Full text: Hessenland (6.1892)

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meinem Gesicht ausgeprägt haben. „Sie 
bemitleiden mich?" fragte Ursula. „Ich bin 
zufrieden, denn der Oheim ist gut mit mir. 
Ich habe ein hübsches Zimmer, etwas kahl und 
finster ist cs zwar, dafür ist es auch ruhig und 
still. Ich höre den Fluß vorbei rauschen und 
beobachte, wie der Mond mit den Wellen spielt. 
Im Garten blühen viele Blumen, Rosen, Nelken 
und vieles Andere, und jedenfalls war es ein 
Glück, daß ich hier ankommen konnte. Das 
haben mir alle gesagt, und ich pflichte ihnen bei." 
„Ursula," rief ich, „Sie müssen aus dieser 
Einsamkeit heraus und unter die Menschen, Sie 
werden selbst in solcher Umgebung menschenscheu. 
Ich bin Ihnen fremd, und dennoch möchte ich 
Sie um die Erlaubniß bitten, mich Ihrer an 
nehmen zu dürfen." 
Sie schüttelte traurig den Kopf. „Das geht 
nicht mehr. Beachten Sie! Eine Blume, welche 
geknickt worden ist, wirft man aus dem Garten, 
sie stört nur. Nein, ich Passe nicht mehr unter 
die Menschen, man hätte mich ja schließlich in 
in der Stadt behalten, aber es ging nicht gut. 
Wenn man still auf der Straße geht, dann 
schütteln die Leute den Kopf und sagen: Das 
ist sie, das arme Mädchen, das verdrehte, wunder 
liche Kind, und sie blicken neugierig nach Ihren 
Augen. Würden Sie das behaglich finden? 
Gewiß nicht. Sie werden das einsehen." 
Eine Weile stand sie vor mir, ich sah es an 
ihren Auge», daß ihr Geist schmerzliche Wege 
wandelte, aber da sie sich nicht weiter erklärte, 
hielt ich es für unzart, eine Frage zu stellen oder- 
gar meine Bitte zu wiederholen. Sie führte 
mich auch bald darauf in den Wald hinein. Wir 
sahen seltene Pflanzen und genossen sehr schöne 
Fernsichten. Im Thalgrunde lagen zahlreiche 
Dörfer verstreut, auch Burgen erhoben sich über 
waldumwachsenen Hügeln, und der Fluß wand 
sich wie eine glänzende Schlange durch die Wiesen. 
Ursula plauderte in einer lieblichen Weise, nur 
daß ihre Rede immer wieder schwermüthige An 
klänge hatte. Ich kam noch einmal auf meine 
Bitte zurück, als es das Gespräch so fügte, aber 
sie schien meine Worte zu überhören. Bald 
darauf zeigte sie mir ein Nest, welches in einer 
Brombeerhecke aus losen Halmen gebaut war. 
Das Vöglein blieb ruhig sitzen, als Ursula sich 
hinab neigte, doch als auch ich mich niederbeugte, 
flog es auf. 
„Sie dürfen nicht so hastig sein", mahnte 
Ursula. „Das macht scheu und ängstlich." 
Ich nahm diese Worte noch in einer weiteren Be 
deutung, als sie ursprünglich gesprochen waren. 
So folgten viele sonnige Tage, während welcher 
ich immer tiefere Blicke in Ursula's Herz thun 
konnte, doch blieb mir bei all' ihrer Offenherzigkeit 
Vieles noch verborgen. So viel aber erkannte ich, ihr 
Herz war wie der stille klare Waldsee, in welchen 
kein moderndes Blatt gefallen ist, rein und voll 
. ernster Gedanken. Auch sie zeigte mir, daß ihr meine 
Anwesenheit lieb sei, und oft fragte sie, ob ich denn 
noch nicht nach Hause zurückkehren müsse. Wenn ich 
ihr dann versicherte, daß ich ganz wohl noch bleiben 
könnte, dann lächelte sie fröhlich. Sie meinte 
wohl auch zuweilen: „Aber was fängt jener 
Drache an, von welchem Sie sprachen? Er wird 
aus der Haut sahren." 
„Lassen wir ihn," antwortete ich, „es wird ihm 
nichts schaden." 
Dann gingen wir glückselig in den Wald 
hinein, und habe ich es durch Ursula gelernt, 
meine Augen zu gebrauchen und zu erkennen, 
wieviel Schönheit der liebe Gott in den Wald 
hineingelegt hat, von den erhabenen rauschenden 
Bäumen an bis zu den unscheinbaren Gewächsen, 
welche den Teppich des Waldes bilden. 
Einmal waren wir durch tiefe nächtliche Waldes 
gründe gekommen. Wir standen lange stumm auf 
einer roh aus Balken zusamniengefügten Brücke und 
sahen der schäumenden Fluth nach, welche sich über 
moosbewachsenes Gestein in eine finstere Tiefe 
warf. Es wehte kühl vom Wasser her, und schwer- 
müthig brauste es in den dunklen Wipfeln über 
uns, sonst war es still, kein Vogel sang in dieser 
Einöde. 
„Es ist das Wehen der Vergangenheit", sprach 
Ursula ernst. „Hier gedenke ich der Geschlechter, 
deren Spur verweht und deren Andenken ge- 
scbwunden ist, und schöpfe Kraft für die eigene 
Seele. Hohe, himmelstürmende Gedanken und 
niedrige Sorge, großer Schmerz und kleinliche 
Kümmernisse, eine Zeit lang beschäftigen sie uns, 
dann ist alles vergessen, und unter diesen Wipfeln 
stehen wieder andere Menschen. Das ist weh 
müthig und tröstlich zugleich." 
Derartige geheimnißvolle Andeutungen ernster 
Lebenserfahrung kehrten häufig wieder und bildeten 
eine Mauer, über welche ich nicht hinweg konnte. 
Ursula brach dann ihre Rede hastig ab, und ihr 
Antlitz umwölkten dunkele Schatten. Auch jetzt 
wandte sie sich schnell und ging den lichteren Theilen 
des Waldes zu. Da merkten wir, daß sich ein 
schweres Wetter über uns zusammen gezogen 
hatte. Es war sehr schwül, und lautlose Stille 
herrschte um uns her, die Zweige hingen leblos, 
und es regte sich kaum ein Blatt. Auch die 
Vöglein schwiegen, und es fiel uns. auf, wie 
unhörbar wir über das Moos dahinschreiten 
konnten Wir hofften zuerst, es sei möglich, 
Germerode vor Ausbruch des Wetters zu erreichen, 
aber bald erkannten wir unsern Irrthum, denn 
schon ging ein Sausen durch die Wipfel, wie 
wenn das Meer nach der Ebbe sich dem Gestade
	        

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