Full text: Hessenland (6.1892)

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nähert und der Wind in die schlaffen Segel 
fährt. Ein Eichhorn sprang ängstlich vor uns über 
den Weg, und nach einer Weile brachen mehrere 
Rehe durch das Gestrüpp, auch ein Habicht stieg 
mit'scharfem Schrei über uns auf. 
„Wir müssen im Walde bleiben, Ursula." 
„Ich weiß eine Höhle in der Nähe", antwortete 
sie und ging nun rasch vor mir her, ein Stück 
Weges aufwärts, dann bog sie die Ranken einer 
wilden Rose zur Seite und wir traten in den 
dämmerigen Raum hinein. In erhabener Ver 
düsterung lag der Wald vor uns, es war finster 
geworden wie in der Nacht, nur zuweilen über 
flog ein blauer Schein die Erde, und wir sahen dann 
durch das grüne Netz der Blätter, wie die Bäume 
zitterten. Ein Vogel flog zu uns herein, Schutz 
suchend, und fiel auf Ursula, welche sich still 
niedergesetzt hatte, er blieb in ihrem Schoß liegen, 
so geängstet war er. Sie streichelte ihn sanft, 
dann setzte sie ihn auf einen Stein und stand 
auf. In demselben Augenblick brach das Wetter 
los. Der Wald war bald weithin erleuchtet, 
bald lag er in Finsterniß begraben, es folgte 
Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Ursula 
stand an meiner Seite, sie hielt meine Hünd in 
der ihrigen, und ich merkte, daß sie zitterte. 
Ihre Lippen bewegten sich, sie sprach, aber ich 
konnte ihre Worte nicht verstehen. Plötzlich 
schrie sie auf. Ein breites Lichtmeer umfloß uns, 
und in dem geisterhaften Schein stand der Wald 
still, wie erstarrt, der Blitzstrahl fuhr schneidend 
durch das Flammenmeer, und unmittelbar darauf 
folgte der Donner so scharf, so gewaltig, daß 
mir die Kniee bebten. Da sah ich, wie die geliebte 
Gestalt neben mir wankte und niedersank, es war 
mir gerade noch möglich, sie aufzufangen, ehe sie 
völlig auf dem Boden lag. Sie war wie 
leblos, ihr Auge geschlossen, doch erkannte ich, 
daß es nicht der Blitz gewesen, welcher sie nieder 
geworfen hatte, sondern der Schreck. Ich sprengte 
ihr einige kühle Regentropfen auf die Stirn, 
dann legte ich ineinen Arm um ihren Körper 
und hielt sie, bis sie ans ihrer Ohnmacht er 
wachte. Immer noch folgte Blitz auf Blitz, und 
die Erde erbebte. Ursula lehnte ihr Haupt an 
meine Schulter. „Beruhige Dich, Ursula," sprach 
ich, „ich hin bei Dir." 
Sic schaute freundlich zu mir auf, und es flog 
wie Sonnenglanz über ihr bleiches Angesicht. 
Während der Donner über uns rollte, kam 
die Liebe über uns. Wir schauten uns in die 
Augen und küßten uns. Es war eine Stunde 
wie ein Traum. 
Der Regen rauschte mächtig, das Dunkel lichtete 
sich mehr und mehr, es schwanden die Schatten, 
welche uns umlagert hatten, aber mit diesen 
Schatten schwand auch unser Traum. Ursula 
entzog sich sanft meinen Armen und trat an den 
Ausgang d.w Höhle, schweigend schaute sie hinaus 
und horchte auf den Donner, welcher mehr und 
mehr verhallte. Dann sprach sie die feierlichen 
Psalmenworte: Die Erde bebte und ward bewegt, 
und die Grundfeste der Berge regten sich und 
bebten, da er zornig war. Dampf ging ans von 
seiner Nase und verzehrend Feuer von seinem 
Munde. Der Herr vergilt mir nach meiner 
Gerechtigkeit, nach der Reinigkeit meiner Hände 
vor seinen Augen." Darauf wandte sie sich 
wieder zu mir. „Das Wetter verzieht sich," 
sprach sie, „die Natur erwacht aus ihrer Er 
schütterung und wir mit ihr. Du darfst mich 
nicht wieder küssen, denn mein Herz ist krank, 
und meine Lippen sind nicht rein." 
„Ursula", fuhr ich auf. 
„Erzähle mir von Deiner Mutter und von 
Eurem Hause," gebot sie ruhig. 
Ich sammelte meine Gedanken, obwohl mir das 
Herz zitterte. Ich sprach von dein reichen Glück, 
welches meine Elternjin ihrem langen Leben durch 
ihre Liebe gesunden, und wie sie auch manches Leid 
gemeinsam mit einander getragen hätten. Ich schil 
derte unser Haus und sagte ihr, wie einsam es in 
ihm wäre und wie öde, und daß es mir nun noch 
leerer erscheinen würde, wenn sie mich von sich 
wiese. Sie hörte still zu, ohne mich zu unter 
brechen, dann nickte sie in ihrer nachdenklichen 
Weise und sprach: „Ganz wie ich es mir dachte, 
ein gutes, altes Bürgerhaus und hält auf Ehre. 
Ich passe nicht hinein." 
„Ach Ursula," bat ich, „rede nicht so. ich kann 
es nicht ertragen. Ich muß cs Dir ja glauben, 
daß über Deinem Leben finstere Mächte gewaltet 
haben, aber nie werde ich glauben, was Du sagst, 
und wäre es auch so, ich werde nicht von Dir 
lassen. Es giebt große Sünden, aber die Schuld 
wird überragt von der Vergebung, und es ist das 
schöne Vorrecht der Liebe, daß sie verzeihen kann, 
wo die Menschen richten. Werde mein Weib 
und laß uns vergessen, was hinter uns liegt!" 
„Ja, laß cs uns vergessen," wiederholte sie, 
„auch was hellte geschehen ist. O mein Freund, 
mir würde es ja ein seliges Glück sein, dürfte 
ich mein Haupt an Deinem Herzen aufrichten. 
Sieh! der Donner schweigt, und der Regen hat 
nachgelassen, ringsum erheben sich wieder die 
Halme von der Erde, aber nie mehr steht ans, 
was im Gericht des Gewissens zerschlagen ist. 
Wir wollen es still tragen." 
Sie trat in den Wald hinaus. AÜ- 
mälig kam die Sonne wieder hervor und um-
	        

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