Full text: Hessenland (6.1892)

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Ma mir daran lag, Näheres über Ursula 
WT gegenwärtiges Leben und ihre Umgebung 
zu hören, fragte ick: „Dieser Oheim ist 
ohne Zweifel auch ein Gelehrter?" 
Ursula lachte auf. „Ein Gelehrter! Wo denken 
Sie hin? Das heißt, er hat ja auch seine Kennt 
nisse. Er ist ein mittelmäßiger Botaniker, aber 
ein guter Ornithologe, er ist ein Vogelkundiger 
durch eigene Beobachtung, er versteht den Gesang 
und belauscht die Kinder des Waldes in ihrem 
geheimnißreichen Leben. Er ist ein Lehrersohn 
und selbst Lehrer gewesen, aber einer aus der 
guten alten Zeit. Sie müssen nämlich wissen, 
daß er wegen seiner Verdienste um das Vater 
land den Ruheposten eines Lehrers erhielt." 
„Den Ruheposten?" warf ich ein. 
„Jawohl, er war einst ein tüchtiger Soldat, 
aber jetzt blieb er entschieden hinter der 
Linie zurück, das hat er selbst eingesehen und es 
ist ihm sehr schmerzlich gewesen. Zum Glück 
erbte er den Berghof und konnte sich so die 
Sache mit ansehen. Es waren neue Zeiten und 
neue Menschen gekommen, die nichts von seinen 
Verdiensten wußten. Sie waren immer unzu 
frieden mit ihm, und doch haben die Kinder nie 
so viele Kenntnisse über das, was in Wald und 
Flur vor sich geht, sich angeeignet, als da er 
ihr Lehrer war. Jetzt ist er ganz Erfinder. 
Sie müßten sich einmal seine Einrichtung ansehen 
können. An den Wänden hängen eine Menge 
Vögel, welche er beobachtet und erzieht. Sie 
finden allerlei wunderliche Maschinen und inter 
essante mechanische Vorrichtungen: zum Beispiel, 
will er im Bett lesen, so zieht er an einer Schnur, 
und so rollt es an's Fenster. Und so manches 
Andere. Gegenwärtig hat er einen Kühlapparat 
ersonnen." 
„Einen Kühlapparat?" rief ich verwundert. 
„Ja. Es ist etwas ganz Einfaches, man 
nimmt zwanzig oder dreißig Töpfe poröser Art 
und füllt sie mit Wasser. Die reichliche Ver 
dunstung bewirkt dann einige Kühlung. Ferner 
finden Sie ein perxstuuni mobile. Sie lachen? 
Ursprünglich war es ihm auch nur eine scherz 
hafte Idee, aber allmälig ist ihm die Sache 
Ernst geworden, er hat die Entdeckung end 
gültig gemacht, bis auf einen kleinen Fehler 
in der Konstruktion, welchen er demnächst zu 
beseitigen gedenkt. Früher legte er sich auch 
einmal auf die Philosophie, als er an der Welt 
und seinen Vorgesetzten verzweifelte. — Wißt Ihr 
was das ist? Ja, antworteten die Kinder. Wißt 
Ihr es wirklich? fragte er nun, indem er sie 
strenge ansah. Ja, es ist ein Tisch. So? 
Woraus ist dieser Tisch gemacht? Aus Holz. 
Was ist Holz? Tannenholz, antworteten sie. Was 
ist Tannenholz? Nun wußten sie nichts weiter 
z» sagen. Ihr seht also —, faßte der Oheim das 
Ganze zusammen, Ihr wißt nicht einmal das 
Einfachste, ich auch nicht, die anderen gleichfalls 
nicht, und das ist mir ein Trost. —" 
Ursula blickte mir lächelnd in's Gesicht. „Ja, 
so rächte er sich", versetzte sie. „Er brachte es 
nicht fertig, nach Vorschrift zu unterrichten, er 
sagte alles gerade zu, aber er verstand es nicht, 
methodisch zu entwickeln. So sollte er ein 
Gedicht behandeln von dem Wirthe wundermild. 
Sie erinnern sich: der Apfelbaum. Es war ihm 
nicht möglich. Sie müssen es herausbringen —, 
ermunterten ihn die Herrn, fragen Sie doch, setzen 
Sie ihnen das Gewehr auf die Brust, frisch, 
alter Kriegsmann! Also, sagt er, was ist das, 
wovon wir hier sprachen? Na, es hat eine röthliche 
Schale, und was unter der Schale ist, schmeckt 
gut. Es ist eine Wurst, antworteten die Kinder. 
— Da bat man den Oheim, er möchte doch auf 
den Berghof ziehen. — Außerdem liebte er es, den 
Hund mit in die Schule zu nehmen, denn es 
machte ihm viel Vergnügen, wenn dieser in den 
Gesang hinein bellte. Er lachte dann, bis ihm 
die Thränen über die Wangen liefen. Es 
stimmt mich ganz melancholisch, sprach er, ganz 
melancholisch. —" 
„Ist er verheirathet, dieser Oheim?" fragte ich 
entsetzt. 
„Verheirathet? ei, wie sollte er. Man spricht 
von einer todten Liebe. Das Mädchen soll 
einen anderen genommen haben, und darum, so 
erzählt man, sei der Oheim unter die Soldaten 
gegangen. Ich weiß nichts über die Sache. Er 
ist das, was man einen Sonderling nennt, ein 
scheuer Mann, doch geht er zuweilen unter die 
Menschen, nur in sein Zimmer läßt er Niemanden. 
Weibervolk ist ihm ein Greuel." 
„Also mit diesem alten Herrn hausen Sie 
allein!" sprach ich. Ein tiefes Mitleid ergriff 
mich. Welch' ein Leben mußte hinter diesem 
Mädchen liegen, zuerst der Vater, dessen Selt 
samkeiten wenigstens durch die Liebe verklärt 
wurden, und dann dieser Oheini, dieser einsame, 
verstimmte Mann. 
Meine Gedanken mußten sich deutlich in 
Ursula. 
Eine Geschichte aus Waldesgründen 
von Wilhelm Speck. 
< Fortsetzung.)
	        

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