Full text: Hessenland (6.1892)

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Immerhin war dieser Kampf doch weit 
eher einem Gemetzel als einem Streiten zu 
vergleichen, indem jene feindlichen Reiter sich 
nicht sowohl bestrebten, ihre Gegner außer Ge 
fecht zu setzen, als vielmehr die bereits wehrlos 
gewordenen zu massakriren. So u. a. ward 
Lieutenant von Winzingerode, ein junger, hoff 
nungsvoller Offizier, schon von mehreren Hieb 
wunden in den Kopf getroffen und besinnungslos 
umhertaumelnd, dessen ungeachtet von dem An 
führer jener feindlichen Reiter, dem französischen 
General Jllier, geradezu meuchelmörderischer 
Weise von hinten her mit eigener Hand nieder 
gestochen. 
Aber er starb nicht ungerächt, denn wenn auch 
sein Diener — Jäger Engel — nicht im Stande 
gewesen war, bereits selbst verwundet, wie er es 
war, ihm noch rechtzeitig zu Hilfe kommen zu 
können, setzte er doch das eigene Leben ein, seinen 
Herrn wenigstens zu rächen, indem er den General 
Jllier auf der Stelle niederschoß. 
Auch war es ein Meisterschuß, den der treue 
Bursche gethan, indem er trotz seiner Wunden 
und seiner Aufregung dabei so sicher sein Ziel 
genommen und mit so fester Hand sein Rohr 
gelenkt hatte, daß er den General Jllier mitten 
in das Herz getroffen. *) 
Dieses anhaltende mörderische Feuer der Jäger 
sowie das Herannahen einer Abtheilung öster 
reichischer Husaren zwang denn auch jene feind 
lichen Reiter, schon sehr bald ihr Heil in schleunigster 
Flucht zu suchen, worauf die Jäger alsbald 
wieder nach der Stelle hineilten, wo sie die bereits 
von ihnen eroberten feindlichen Geschütze hatten 
im Stiche lassen müssen. Indessen war es dem 
Feinde gelungen, zwei derselben mittlerweile noch 
in Sicherheit zu bringen. 
Wahrend nun Stabskapitän von Münch 
hausen und Lieutenant von Wolf ein jeder 
sich von Neuem auf einen Vierpfünder, die Jäger 
*) Obgleich in Folge dessen von den erbitterten Feinden 
mit 22 Hieb- und Stichwunden niedergemetzelt, fand Engel 
dennoch nicht den Tod, sondern ward wieder hergestellt. 
Jedoch dienstunfähig geworden und deshalb mit einer kleinen 
Pension entlassen, war erst langes Siechthum und endlich, 
— nachdem er alt und ganz arbeitsunfähig geworden, alle 
seine Angehörigen vor ihm dahingestorben waren—.sogar 
der bitterste Mangel sein Loos. Einer jener alten braven 
Hessen — nämlich Hauptmann von Münchhausen — die 
besser still zu dulden als laut zu klagen verstanden, traf 
ihn 37 Jahre später, im Winter 1830, ganz zufällig in 
dessen Heimathsgemeinde — im Schaumburgischen — in 
einer von ihm sich selber auf dem Gemeindeanger mühsam 
ausgegrabenen Erdhöhle, dem Hungertode nahe und 
von Frost fast erstarrt, als ein Jammerbild höchsten mensch 
lichen Elends an. Es bedarf wohl kaum der Versicherung, 
daß der edle Münchhausen in jeder Weise dafür Sorge 
getragen hat, daß der arme Dulder die letzten Jahre seines 
Lebens sorgenfrei und in Behaglichkeit zu verbringen ver 
mochte. 
Heckmann und Brandenstein aber gemein 
schaftlich auf einen Achtpfünder losstürzten, ge 
lang es einer Abtheilung von 10—12 öster 
reichischen Husaren vom Regiment Erzherzog 
Leopold, ehe die übrigen Jäger heranzukommen 
vermochten, sich der beiden noch übrigen Ge 
schütze zu beniächtigen und solche als ihre Beute 
hinwegzuführen. 
Inzwischen hatte der übrige Theil der Infanterie 
der Hauptkolonne theils die feindlichen Schanz 
werke an der Heerstraße nach kurzem Widerstand 
erstürmt, theils war derselbe zur Unterstützung 
der Jäger und des leichten Bataillons Lenz in 
den Wald eingedrungen. 
Nachdem sodann noch weiter durch das leichte 
Bataillon Lenz und das 1. Bataillon Gyulay eine 
zweite quer über die Lauterburger Straße an 
gelegte Verschanzung mit dem Bajonett erstürmt 
worden war, indessen die hessischen Jäger in den 
zur Rechten, einige österreichische Freikompagnien 
in den zur Linken angelegten Verhau eindrangen, 
zog sich der Feind mit einein Verlust von 5 
Geschützen und von mehr als 100 Getödteten 
und ebenso viel Gefangenen eiligst nach Lauter 
burg zurück. 
Der hessische Verlust bestand aus 1 Offizier 
(Lieutenant von Winzingerode) und 5 Mann an 
Getödteten, und aus 3 Offizieren (Oberst von 
Lenz, Hauptmann Resius und Lieutenant Hausen), 
sämmtlich vom leichten Bataillon Lenz, und 1(> 
Mann an Verwundeten und in 2 Gefangenen. 
Der österreichische Feldmarschalllicutenant 
von Kospoth, welcher die Vorhut der Kolonne 
geführt und zufällig Zeuge der kühnen Uner 
schrockenheit der Jäger gewesen war, ritt nach 
beendigtem Kampfe zu denselben hin und sprach 
ihnen in feurigen Worten seine Anerkennung 
aus, wobei er namentlich den Stabskapitün von 
Münchhausen als den Tapfersten unter den 
Tapferen bezeichnete, und denselben öffentlich vor 
Aller Augen umarmte. 
KarlLudwig vonMünchhausen, 1750 
zu Oldendorf geboren, ebenso ausgezeichnet als 
Soldat, wie als Mensch, war überhaupt das 
Muster eines Edelmannes in der vollsten und 
wahrsten Bedeutung des Wortes. Von uner 
schütterlicher Unerschrockenheit, hochgebildet und 
selber ein gemüthvoller Dichter, ward er schon 
in Amerika nicht nur der Beschützer, sondern auch 
der Freund des späterhin als Schriftsteller ge 
feierten Johann Gottfried Seume, der damals 
als Sergeant in demselben Regiment, Landgraf, 
diente, in welchem Münchhausen als Offizier 
stand. 
Beim Ausbruche der Revolutionsfeldzüge zu 
dem Feldjägerkorps versetzt, ward er in An 
erkennung seines vorzüglichen Verhaltens in dem
	        

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