 
früher her au eine ganz vorzügliche Wiedergabe 
der klassischen Stücke gewohnt sind; wie schwer 
aber hält cs jetzt, einen den Ansprüchen nur 
einigermaßen genügenden ersten Liebhaber oder 
Heldenvater zu finden. Die Hoftheatcr sind also 
auch für die Ausbildung der Darsteller unent 
behrliche Erziehungsanstalten, und durch ihre 
Verminderung würde die Zahl guter Kräfte noch 
bei Weitem geringer werden. 
Die Anfänge des Kasseler Hoftheaters lassen 
sich bereits zu Beginn des siebzehnten Jahr 
hunderts nachweisen, zu welcher Zeit der gelehrte 
Landgraf Moritz das Ottoneum gründete, einen 
nach römischen Stil eirund gebauten und mit 
einem gewölbten Dach versehenen Muscntempel. 
Derselbe stand fast auf demselben Platz, auf welchem 
Landgraf Karl das Kunsthaus errichtete, iu dem 
sich gegenwärtig die Naturaliensammlungen be 
finden. Zu den im Ottoneum aufgeführten 
gelehrten Schauspielen gesellte sich auch die von 
Landgraf Moritz sehr begünstigte Tonkunst. 
Die landgräfliche Kapelle erforderte den für die 
damaligen Verhältnisse sehr ansehnlichen Betrag 
von 3000 Gulden jährlich, konnte sich aber auch 
rühmen, bedeutende Künstler zu besitzen, von
	        

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