Full text: Hessenland (6.1892)

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vernichtet zu haben schien. Aber noch stand, 
wenn auch von asten Mächten verlassen und auf 
sich allein angewiesen, Schleswig-Holstein auf 
recht; ihm galten die heißesten Wünsche der 
Patrioten, ihre Geldsammlungen, ihre Liebes 
gaben. Wenn die Nordmark fiel und abermals 
dem dänischen Zwingherrn ausgeliefert ward, 
dann mußte jeder Deutsche sein Haupt in 
Schmach und Trauer verhüllen. Diese Stimmung 
fand ich im Vaterhause vor während der letzten 
Sommerferien meiner Schulzeit, und sie ging 
mit mir, sie verließ mich nicht auf einer 
Wanderung nach dem Harz, welche meine gütigen 
Eltern mir bewilligt hatten. Aber sie nahm 
Gestalten an, die sich seltsam mit meinen anderen 
Ideen verbanden. Zu tief durchdrungen war 
ich von dem Geiste der deutschen Vorzeit, 
Nibelungen und Gudrun vermischten sich mit 
dem Schmerz um Schleswig-Holstein, und die 
sagenreiche Waldeinsamkeit des Harzes breitete 
gleichsam ihren grünen Schleier darüber aus. 
Ich erinnere mich noch des Tages, 12. Juli 
1850, der Stunde, zehn Uhr morgens, des 
Ortes, ein Städtchen im Oberharz, sogar des 
Wetters — ziehendes Gewölk und flüchtiger 
Sonnenschein. Auch finde ich noch aufgezeichnet, 
was ich damals schrieb, in einem meiner frühen 
Tagebüchlein, in der Handschrift von vor ein 
undvierzig Jahren, in vergilbten Zeilen und 
darüber: 
Schlachtruf. 
Ein heller Ruf geht durch die deutschen Lande, 
Ein Klang wie Harfenton und Krrchcnglocken, 
Sehnsüchtig, tiesgcwallig hör' ich's locken, 
Als brach' ein freies Volk der Knechtschaft Bande. 
Jungfrau Germania steht am Mecresstrande, 
Im Seewind fliegen ihre gelben Locken, 
Ihr märchenblaues Auge sicht erschrocken. 
Die Thräne rinnt um ihres Volkes Schande. 
Ich lausche träumend in die wilden Stimmen, 
Ich starre trauernd in die Nebclmeere, 
Die wogend um den Bergesgipfel schwimmen. 
Da rauscht der helle Ruf mich aus den Träumen, 
Der Busen fliegt.. . mein Volk, kannst du noch säumen? 
Hinaus für unser Recht und unsre Ehre! 
Und nicht genug damit: an demselben Morgen 
schrieb ich noch zwei weitere Sonette hinter 
einander her. Ja, wenn Verse hätten Schleswig- 
Holstein retten können! 
(Schluß folgt.) 
Der Hlaubmsbote. 
Eine Erzählung aus dem achten Jahrhundert von Franz Tr eil er. 
(Fortsetzung folgt.) 
An der Halle der Burg zu Friedeslar saß 
ff Childerich, der Alte, weit umher gepriesen und 
verehrt im Hessenlande ob der Dienste, die 
er dem Volk viele Jahre hindurch in Krieg und 
Frieden geleistet hatte, hochgeschätzt von dem 
Frankengrafen, der in der Burg Chassala hauste, 
wie von dem fern weilenden Frankenherrscher 
Karl, den man den Hammer nannte, weil er mit 
vernichtenden Schlägen zahllose Feinde getroffen 
hatte. 
Am Feuer saß der Greis, die Beine in weiche 
Felle eingehüllt, im wohlgesügten Armsessel. 
Mächtig an Haupt und Schultern, trug er 
noch das Gepräge der Kraft, und aus den Augen 
blitzte reges Leben, aber gelähmt war Childerich 
seit Jahren, die Beine versagten den Dienst. 
Ein herniederstürzender Balken hatte sie getroffen, 
als er einst eine Burg der wilden Sachsen, den 
Seinen voransteigend, stürmte. 
Aber nicht müßig war der Greis, eifrig 
nahm er Theil an den Geschäften des Landes, 
und Knechte trugen ihn im Sessel in Wald und 
Feld umher, damit er selbst nach dem Rechten 
schaue auf seinem Eigen, und Krieger trugen 
ihn zur Rathsversammlung, ja selbst zur Schlacht, 
denn nimmer wäre Childerich im Hause geblieben, 
wenn die Hessen die Speere schwangen im 
Männerkampf. 
Gesund waren Kopf und Herz. 
Neben ihm, auf kleinem Tische, stand ein 
silberverziertes Trinkhorn, gefüllt mit Trauben 
saft vom Rhein, und zu seinen Füßen, auf 
niederem Sitz, saß Hilda, sein Kind, vom 
Rocken, mit gelblichem Flachs umwickelt, mit 
geschickten Fingern Fäden ziehend und sie um 
den Wirtel schlingend. 
Fern vom Feuer lagen einige Dienstmannen 
Childerich's auf langer Bank, den dickbauchigen 
Methkrug vor sich. Gehörn vom Ur, vom Elenn 
und Hirsch zierte die Wände, und dazwischen 
hingen Waffen zur Jagd wie zum Kampfe. 
Sinnend sah der Greis vor sich hin, und nur 
von Zeit zu Zeit streifte sein Blick das Antlitz 
der lieblichen Jungfrau zu seinen Füßen.
	        

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