Full text: Hessenland (6.1892)

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Pfannengeld, Bußen u. dgl., besonders aber Ein 
künfte aus der Verwaltung der S tollen - 
becker'schen Stiftung. Dieselbe ist ge 
stiftet (1615) von Johannes Stollenbecker, einem 
Bürger aus Volkmarsen, welcher nach Besuch 
der Universität als Magister der Philosophie in 
der Welt umhergezogen war und nach Rückkehr 
in seine Vaterstadt auf Grund eines auf seiner 
zehnjährigen Reise gethanen Gelübdes die 
Renten seiner Verlassenschaft zur Unterhaltung 
von Bürgersöhnen, zunächst aus seiner Ver 
wandtschaft, während der Schulzeit bestimmte 
und die Stadt Hofgeismar zur Verwalterin des 
Vermögens (3600 Speziesthaler) ernannte. 
Johannes Stollenbecker wiederrief zwar noch die 
Stiftung und setzte seinen Neffen, Heinrich 
Stollenbecker, zum Erben ein. Dieser erneuerte 
die Stiftung (19. Dezember 1636) und dehnte 
sie sogar aus auf: 
„arme Kinder im Lande allhier, so gute 
ingenia und von ihrem patrimonio nicht 
studiren können", 
vorausgesetzt daß dieselben evangelischen Glaubens 
eien, und traf noch verschiedene eingehende Be 
timmungen; u. A. wurde die Verwaltung eben- 
alls dem Magistrate von Hofgeismar übertragen, 
)ie Oberaufsicht aber den Superintendenten und 
dem Dekan des St. Martins-Stifts zu Kassel. 
Diese sehr wohlthätige Stiftung besteht noch 
heutzutage. äe ) 
Die Gerichtsverfassung bietet nur wenige 
Besonderheiten. 57 ) In den ältesten Zeiten gab 
es ein Landgericht (Gau- oder Grafengericht) 
an der niederen Diemel, welches auf offenen 
Plätzen, den sog. Malstätten, unter großer Ver 
sammlung des Volkes gehalten wurde. Dasselbe 
spaltete sich allmälig in kleinere Gerichte, wor 
unter besonders das unter dem Schöneberge, 
das unter der Linde zu Grebenstein und das 
auf dem Marktplätze zu Hofgeismar hervorzu 
heben sind, welche im Laufe der Zeiten wie die 
Gerichte im benachbarten Westfalen als Fehm- 
gerichte verschrieen wurden. Regelmäßiges Ge 
richt wurde, als Hofgeismar Stadtrecht erlangte, 
also nach 1200, das Schöffengericht, unter dem 
Vorsitze des landesherrlichen Schultheißen und 
zusammengesetzt aus den Schöffen, d. h. freien 
unbescholtenen Einwohnern, meistens Raths 
gliedern, welches an verschiedenen Stellen der 
Stadt zusammenkam, gewöhnlich auf dem Rath 
hause (das ältere 1387 erbaut, das neue 1727). 
Als höheres Gericht (Oberhof) bestand der 
Magistrat zu Göttingen und seit Einführung 
der geheimen Kanzlei zu Kassel unter Landgraf 
56 ) Falckenheiner a. a. £>., S. 505 fg. 
Derselbe, S. 381 fg. 
Wilhelm IV. diese (1580). Mit Trennung von 
Justiz und Vewaltung ging erstere auf das 
Amt, jetzt Amtsgericht, über, letztere verblieb dem 
Rathe in Verbindung mit der Polizei. 
Besondere Aufmerksamkeit muß aber dem 
Bade oder dem Gesundbrunnen bei Hof 
geismar gewidmet werden, da hierdurch die Stadt, 
obwohl sie als solche nach dem Anfalle an 
Hessen viel von ihrer früheren Bedeutung ver 
loren hatte, doch zwei Jahrhunderte lang weit 
hin Ansehn genoß. Das Bad Hofgeismar hat 
eine eigene Literatur aufzuweisen, die reich 
haltiger ist als die der Stadt selbst. Die Schrift 
steller scheiden sich in zwei Gruppen, von denen 
die eine mehr die medizinisch - wissenschaftliche, 
die andere inehr die allgemeine und kultur 
historische Bedeutung des Bades zum Gegenstände 
genommen hat, und es befinden sich unter ihnen 
Hessen und Nichthessen. Abgesehen von denjenigen, 
welche eine allgemeine Beschreibung von Hofgeis 
mar geliefert haben, und nur anhangsweise auch 
eine solche des Bades 58 ), sind hier zu nennen: 
Georg Schultz: Beschreibung des 1639 zu 
Hofgeismar entsprungenen Heilbrunnes. 
Erfurt 1639. Dann neu erschienen: Mar 
burg 1682. 
Valentini: Erinnerung von dem rechten 
Gebrauch der Sauerbrunnen in Ober- und 
Nieder-Hessen. Gießen 1685. 
Elie Pierre de Beaumont. Traite des 
eaux minerales d’Hoff-Geismar. Cassel 
1701. 
P. Wolfart: aufrichtiges medicinisches Be 
denken über den bei Hofgeismar liegenden 
Heil- und Gesundbrunnen. Kassel 1725. 
Joh. Konrad Wagner: merkwürdige Euren, 
welche durch den Gebrauch der Hofgeis- 
mar'schen mineralischen Gesundbrunnen 
1726 geschehen. Kassel 1727. 
Derselbe: Kurze Beschreibung der mineralischen 
Trink- und Badebrunnen zu Hofgeismar. 
Kassel 1732. 
Chr. Heinrich Böttger: Beschreibung der 
Gesundbrunnen und Bäder bey Hofgeismar 
in zwo Preisschriften von Moritz Gerhard 
Thilenius und von Heinrich Friedrich 
Delius, herausgegeben Kassel 1772 (mit 
Abbildungen). 
Description des Bains de Geismar en Hesse, 
(par un ami de l’humanite). Berlin 1792. 59 
59 ) Winkelmann, Beschreibung der Fürstenthümer Hessen 
und Hersfeld, Th. I, Bd. XII, S. 81. 
Engelhard, Erdbeschreibung, Th. I, S. 350 fg. 
Martin, Topographie, Bd. I, S. 290 fg. 
Falckenheiner a. a. £>., S. 468 fg. 
Vgl. auch Kopp, Handbuch, Th. t, S. 231 fg.
	        

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