Full text: Hessenland (6.1892)

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leuchtete uns, es erglänzte nun alles in wun 
dersamer Schönheit. Leise athmete die Erde, 
die Fesseln der Erstarrung lösten sich. Ich wollte 
noch einmal reden, aber sie reichte mir mit 
Gs mar einmal. 
In meiner Jugend wünscht' ich oft voll Neid, 
Ein reifer Mann zu seien, groß und stark —. 
Nun ist vorbei die ros'ge Jugendzeit 
Und Kraft stärkt meinen Arm nun und mein Mark. 
Und was ich einst in meiner Kindheit bat, 
Es steht erfüllt vor meinen Augen da; 
Schon winkt der Rastort mir am Lebenspfad, 
Auf den ich einst wie unerreichbar sah. 
Doch, was ich damals neidisch mir erfleht, 
Es drang aus eines Kinds Gedankenthal; 
Des Mannes Seufzer nun darin besteht: 
„O! wär' ich jung!" — Doch ach! es war einmal! 
Es war einmal die Kindheit mir verlieh'n, 
Es war einmal die Lieb' in meiner Brnst, 
Doch Lieb' und Kindheit mußten rasch cntflieh'n —, 
Drum freu' dich der Erinn'rung sel'ger Lust. 
Kans von Kliern. 
Postfoastrt. 
Gedicht in Wetterauer Dialekt von 
Kriedrich von Hrals. 
's woar gähn *) Sonneinnergangk, 
— Aich off dr Raas', dr Wügk woar langk —, 
Do kohm die Post de Bärgt 2 ) erraff 3 ); 
E Trinkgeald — Wuppdich woar aich droff. 
Do blies „trara, trara!" 
Dorch's Koarnfeald geng's, die Strooße fort, 
Ohm Perrch 4 ) verrbei; 's fuhr dr Hort 5 ) 
Haam Z met dr Heerd. Ohn Kerch eann Hans 
Verrbei geng's, eann zoum Oart ennaus. 
's blies „trara, trara!" 
Etzt woar aach dorch de Wahld gcjaht, 
Wu schuhnd die Fichs „ge Noacht" gesaht. 
E Vihlche, doas geführt eamm Drahm, 
Doas kohm verr'sch Z Neast, „woas weckt ihr Ahm 
Merr au'm») trara, trara?" 
Ds Käuzi 9 ) harr enn Krcsch ,0 ) gedohn, 
Dr Muhnd, der penkt ") sein Leuchte ohn. 
Do leihe Mahnemächerschkeann ' 2 ) 
Eann rappenn 'Z off dr Kaffimenn 
Eamm Wahld. „Trara, trara!" 
einem bittenden Blick ihre Hand, und da wir 
ain Ausgang des Waldes angelangt waren, nahm 
sie Abschied von mir. 
(Fortsetzung folgt.) 
Eamm Wissedoahl richt's niwwilfeucht 'Z; 
Bahl kimmt ds Ziel, dr Muhnd der leucht. 
Do leir e Kerchhob I6 ) stell eann schihn. 
„Ach, läiwer Poftknächt, bloos näit mihn, 
Hihr off met Dei'm trara! 
Ach, stihr 'I näit, däi eann langer Reih 
Häi rouhe, — 's eaß mein Läibst debei! 
Sichst De 18 ) die weiße Ruuse stihn? 
Do schleft säi stell. Ach, bloos näit mihn! 
Hihr off met Dei'm trara!" 
Doo soagk dr Poftknächt ohn meich langk: 
„Dr lässt Gangk eaß dr schwirschte 19 ) Gangk; 
Ei glaabt Jhr" —fahr e — „aich blies verr Fraad? 
Aich bloose merr mein Herzelaad 
Ewück 2 ") met mei'm trara." 
Beim Gasthaus noochd 2 ') zoum Reawestvack ", 
Do moacht aich meid) erroabb 23 ) vom Boack, 
Saß langk noach off dr Bank verr'm Haus; 
Die Post fuhr eann die Noacht ennaus. 
's klung „trara, trara!" 
>> gegen, 2) Berg, S) herauf, 4 ) Pferch, b) Hirte, 
6) heim, 7 ) vor's, 8 ) mit euerem, 9 ) Käuzchen, w) Ge 
kreische (Schrei), n ) zündet an, Korbmacherskinder, 
iai ) rappeln, 1 4 ) Kaffeemühle, nebelfeucht, iß) Kirchhof, 
n) störe, i8) siehst Du, 1 9 ) schwerste, 20^ hinweg, 2!) nach 
her, 22) Nebenstock, 28) herab. 
Aus Aeimath und Fremde. 
In der am Montag den 30. Mai zu Kassel 
abgehaltenen Monatsversammlung des Vereins für 
hessische Geschichte und Landeskunde 
theilte der stellvertretende Vorsitzende, Bibliothekar 
Dr. Hugo Brunner, zunächst mit, daß der lang 
jährige verdiente Vorsitzende des Vereins, Major a. D. 
K. von Stamford, sein Amt niedergelegt habe. 
Dr. Brunner sprach sowohl im Namen des Gesammt- 
vorstandes als des Vereins den wärmsten Dank aus 
für die rastlose Thätigkeit und Fürsorge, die Major 
von Stamford, welcher 14 Jahre an der Spitze des 
an Zahl immer mehr gewachsenen Vereins gestanden, 
demselben gewidmet habe, und gab dem Wunsche Aus 
druck, daß Herr von Stamford auch fernerhin dem 
Verein sein Interesse bewahren möge. Die Gründe, 
welche ihn zur Niederlegung seines Amtes bewogen
	        

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